Rente: Steigende Beiträge treiben Arbeitskosten hoch

Anne Mareile Walter Berater Versicherungen

Eine Studie der Bertelsmann Stiftung wirft düstere Zukunftsprognosen auf: Schon im Jahr 2035 könnten die Beitragssätze zur Sozialversicherung fast die Hälfte des Einkommens ausmachen. Wirtschaftsexperten zeigen in der Untersuchung auf, wie sich das vermeiden lässt.

Bertelsmann Bild: Adobe Stock/Animaflora PicsStock

"Die doppelte Haltelinie ist nicht zu halten": In einer aktuellen Studie kritisieren Wirtschaftsexperten das deutsche Rentensystem als nicht nachhaltig. Bild: Adobe Stock/Animaflora PicsStock

Jeder zweite Mensch in Deutschland ist älter als 45 und jeder fünfte älter als 66 Jahre – mit den Herausforderungen des demografischen Wandels hat sich nun eine aktuelle Studie der Bertelsmann Stiftung befasst. Diese zeigt, wie dringend Reformen nötig sind, damit im Jahr 2035 die Sozialversicherungsbeiträge nicht fast die Hälfte des Einkommens der Erwerbstätigen ausmachen. Aktuell liegen die Beitragssätze bei 39,8 Prozent des beitragspflichtigen Einkommens – bis 2035 könnte sich dieser Anteil laut der Untersuchung auf 47,9 Prozent erhöhen. 100 Menschen im erwerbsfähigen Alter stehen derzeit rund 35 Rentnern oder Pensionären gegenüber, bis 2035 könnten es 48 Rentner pro 100 Erwerbstätige sein.  

Die Nachfrage nach ungelernten Arbeitskräften wird abnehmen

Andreas Esche, Wirtschaftsexperte der Bertelsmann Stiftung, warnt: „Die Alterung der Bevölkerung wird zu einer gefährlichen Belastungsprobe für Staatsfinanzen und Sozialsysteme.“ Parallel zu einem Anstieg der Beitragssätze prognostizieren die Studienautoren auch einen Anstieg der Arbeitskosten insgesamt. Denn mit höheren Beitragssätzen würde die Nachfrage nach vor allem ungelernten Arbeitskräften abnehmen. Und das wiederum könnte innerhalb der kommenden 15 Jahre die Arbeitslosenquote auf bis zu acht Prozent steigen lassen. Die Folge: Sinkende Einnahmen in allen Zweigen der Sozialversicherung und die ohnehin durch die Corona-Krise stark belasteten öffentlichen Haushalte werden noch stärker zur Kasse gebeten. Das Zukunftsszenario der Studie fällt dementsprechend düster aus: Von aktuell 66,7 Prozent des Bruttoinlandsprodukts würde sich die Staatsverschuldung bis zum Jahr 2035 auf 71,5 Prozent erhöhen.  

Um diese Entwicklung abzuschwächen, empfehlen die Studienautoren, mehr Fachkräfte aus dem Ausland anzuwerben und diese schneller zu integrieren. Zudem solle Frauen der Zugang zum Arbeitsmarkt erleichtert werden. Immer noch steckten viele Mütter wegen nicht ausreichender Betreuungsmöglichkeiten für Kinder in der „Zweitverdienerinnenfalle“. Um für mehr Wachstum zu sorgen und dadurch den Arbeitsmarkt zu entspannen, seien auch „eine bessere Bildung und eine Verbesserung des Gesundheitszustands“ nötig.

Die Rente an die steigende Lebenserwartung anpassen

Ein Kritikpunkt der Wirtschaftsexperten ist zudem die 2019 eingeführte „doppelte Haltelinie“. Diese legt fest, dass bis zum Jahr 2025 der Beitragssatz zur gesetzlichen Rente nicht über 20 Prozent steigen und das Rentenniveau nicht unter 48 Prozent sinken soll. Aus Sicht der Studienautoren keine nachhaltige Regelung, denn: Um die „doppelte Haltelinie“ dauerhaft zu etablieren, seien weitere Zuschüsse des Bundes und eine stärkere Belastung der Steuerzahler nötig. So müssten die Bundesmittel von heute 2,9 Prozent des BIP auf 4,9 Prozent im Jahr 2035 fast verdoppelt werden und jeder Erwerbstätige hätte zum Ausgleich der Rentendefizite zusätzlich 4.300 Euro zu erwirtschaften. Als Alternative schlagen die Autoren vor, die Rente an die steigende Lebenserwartung anzupassen. „Bei einer zu erwartenden Zunahme der Lebenserwartung um ein Jahr würden nach 2030 dann zwei Drittel des ‚gewonnenen‘ Jahres der Erwerbsarbeit zugeschlagen und ein Drittel dem Rentenbezug“, schreiben sie. Das Verhältnis von Erwerbs- und Rentenbezugsphase bliebe so weitgehend konstant, das Rentenniveau bis nach 2060 bei über 45 Prozent und der Beitragssatz stabilisiere sich bei rund 24 Prozent.

Wirtschaftsexperte Esche weist jedoch darauf hin. „Keine Einzelreform wird reichen, notwendig ist ein aufeinander abgestimmtes Maßnahmenpaket zur Sicherung unseres Sozialstaats.“

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