Präventionsparadox: „Es ist ja nichts passiert”

Hannah Petersohn Versicherungen Berater

Um Schäden zu verhindern, sind vorbeugende Maßnahmen ein probates Mittel – nicht erst seit der Corona-Pandemie. Allerdings verleitet das sogenannte Präventionsparadox Menschen immer wieder zu riskantem Verhalten. Warum das so ist, erklärt Zukunftsforscher Kai Gondlach.

Das Präventionsparadox Bild: Adobe Stock/Marco2811

Bleibt durch Vorsichtsmaßnahmen ein Schaden, sinkt das Bewusstsein für die Gefahr. Die Folge: Menschen lassen sich von den Maßnahmen nicht mehr überzeugen. Bild: Adobe Stock/Marco2811

procontra: Herr Gondlach, würden Sie als Zukunftsforscher zustimmen, dass Schadenprävention ein Trendthema ist?

Kai Gondlach: Prävention ist ein Riesenthema, besonders in der Krankenversicherung. Smarte Technologien wie Fitnesstracker nutzen nicht mehr nur die jungen Leute, denn die Anwendungen sind unkomplizierter geworden und die Anschaffungskosten gesunken. Ein anderes neues Thema ist die Auswertung des Genoms: Es gibt Kunden, die anhand dieser Daten individualisierte Angebote zu vorbeugenden gesundheitlichen Maßnahmen oder maßgeschneiderte Ernährungstipps bekommen möchten. Aber diese Daten dürfen Versicherer in Deutschland nicht erheben.

procontra: Kommt es auch immer mehr auf Prävention an, weil die Menschen hierzulande im Durchschnitt immer älter werden? Denn: Wer will schon alt werden, aber dabei von Krankheit und Schmerz geplagt sein?

Gondlach: Ja, der Gesundheitsmarkt wird sich von einem kurativen zu einem präventiven Markt wandeln. Früher gingen 95 Prozent der Ausgaben bei den Krankenkassen für kurative und der Rest für vorbeugende Maßnahmen drauf. Das wollen die Krankenversicherer komplett umdrehen. Sie nutzen dafür zum Beispiel das sogenannte Nudging: Sie versuchen also Versicherte mehr oder weniger subtil zum gesundheitsbewussten Verhalten zu anzuregen und sagen Versicherten: Wer gesund bleibt, bekommt am Ende des Jahres Geld von der Krankenkasse zurück. Das wäre etwas, dass sich auch auf Haftpflicht, Hausrat oder Rechtsschutz anwenden ließe.

Kai Gondlach, Zukunftsforscher Bild: Kai Gondlach

procontra: Welchen Einfluss hat die seit fast zwei Jahren andauernde Pandemie auf das Thema?

Gondlach: Durch die Pandemie haben die meisten verstanden, dass Prävention sinnvoll ist. Ein Großteil der Gesellschaft hat immer wieder gesehen, dass die Einschränkungen zur Eindämmung der Pandemie die Inzidenz und Hospitalisierungen sinken lassen. Das hat viele von der Sinnhaftigkeit vorbeugender Maßnahmen überzeugt. Aber es greift auch das sogenannte Präventionsparadox, dabei handelt es sich um eine typische Wahrnehmungsverzerrung: Wenn durch bestimmte Vorsichtsmaßnahmen der Schaden ausbleibt, sinkt das Bewusstsein für die entsprechende Gefahr. Dann lassen sich die Menschen von bestimmten Maßnahmen nicht mehr überzeugen, denn: Es ist ja nichts passiert. 

procontra: Unabhängig von den positiven Effekten auf die Gesundheit der Verbraucher: Welche Vorteile bieten präventive Maßnahmen noch?

Gondlach: Smarte Technologien können zum Beispiel auch beim Thema Versicherungsbetrug helfen: Ein Versicherer will ja nicht nur Menschen schützen, sondern im Zweifel auch nachweisen können, wenn ein Versicherungsnehmer betrogen hat. Ist ein Fahrrad so ausgerüstet, dass es geortet werden kann, wird ein Diebstahlbetrug schwierig.

procontra: Also dient Prävention in erster Linie der Kosteneinsparung?

Gondlach: Nicht nur, denn auf der Kundenseite geht es nicht allein um den Sachschaden, sondern auch um den emotionalen Schaden. Bei mir wurde mal eingebrochen und seit diesem Zeitpunkt habe ich mich nicht mehr sicher in meiner Wohnung gefühlt. Irgendwann bin ich umgezogen.

procontra: Das wäre ein gutes Verkaufsargument für Überwachungssysteme.

Gondlach: Schon, aber ich denke, dass sich viele Menschen nicht unbedingt eine Überwachungskamera über der Tür installieren lassen würden. Wenn sie allerdings mit der Gegensprechanlage gekoppelt ist, die Ein- und Ausgänge an der Wohnungstür aufzeichnet und man dann eine Push-Nachricht aufs Handy bekommt, könnte die Hemmschwelle geringer sein.

procontra: Damit könnten Versicherungsunternehmen ja werben.

Gondlach: Ja, aber die Versicherer sind nicht alleine auf diesem Markt. Sie konkurrieren mit den Technologieunternehmen. Beispiel Handydiebstahl: Viele Firmen bieten gegen eine geringe Gebühr an, das Handy sogar dann noch zu orten, wenn es geklaut und die SIM-Karte entfernt wurde. Da kann ein klassisch organisierter Versicherer nicht mehr mithalten. Das ist ein Riesenthema in der Branche: Die großen Versicherer wissen, dass sie die Transformation nicht mehr hinbekommen und einknicken werden.

procontra: Warum glauben Sie, dass die Versicherer abgehängt sind?

Gondlach: Derzeit finden die größten Transformationen gleichzeitig statt: Die Digitalisierung haben viele Versicherer bezogen auf ihr Geschäftsmodell verschlafen. So richtig digital sind sie alle nicht geworden. Außerdem müssten sie ihre Unternehmensorganisationen komplett über den Haufen werfen, um auf große Umwerfungen rechtzeitig reagieren zu können. Sie sind intern immer noch nicht schnell, nicht agil genug. Wir kennen alle die Schlagzeile: „Wir bekämpfen die Pandemie mit Fax-Geräten“. Ein weiteres Problem ist der demografische Wandel: Die Schadenanfälligkeit für Pishingattacken ist bei älteren Menschen höher. Gleichzeitig fehlen in allen Abteilungen die Fachkräfte, die vor Ort einen Schaden prüfen. Deswegen brauchen sie künstliche-Intelligenz-Systeme, die aber durch die mangelhafte Digitalisierung fehlen. Wenn es Monate dauert, bevor ein Handwerker einen Schaden reparieren kann, wird Vorbeugung immer wichtiger.

In unserer aktuellen Themenwoche beschäftigen wir uns mit der Frage, inwiefern das Thema Schadenprävention auch in Zukunft weiter an Bedeutung gewinnen wird. „Prävention ist ein Thema, das alle gesellschaftlichen Gruppen betrifft“, mahnte erst kürzlich GDV-Geschäftsführer Jörg Asmussen. Schließlich erwarten auch Risikoanalysten, dass Versicherer künftig jedes Jahr immer höhere Schäden durch Naturkatastrophen, Cyberangriffe und andere Gefahren stemmen müssen.

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