Kfz-Telematik-Tarife: Gut oder schlecht für das Versichertenkollektiv?

Florian Burghardt Versicherungen

Telematik-Tarife werden in der Kfz-Versicherung immer gefragter. Laut der Deutschen Aktuarvereinigung könnten sie sogar sinkende Prämien für das gesamte Kollektiv bewirken. Kritiker sehen das ganz anders und befürchten eher steigende Beiträge.

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Bei der Deutschen Aktuarvereinigung betrachtet man Telematik-Tarife sehr optimistisch. Kritiker behaupten dagegen, dass „Pay as you drive“-Angebote den Versicherungsgedanken kaputtmachen würden. Bild: Adobe Stock/Destina

„Pay as you drive“ – je umsichtiger man Auto fährt, desto weniger muss man für die eigene Kfz-Versicherung bezahlen. Mit diesem Prinzip buhlen seit ein paar Jahren einige deutsche Kfz-Versicherer um Kunden und erschließen sich zunehmend Technik- und Online-affine Zielgruppen. So hat der Kfz-Marktführer Huk-Coburg laut eigener Aussage mit seinen Telematik-Tarifen seit deren Einführung vor zwei Jahren über 400.000 Kunden überzeugt.

Für den Nutzen und die Zukunftsfähigkeit von Telematik-Tarifen hat sich heute, mitten in der Kfz-Wechselsaison, die Deutsche Aktuarvereinigung (DAV) ausgesprochen. Die Auswertung von zum Beispiel Beschleunigungs-, Kurven- und Bremsverhalten der Menschen würde diesen einen unmittelbaren Eindruck von ihrem Fahrstil vermitteln, heißt es in einer Presseinformation. Mittels dieses Feedbacks könnten die Versicherten selbst Einfluss auf ihr individuelles Risiko und damit auf ihre Versicherungsprämie nehmen. „Durch das eigene Verhalten können die Kundinnen und Kunden also zu einem günstigeren Preis gelangen, der vielfach auch besser ihre subjektive Risikoeinschätzung als das bisherige Tarifgerüst widerspiegelt“, erklärt DAV-Vorstandsmitglied Detlef Frank.

Der Vorsitzende des DAV-Ausschusses Schadenversicherung schlussfolgert daraus aber nicht nur risikogerechtere Prämien für einzelne Autofahrer, sondern auch eine vorteilhafte Entwicklung für alle Kfz-Versicherten: „Die aus der Risikoverhaltensänderung resultierende sinkende Schadenlast könnte potenziell sogar auf das Gesamtkollektiv in Form sinkender Prämien ausstrahlen, wenn es sich dabei um einen nachhaltigen Trend handeln sollte.“

Für die einen wird es günstiger, aber…

Diese Sichtweise wird den einen oder anderen überraschen. Zwar klingt Franks These plausibel, jedoch beschreibt sie eine sehr optimistische Entwicklung: Versicherte Risiken, die durch Eigenmotivation weniger riskant werden. Dabei steht eine Tarifentwicklung hin zu einem individuellen versicherungstechnischen Äquivalenzprinzip (also dem individuellen Risiko entsprechenden Beiträgen) seit jeher in der Kritik. Denn wenn die „guten“ Risiken alle weniger in den Topf einzahlen, müssen die „schlechten“ Risiken automatisch mehr bezahlen, um die Schadenaufwendungen zu decken. Besonders in der seit Jahren für viele Anbieter defizitären Kfz-Versicherung müsste das deutliche Prämiensteigerungen für schadenträchtige Autofahrer bedeuten. Bislang ist der Tenor aber, dass die „schlechten“ Risiken maximal den normalen Nicht-Telematik-Beitrag bezahlen müssen, keinesfalls mehr.

Dass „Pay as you drive“-Angebote den Versicherungsgedanken kaputtmachen, kritisiert unter anderem der BdV-Vorstandssprecher Axel Kleinlein, seines Zeichens selbst Versicherungsmathematiker. Doch Umfragen zufolge befürchtet auch etwa jeder zweite Verbraucher, dass ein größeres Angebot an Telematik-Versicherungen das Prämienniveau anheben würde. Diese Einschätzung gilt übrigens nicht nur für die Kfz-Versicherung, sondern allgemein für die Schadenversicherung sowie für Biometrie-Policen.

Ganz anders die Aktuare. Über eine risikogerechte Differenzierung und Kundenbindung könnten über Sparten hinweg weitere Risiken versicherbar gemacht werden, heißt es. Frank: „Die Kfz-Telematik ist zweifellos ein Ansatz für künftige Versicherungsprodukte, wobei die aufgezeigten Herausforderungen lösbar sein dürften.“

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