„Die EZB bringt zu viel Geld in Umlauf“

Stefan Terliesner Investmentfonds

Erstmals seit fast 30 Jahren ist die Inflation im November über die Fünf-Prozent-Marke gestiegen. Welche Faktoren dahinter stecken, verrät Jörg Krämer, Chefvolkswirt der Commerzbank, im Interview.

Bild: Adobe Stock/weixx

"Wir treten in eine heikle Phase ein. Während überall in der westlichen Welt die Notenbanken die Zügel anziehen, hält die EZB die Geldschleusen offen", warnt Jörg Krämer Chefvolkswirt bei der Commerzbank. Bild: Adobe Stock/weixx

procontra: Herr Krämer, welche Faktoren treiben derzeit die Inflation in Deutschland?

Jörg Krämer: Es gibt mehrere Treiber. Zum einen die Energiekosten und hier vor allem der gestiegene Ölpreis. Das hat die Inflationsrate um anderthalb Prozentpunkte erhöht. Ein weiterer knapper Prozentpunkt geht auf die Wiedereinführung der Mehrwertsteuer zurück. Ein dritter Grund sind die Materialengpässe.

procontra: Hält der Preisauftrieb im neuen Jahr an?

Krämer: Der Mehrwertsteuereffekt fällt zur Jahreswende weg. Die Wirkung der CO2-Preiseinführung vor einem Jahr ebenfalls. Und der Ölpreis dürfte nicht weiter so stark steigen wie zuletzt. Das sind Argumente für eine fallende Inflation. Aber Ende 2022 dürfte sie sich auf Werte einpendeln, die höher sind als vor der Pandemie. Außerdem wird sie danach wohl wieder nach oben driften. In ein paar Jahren droht ein beträchtliches Inflationsproblem.

Jörg Krämer, Chefvolkswirt bei der Commerzbank Bild: Commerzbank

procontra: Wie begründen Sie das in Zukunft höhere Niveau?

Krämer: Erstens kauft die EZB seit Beginn der Pandemie in sehr großem Umfang Staatsanleihen. Sie finanziert die kompletten Haushaltsdefizite der Staaten im Euroraum. So gelangt zu viel Geld in Umlauf. Zweitens haben viele Menschen in der Pandemie hohe Ersparnisse gebildet. Der Konsumstau wird sich in zusätzlicher Nachfrage entladen und für steigende Preise sorgen. Drittens hat die aktuell bereits hohe Inflation die Inflationserwartungen steigen lassen. In einem solchen Umfeld ist es einfacher, Preise und Löhne stärker anzuheben.

procontra: Wird die EZB zur Inflationsbekämpfung demnächst auf die Bremse treten?

Krämer: Die Märkte erwarten, dass die EZB Ende kommenden Jahres ihren Leitzins anhebt. Die EZB selbst tut aber alles, um diese Erwartung zu zerstreuen. Ich selbst glaube auch nicht an eine Leitzinserhöhung bereits 2022, auch wenn ich sie begrüßten würde. Die EZB schielt halt auf das hochverschuldete Italien. Auch andere südliche Länder der Eurozone fordern eine lockere Geldpolitik. Und in Frankreich haben sie einen mächtigen Verbündeten. Die EZB ist deshalb nicht wirklich frei, das zu tun, was notwendig wäre.

procontra: Was bedeutet all das für Anleger?

Krämer: Zunächst einmal muss jeder Sparer und Anleger auf sein eigenes Risikobudget und seine eigenen finanziellen Ziele schauen. Ich kann nur Folgendes sagen: Wir treten in eine heikle Phase ein. Während überall in der westlichen Welt die Notenbanken die Zügel anziehen, hält die EZB die Geldschleusen offen. Daher dürften 2022 die Anleiherenditen in der Eurozone sehr niedrig bleiben. Viele Anleger werden also weiterhin die Tendenz haben, auf der Suche nach Erträgen auf Immobilien und Aktien auszuweichen. Im neuen Jahr dürfte die Vermögenspreisinflation also weitergehen. Aber das Umfeld insbesondere für zinsempfindliche Anlageformen wird schwieriger. Denn auf Dauer kann sich die EZB nicht vom Trend hin zu höheren Leitzinsen abkoppeln.

Wenn Ihnen dieser Artikel gefällt, abonnieren Sie unseren täglichen kostenlosen Newsletter für weitere relevante Meldungen aus der Versicherungs- und Finanzbranche!