Berliner Kassenärzte fordern: Ungeimpfte an Krankenhauskosten beteiligen

Hannah Petersohn Versicherungen

Kürzlich regte ein Schweizer Ökonom an, Ungeimpfte, die wegen einer Covid-19-Infektion stationär behandelt werden, an den Krankenhauskosten zu beteiligen. Das fordert nun auch die Kassenärztliche Vereinigung (KV) Berlin in einem dramatischen Appell.

Bild: Berliner Kassenärzte fordern: Ungeimpfte an Krankenhauskosten beteiligen picture alliance/image BROKER/Oskar Eyb

Im Oktober bezifferte das Institut für Weltwirtschaft (IfW) Kiel die Gesamtausgaben durch die stationäre Behandlung ungeimpfter Corona-Erkrankter auf 180 Millionen Euro. Die Behandlungskosten werden sogar noch wieter steigen. Pro Woche. Bild: picture alliance/image BROKER/Oskar Eyb

Die vierte Welle der Pandemie rollt unaufhaltsam durch Deutschland, das RKI meldet täglich neue Negativrekorde, die Anzahl der Infizierten ist viermal so hoch wie in der dritten Welle. Bayern hat den Katastrophenfall ausgerufen, die Auslastung der Intensivbetten ist dramatisch gestiegen und erste Covid-Patienten mussten bereits nach Italien verlegt werden. „Obwohl Bayern mit das beste Gesundheitssystem Deutschlands und der Welt hat, droht die komplette Überlastung“, warnte Ministerpräsident Markus Söder eindringlich am Dienstag in seiner Regierungserklärung im Bayerischen Landtag in München.

Vor diesem Szenario schlägt nun auch die Kassenärztliche Vereinigung (KV) Berlin Alarm: die drohenden Kollateralschäden für die gesamte Gesellschaft ließen sich nur durch eine konsequente politisch getragene Strategie abwenden. Mit einer Impfpflicht allein könne man dem Problem nicht mehr beikommen. Darüber hinaus müsse ein bundesweiter Lockdown für Ungeimpfte beschlossen und Ungeimpfte an Krankenhausleistungen beteiligt werden, hieß es ebenfalls am Dienstag seitens der KV.

"So kann es nicht weitergehen."

Müssen Ungeimpfte infolge einer Corona-Erkrankung im Krankenhaus behandelt werden, könnte demnach entweder ihre Eigenbeteiligung angehoben werden oder ihr Kassenbeitrag steigen. Durch diese Einnahmen könnten Pflegekräfte im stationären Bereich und medizinische Fachangestellte in der ambulanten Versorgung unterstützt werden.

Die KV rückt in ihrem Forderungspapier dabei auch jene Personengruppen in den Fokus, die besonders stark von den monetären, gesellschaftlichen und privaten Folgen der Pandemie betroffen sind: „Weil sich 13 Millionen Menschen in unserem Land nicht impfen möchten, leiden vor allem die Kinder, Jugendlichen, jungen Menschen in Ausbildung, aber auch ältere und gefährdete Menschen. So kann es nicht weitergehen.“

Erst vor wenigen Tagen hatte der Schweizer Wirtschaftsprofessor Marius Brülhart vorgeschlagen, dass ungeimpfte Corona-Patienten sich an ihren Krankenhausrechnungen beteiligen sollten. „Es ist nun einmal eine Tatsache, dass Ungeimpfte ein viel größeres Risiko haben, im Spital zu landen – und diese Behandlungen sind sehr teuer“, so der Wirtschaftswissenschaftler in einem Gespräch mit dem Schweizer Radio und Fernsehen.

Die tatsächliche Situation ist noch dramatischer

In Berlin befinden sich, Stand: 23. November, 639 Covid-Patienten in stationärer Behandlung, davon müssen 190 intensivmedizinisch versorgt werden. Bundesweit werden laut RKI derzeit 1.850 Covid-Patienten in Krankenhäusern versorgt, wobei die genannten Daten zu niedrig ausfallen. Experten kritisieren schon länger den Hospitalisierungsindex als ungeeignet: die Datengrundlage ist lückenhaft, weil es bis zu zwei Wochen oder länger dauert, bis alle hospitalisierten Covid-Fälle dem RKI gemeldet werden.

Auch das Inzidenzgeschehen falle demnach bereits weit höher aus, schließlich vergehen von der Ansteckung bis zu den ersten Symptomen oft bis zu sechs Tage. Bis ein Test-Ergebnis vorliegt, das Resultat dann dem jeweiligen Gesundheitsamt gemeldet wurde, das es dann weiter an das RKI übermittelt, vergehen viele Tage.

Das heißt: Die Situation ist jetzt schon wesentlich bedrohlicher als es die Zahlen vermuten lassen. „Der hohe Anteil der Menschen, die noch nicht geimpft sind, wird uns in eine Katastrophe führen und unser Gesundheitssystem in einem Maße überlasten, wie wir es bisher nicht kennengelernt haben“, warnt der KV-Vorstand.

Stationäre Behandlung: 180 Millionen Euro - pro Woche

Den gesetzlichen Krankenkassen hierzulande droht ein Milliardendefizit, der Bund hat deswegen in der vergangenen Woche den Zuschuss für die GKV im kommenden Jahr von bisher sieben auf insgesamt 14 Milliarden Euro verdoppelt – auch damit die Kassen die Höhe des Zusatzbeitrags stabil bei 1,3 Prozent halten können. Insgesamt zahlt der Bund 28,5 Milliarden Euro an den Gesundheitsfonds für das Jahr 2022.

Die Finanzspritze wird auch nötig sein, denn bereits im Oktober bezifferte das Institut für Weltwirtschaft (IfW) Kiel die Gesamtausgaben durch die stationäre Behandlung ungeimpfter Corona-Erkrankter auf 180 Millionen Euro. Pro Woche. Die Studienautoren schätzen, dass die durchschnittlichen Behandlungskosten weiter ansteigen werden. Schließlich benötigen immer mehr jüngere Menschen eine intensivmedizinische Behandlung. Diese ist teurer, weil sie meist wesentlich länger andauert, denn die Überlebenschancen jüngerer Patienten sind höher als jene älterer Patienten. „Daher dürften künftig öfter als bislang Behandlungsausgaben in der Spitzenkategorie von mehr als 77.700 Euro erreicht werden, derzeit ist dies laut AOK nur bei 10 Prozent der Intensivbehandlungen der Fall“, so die Kieler Wissenschaftler.

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