Silent Cyber: „Versicherer sollten ihre Bedingungswerke prüfen“

Stefan Terliesner Versicherungen

Cyber bleibt das am stärksten wachsende Segment der Versicherungswirtschaft. Warum das so ist und wo es noch hakt, erklärt Jan Richter, Referatsleiter Zentralbereich Deutschland bei E+S Rück.

Jan Richter, Bild: E+S Rück

Jan Richter, Referatsleiter Zentralbereich Deutschland bei E+S Rück, Bild: E+S Rück

procontra: Seit zehn Jahren wartet der Markt auf den großen Cyber-Durchbruch. Woran liegt´s?

Jan Richter: Betrachten wir die Entwicklungen weltweit und auch in Deutschland, sehen wir seit Jahren ein Wachstum von gut 30 Prozent pro Jahr. Sicher sind die extremen Prämienszenarien einiger Beratungsgesellschaften nicht erreicht worden, doch können wir im Jahr 2020 allein in Deutschland auf eine Marktprämie von gut 240 Millionen Euro blicken. Die versicherten Portfolios wachsen also auch in herausfordernden Zeiten und während der Pandemie weiter. Damit bleibt Cyber weltweit das aktuell am stärksten wachsende Segment der Versicherungswirtschaft. Und schon heute stellt uns das Wachstum vor Herausforderungen in Bezug auf die Frage nach der richtigen Risikomodellierung zur Einschätzung der Kumulgefahren.

procontra: Lassen sich Cyber-Risiken überhaupt modellieren?

Richter: Um diese Frage zu beantworten, müssen wir verstehen inwieweit sich Cyberrisken von anderen Risiken unterscheiden. Anders als in Sachsparten sagt eine räumliche Nähe zweier Cyberrisken nichts darüber aus, ob sie den gleichen Gefahren ausgesetzt sind. Cyberrisken sind potenziell globaler Natur und damit als systemisches Risiko eher mit einer Pandemie vergleichbar. Zusätzlich verändert sich die Markt- und Risikolage extrem dynamisch.

procontra: Sind Cyber-Schäden durch konventionelle Sach- oder Haftpflichtpolicen gedeckt?

Richter: Grundsätzlich können Cyberschäden auch in konventionellen Sparten gedeckt sein und zwar immer dann, wenn die Police keinen klaren Ausschluss enthält. Um sogenannte Silent-Cyberschäden gibt es große Diskussionen. Wir als E+S Rück sind der Meinung, dass reine Vermögensschäden, die aus Cybervorfällen resultieren, in konventionellen Sparten ausgeschlossen und in echten Cyberverträgen gedeckt werden sollten. Ein Cyber-Vorfall der beispielsweise zu einem Brand führt, ist nach unserer Ansicht ein klassischer Feuerschaden und sollte als solcher auch entsprechend in der Feuerversicherung gedeckt bleiben.

procontra: Wie bekommt die Branche solche Silent-Cyber-Risiken in den Griff?

Richter: Wichtig ist, dass wir als Branche verstehen in welchen Policen kein Ausschluss oder ein unklarer Ausschluss vorliegt. Jeder Versicherer sollte daher die eigenen Bedingungswerke prüfen. Die ausgeschlossenen Risiken können über den Abschluss einer Cyberversicherung im Rahmen einer ganzheitlichen Beratung durch den Vermittler wieder gedeckt werden. Nur so wird der Kunde umfassend geschützt.

procontra: Wie sähe eine erfolgversprechende Lösung zur Modellierung von Cyberschäden aus?

Richter: Eine Modellierung muss gleichartige Risiken gleichartig bewerten und diese beispielsweise über Realistic Disaster Szenarien als Kollektiv bewerten. Das ist über Umwege möglich und dann gelingt auch die Modellierung.

Wenn Ihnen dieser Artikel gefällt, abonnieren Sie unseren täglichen kostenlosen Newsletter für weitere relevante Meldungen aus der Versicherungs- und Finanzbranche!