Riester-Rente: Wirtschaftsforscher pochen auf Neustart

Anne Mareile Walter Berater Versicherungen

Der Abgesang auf die staatlich geförderte private Altersvorsorge geht weiter: Nach einer aktuellen DIW-Studie hat nur ein Viertel der unter 65-Jährigen einen Riester-Vertrag abgeschlossen, besonders selten nutzen Menschen aus ärmeren Haushalten diese Form der Altersvorsorge. Damit wird die eigentliche Zielgruppe gar nicht erreicht.

Riester Bild: Adobe Stock/xy

Die eigentliche Zielgruppe wird gar nicht erreicht: Riester-Verträge schließen laut einer neuen Studie vor allem Besserverdienende ab. Bild: Adobe Stock/xy

Das Fazit fällt ernüchternd aus, wenn auch nicht überraschend: „Die Riester-Rente hat ihr Ziel verfehlt.“ Dieser Satz steht am Anfang einer aktuellen Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), für die seit 2004 erhobene Daten aus den jährlichen Befragungen des Sozio-oekonomischen Panels (SOEP) ausgewertet wurden. Seit zehn Jahren stagniert demnach der Anteil der unter 65-Jährigen, die einen Riester-Vertrag abgeschlossen haben – und liegt bei konstant 25 Prozent. Nach Zahlen des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales (BMAS) hat sich die Zahl der rund 16 Millionen Riester-Verträge in den vergangenen zehn Jahren kaum verändert. Zudem wird ein Fünftel der Beträge nicht mehr aktiv bespart. „Ein Großteil der Haushalte wird nicht erreicht“, heißt es in der Studie.

Schwedisches Vorsorgemodell als Alternative?

Geringverdiener und Personen mit längerer Arbeitslosigkeit, also jene, die gerade von Altersarmut bedroht sind, sorgen besonders selten mit einem Riester-Vertrag fürs Alter vor. So würden unter den ärmeren Personen nur 13 Prozent über einen Riester-Vertrag verfügen, bei den "reichsten Personen" seien es 32 Prozent. Dabei lässt die Studie offen, welches Haushalteinkommen konkret zu der Klassifizierung führt. Aus Sicht von Studienautor Peter Haan habe die Riester-Rente daher ihr Ziel verfehlt, „das sinkende Rentenniveau abzufedern und den Lebensstandard auch im Alter zu sichern“. Neben dem Einkommen entscheidet über den Abschluss eines Riester-Vertrages offenbar auch die jeweilige berufliche Position. So waren 2020 rund 42 Prozent der Riester-Besitzer Angestellte mit Führungsaufgaben und nur elf Prozent ungelernte Arbeiter.

Aktuell beziehen laut Studie 300.000 Menschen in Deutschland eine Riester-Rente und erhalten daraus durchschnittlich 83 Euro pro Monat. Nach Berechnungen von Statista gab es Ende des ersten Quartals 2021 insgesamt 16,3 Millionen Riester-Verträge. Für die Zukunft prognostiziert Co-Studienautor Johannes Geyer: „In den nächsten Jahren werden mehr Riester-Sparer mit längeren Beitragszeiten in Rente gehen.“ Deshalb werde der Anteil der Riester-Renten am durchschnittlichen Alterseinkommen steigen. „Jedoch wird auch dieser Anstieg nicht ausreichen, um die Lücken im Versorgungsniveau der Bevölkerung zu schließen.“   

Eine grundlegende Reform der Riester-Rente könne das Problem aber lösen, so die Studienautoren. Als Alternative empfehlen sie das schwedische Modell der Altersvorsorge, bei dem der Staat ein standardisiertes Vorsorgeprodukt mit geringen Bürokratiekosten anbietet, dessen Rendite deutlich über der vieler Riester-Verträge liegt und bei dem es keine Beitragsgarantien gibt. Ein solcher verpflichtender Vorsorgefonds könne auch für Deutschland ein Modell sein, heißt es in der DIW-Studie. Dabei müsse aber sichergestellt sein, dass auch Arbeitslose und Geringverdiener Beiträge bezahlen können. Der Staat solle daher die Beiträge für diese Gruppen subventionieren. 

Risikoreicheres Investieren statt konventioneller Lösungen

In den vergangenen Monaten war die Kritik an der Riester-Rente aus den Reihen von Politik und Interessenverbänden immer vehementer geworden. Vor allem nach der beschlossenen Absenkung des Höchstrechnungszinses in der Lebensversicherung von 0,9 auf 0,25 Prozent zum 1. Januar 2022 war klar: In ihrer jetzigen Form droht der Riester-Rente das Aus, da eine hundertprozentige Beitragsgarantie so künftig nicht mehr möglich ist. Die Deutsche Aktuarvereinigung (DAV) und der Gesamtverband der deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) pochten auf eine Reform der gesetzlich verpflichtenden hundertprozentigen Beitragsgarantie. Die FDP forderte im Mai die Bundesregierung in einem Antrag dazu auf, das aktuelle Riester-System auf eines neues Gesetzes-Fundament zu stellen, damit „wieder mehr Menschen an dieser Form der privaten Altersvorsorge teilhaben wollen“.  

Ebenfalls im Mai starteten mehrere Verbraucherinitiativen eine Protestaktion vor dem Kanzleramt, um das Ende der Riester-Ära einzuläuten. Hohe Kosten, unfaire Kalkulationen, Intransparenz – mit diesen Schlagworten brachte Axel Kleinlein vom Bund der Versicherten (BdV) die Kritik auf den Punkt. „Die Riester-Rente muss abgeschafft werden, damit eine vernünftige Form der Altersvorsorge möglich ist“, sagte Kleinlein. Alternativen sahen die Verbraucherschützer in staatlich geförderten Investitionen in ETFs, in Immobilien oder anderen Versicherungsprodukten.  

Mit verschiedenen Formen der geförderten Altersvorsorge hat sich aktuell zudem das Deutsche Institut für Altersvorsorge (DIA) in einer Studie befasst. Darin stellen die Autoren fest: „Bestehende Rentenlücken können nicht mehr über konventionelle Altersvorsorgelösungen gepaart mit Garantiezusagen geschlossen werden.“ Stattdessen seien risikoreichere Anlagen sowie ein Verzicht auf garantierte Mindestleistungen nötig. Um künftig eine ausreichende ergänzende Altersvorsorge zu gewährleisten, müsse laut DIA nicht nur der Gesetzgeber angestauten Reformbedarf abarbeiten. „Auch die Sparer selbst sollten umdenken.“

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