pro/contra: Bedroht Amazon die Branche?

Anne Mareile Walter Versicherungen Top News Highlights 2021

Ende September hat der amerikanische Handelsriese Amazon einen weiteren Schritt Richtung Versicherungsgeschäft gemacht. In Großbritannien sollen künftig Inhalts-, Cyber sowie Haftpflichtpolicen an kleine und mittlere Unternehmen vermittelt werden. Wird der Tech-Gigant damit zu einer Gefahr für die Branche? Darüber diskutieren für procontra der Online-Marketing-Experte MarKo Petersohn und Zukunftsforscher Kai Gondlach.

Amazon Bilder: Privat/Kai Gondlach

Was den Einstieg von Amazon in die Versicherungsbranche angeht, sind die Experten MarKo Petersohn (links) und Kai Gondlach geteilter Meinung. Bilder: Privat/Kai Gondlach

MarKo Petersohn (Online-Experte, As im Ärmel): Contra 

Amazon ist nicht das erste Schreckgespenst, das man in der Versicherungsbranche an die Wand malt, aber zweifellos eines der langlebigsten. Es geistert schon seit ungefähr fünf Jahren durch die Branche und verbreitet mal mehr, mal weniger Schrecken. Aktuell mal wieder mehr, denn Amazon stieg im Sommer erst in den US-Versicherungsmarkt ein und dann in den britischen. Eine Schlagzeile der "Süddeutschen" lautete: „Amazon macht jetzt auf Versicherung“. So mancher digitale Prophet griff das nur zu gerne auf und verbreitete (mal wieder) das folgende Schreckensszenario: Amazon hat unendlich viele Kundendaten und ist direkte Kundenschnittstelle, weswegen in Zukunft vollautomatisch, individuell zugeschnittene Versicherungspolicen von Amazon angeboten werden und das Ende für Versicherer naht. Zugegeben, das war etwas übertrieben, aber nicht viel.

Die Frage ist, müssen Versicherer Angst vor Amazon haben? Wird der Onlineriese irgendwann einmal ein Konkurrent? Hier lautet meine Antwort ganz klar: Nein. Und zwar aus mehreren Gründen. Schauen wir uns zuerst einmal an, was hinter den aktuellen Schlagzeilen steckt. Denn es stimmt, Amazon wurde im Versicherungsbereich aktiv und hat im Sommer in den USA den Amazon Insurance Accelerator gegründet. Hierbei handelt es sich um ein Netzwerk aus Versicherern, das Amazon-Händlern Versicherungen anbietet, um Kunden gegen Sach- oder Personenschäden bei defekten Geräten abzusichern. Das wurde nach den USA nun auch in UK ausgerollt und kommt mit Sicherheit auch nach Deutschland.

Und dabei wird es sicherlich auch nicht bei den Haftpflichtversicherungen für Händler bleiben. Seit Jahren können Kunden auch schon das Smartphone und jegliche anderen Geräte beim Kauf auf Amazon versichern und es werden viele einfache Versicherungsprodukte hinzukommen. Es steht außer Zweifel, dass Amazon mit seinem Insurance Accelator das Geschäftsfeld Versicherungen forciert. Aber nicht, um selbst darin einzusteigen, sondern um es als weitere Produktkategorie auf seinem Marktplatz zu etablieren. Der Gedanke, dass Amazon deswegen selbst Versicherer wird, ist allerdings ähnlich absurd, wie zu glauben, dass Amazon Autor wird, weil man dort Bücher kaufen kann oder Landwirt, weil Amazon Fresh gelauncht wurde.

Aber selbst, wenn man diesem absurden Gedanken folgen wollen würde, gibt es noch einen handfesten Grund, warum Amazon den Teufel tun wird, selbst Versicherer zu werden, denn seit geraumer Zeit hat das Unternehmen die Aufmerksamkeit des US-Kongresses auf sich gezogen. Für die Abgeordneten hat Amazon eine viel zu große Marktmacht und man überlegt, den Konzern zu zerschlagen. Dass solchen Gedanken auch Taten folgen, durften beispielsweise schon AT&T oder Standard Oil erfahren. Warum also sollte Amazon Versicherer werden und damit das Risiko der Zerschlagung noch verstärken, wenn es auch einfach mit der Vermittlung von Versicherungen Geld verdienen kann?

Ja, Amazon wird stärker in den Versicherungsmarkt einsteigen, aber nicht als Konkurrent für Versicherer, sondern als ein weiterer Vertriebskanal. Dabei wird der Onlineriese zweifellos ein mächtiger Vertriebspartner sein, der in Provisionsverhandlungen auch dementsprechend auftritt. Aber das ist maximal ärgerlich und nicht bedrohlich. Ebenso ärgerlich wird es eventuell für Vermittler und Makler, wenn Kunden einfache Policen direkt bei Amazon abschließen. Wobei man mit einer guten Beratung und Kundenbeziehung diesen Ärger auf ein Minimum reduzieren können sollte.

Die einzigen Marktteilnehmer der Versicherungswelt, die sich tatsächlich vor Amazon fürchten müssen, sind Check24 und andere Vergleichsportale. Denn alles was sie können, kann Amazon auch, und zwar besser.

Seite 1: Warum Amazon keine Bedrohung für die Versicherungsbranche ist
Seite 2: Warum es der Versicherungsbranche wie dem stationären Buchhandel gehen wird