Krebsversicherungen: Umstritten und oft unbekannt

Anne Mareile Walter Berater Versicherungen

Die Kritik an Policen, die finanzielle Probleme infolge von Tumorerkrankungen absichern, reißt nicht ab. Dabei hat ein Großteil der Bundesbürger noch nie etwas von dem speziellen Versicherungsschutz gehört.

Krebspolice Bild: Adobe Stock/Nejron Photo

80 Prozent der Deutschen haben noch nie etwas von einer Krebsversicherung gehört, Verbraucherschützer kritisieren den Vertrieb der Policen als "Geschäft mit der Angst". Bild: Adobe Stock/Nejron Photo

Oft ziehen Krebserkrankungen finanzielle Schieflagen nach sich: Neben der Erkrankung machen langwierige Therapien einen normalen Arbeitsalltag meist unmöglich. Krebspolicen sollen hier Abhilfe schaffen – die Produkte sind bei Verbraucherschützern allerdings umstritten und werden als Geldschneiderei kritisiert. Nun hat die Nürnberger zu dieser Versicherungssparte eine Studie in Auftrag gegeben. Das Ergebnis: Vielen Deutschen sind Krebsversicherungen überhaupt kein Begriff – 80 Prozent der Befragten wissen nicht, dass es solche Policen überhaupt gibt.  

GKVen zahlen nicht bei alternativen Therapien

Mit 54 Prozent ist eine Mehrheit jedoch der Ansicht, dass Versicherungen, die finanzielle Risiken nach schweren Krankheiten abdecken, wichtig sind. Von den 18- bis 24-Jährigen gaben dies sogar 60 Prozent an. „Die Ergebnisse zeigen deutlich auf, dass die Menschen das Risiko Krebs und seine Folgen realistisch einschätzen“, sagt Harald Rosenberger, Leben-Vorstand der Nürnberger Versicherung. Allerdings: Lediglich 29 Prozent der befragten Personen haben sich bereits aktiv über eine Krebspolice informiert. 

Zwar würden laut Rosenberger von den gesetzlichen Kassen grundsätzlich die Kosten für alle notwendigen Krebsbehandlungen übernommen, alternative Heilmethoden oder Maßnahmen zur Stärkung des Immunsystems müssten jedoch aus eigener Tasche bezahlt werden. „Wer sich einen Rat bei einem Experten einholen oder sich in einem Krebsforschungszentrum behandeln lassen möchte, kann an die finanzielle Belastungsgrenze geraten", erklärt der Leben-Vorstand. 60 Prozent der Umfrageteilnehmer seien aber bereit, nach einer Krebserkrankung hohe finanzielle Belastungen auf sich zu nehmen, um wieder gesund zu werden.  

Vor allem das Insurtech Getsurance machte sich mit dem Vertrieb von Krebsversicherungen einen Namen. Im Oktober 2020 meldete das Unternehmen Insolvenz an, im Frühjahr dieses Jahres wurde es von der Nürnberger übernommen, die die Studie in Auftrag gab. An der Getsurance-Krebspolice hatte es in der Vergangenheit immer wieder Kritik gegeben, Verbraucherschützer zweifelten die Zweckmäßigkeit an. So bezeichnete Michael Wortberg von der Verbraucherzentrale Rheinland-Pfalz im „Tagesspiegel“ den Vertrieb als „Geschäft mit der Angst“. In seinen Augen sei die Krebsversicherung „reine Geldmacherei“. In vielen Fällen würde sie nicht zahlen, da sie beispielsweise gutartige Tumore oder Vorstufen von Krebs nicht miteinschließe. Zudem gebe es eine Wartezeit von sechs Monaten. Auch der Bund der Versicherten (BdV) äußerte Kritik. Eine Versicherung, die nur eine bestimmte Krankheit erfasse, sei unsinnig, erklärte Kim Paulsen vom BdV im „Tagesspiegel“. So sei nur in 15 Prozent der Fälle Krebs der Grund für eine Berufsunfähigkeit. „Die anderen 85 Prozent sind nicht abgesichert.“ Daher sei es zweckmäßiger, eine BU-Versicherung abzuschließen.  

Kritik an Krebsversicherung als BU-Alternative

BdV-Sprecherin Claudia Frenz weist auf procontra-Anfrage darauf hin: „Da Krebsversicherungen üblicherweise eine Einmalzahlung im Versicherungsfall leisten, sind sie zur Absicherung langandauernder Einkommenseinbußen bei Arbeitskraftverlust nur wenig sinnvoll.“ Zudem würden nur bei den in den Versicherungsbedingungen gelisteten Krebsarten beziehungsweise Ausprägungen Leistungen ausgezahlt – nicht bei jeder Krebserkrankung und bei jeder Schwere der Erkrankung. „Insofern ist die Krebsversicherung keine Alternative zur Arbeitskraftabsicherung über die BU.“ 

Einen prominenten Flop landete 2017 die Krebsversicherung der Ideal: Sie wurde vom BdV zum „Versicherungskäse des Jahres“ gekürt. Der Jury zufolge habe das Produkt Ängste bedient. Es werde so getan, als sei die Krebstherapie der gesetzlichen Krankenversicherung lückenhaft. Außerdem kritisierten die Juroren, dass nach Ablauf der Höchstvertragsdauer ein neuer Vertrag mit höherem Eintrittsalter und Beiträgen abgeschlossen werden müsse. "Völlig unklar ist, warum nicht Laufzeiten bis zum Renteneintrittsalter vereinbart werden können", sagte damals Jurymitglied und BdV-Versicherungsexperte Lars Gatschke. 

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