Gesundheitsstudie: „Deutschland ist träge geworden“

Hannah Petersohn Berater Versicherungen Panorama

Deutsche bewegen sich zu wenig, haben schlechte Ernährungsangewohnheiten und kommen nur mäßig mit Stress klar. Das zeigt eine aktuelle Studie. Allerdings gibt es zwischen den einzelnen Bundesländern erhebliche Unterschiede.

Gesundheitsstudie: „Deutschland ist träge geworden“ Bild: Adobe Stock/Nordreisender

Sachsen leben am gesündesten, Menschen in Nordrhein-Westfalen sind Schlusslicht in Sachen gesunder Lebenstil. Bild: Adobe Stock/Nordreisender

Nur elf Prozent der Deutschen schneiden gut ab, wenn es um die Themen körperliche Bewegung, Ernährung sowie Genussmittelkonsum und den Umgang mit Stress geht. Das ist das Ergebnis einer aktuellen Studie der Deutsche Krankenversicherung AG (DKV) und der Deutschen Sporthochschule Köln unter 2.800 Befragten. Seit Beginn der Befragungsreihe im Jahr 2010 ist das der niedrigste Wert überhaupt. Zum Vergleich: Im Jahr 2018 lag der Wert noch bei 16 Prozent.

Die Erhebung, die das Gesundheits- und Bewegungsverhalten der Deutschen untersucht, zeigt klar: Die Deutschen sind so bewegungsfaul wie nie. Und: Noch nie wurde so viel gesessen wie in diesem Jahr – durchschnittlich 8,5 Stunden täglich verbringen die Deutschen in dieser Position. Das ist eine Stunde länger als noch im Jahr 2018. Besonders besorgniserregend: Vor allem die jungen Erwachsenen sitzen immer mehr – mittlerweile rund zehneinhalb Stunden pro Werktag, zumeist während der Arbeit. 2018 lag der Wert noch bei acht Stunden und 41 Minuten. „Deutschland ist in den letzten zehn Jahren zunehmend träge geworden“, fasst Clemens Muth, Vorstandsvorsitzender der DKV, die Ergebnisse der Studie zusammen. Es handele sich um eine Entwicklung, die gerade Krankenversicherer mit Sorge betrachten. Schließlich bedarf eine gute Gesundheit der ausreichenden Bewegung.

Unterschiede zwischen den Bundesländern

Erstaunlich sind die Ergebnisse im Vergleich zwischen den einzelnen Ländern: Demnach ist Sachsen Spitzenreiter in puncto gesunder Lebensstil. Hier erreichen 18 Prozent der Befragten, und damit fast jede fünfte befragte Person, alle Bezugsgrößen. Das ist insofern bemerkenswert, als dass die durchschnittliche Lebenserwartung, gemessen im Zeitraum von 2017 bis 2019, nach Angaben des Statistischen Bundesamts in Sachsen nur an fünfter Stelle liegt (81,01 Jahre), während sie in Baden-Württemberg am höchsten ist (82,01).

Das wiederum verwundert, weil gerade Baden-Württemberger laut der aktuellen Gesundheitsstudie mit insgesamt zehn Prozentpunkten offensichtlich nur wenig auf einen gesunden Lebensstil achten. Sie bilden gemeinsam mit den Berlinern (ebenfalls zehn Prozent) und Menschen aus Nordrhein-Westfalen (sieben Prozent), die damit weit unter dem Bundesdurchschnitt von elf Prozent liegen, das Schlusslicht.

Auch wenn Berliner insgesamt am wenigsten gesund ihr Leben bestreiten: Sie sind, gemeinsam mit Brandenburgern, die körperlich aktivsten Bürger. Insgesamt erreichen 76 Prozent der Berliner und 74 Prozent der Brandenburger die Aktivitätsbenchmark zur ausdauerorientierten Bewegung. Knapp über dem Bundesdurchschnitt von 70,4 Prozent liegen Hessen (71,5 Prozent), Nordrhein-Westfalen (71 Prozent) sowie Niedersachsen/Bremen (70,8 Prozent). Am gemütlichsten lassen es die Befragten aus Schleswig-Holstein und Thüringen angehen. Sie sind mit 64 und 63 Prozent am seltensten körperlich aktiv.

Sitzfleisch, Ernährung und Genussmittel

Im Ländervergleich sind Menschen aus Brandenburg Spitzenreiter beim Sitzen. Sie trainieren ihre Sitzmuskeln pro Werktag neun Stunden. Mit sieben Stunden und 47 Minuten erreicht Mecklenburg-Vorpommern zwar die niedrigsten Sitzzeiten, liegt aber dennoch auf einem sehr hohen Niveau.

Ein Blick auf das Ernährungsverhalten lässt eine deutliche Lücke zwischen Süddeutschland und dem Rest des Landes erkennen. Während in Sachsen-Anhalt 57 Prozent der Befragten angeben, auf gesunde Lebensmittel zu achten, bildet Baden-Württemberg mit 40 Prozent das Schlusslicht. Auch die Bayern schaffen mit 42 Prozent den Ausgleich nicht – im Gegensatz zu Thüringen, Berlin und Schleswig-Holstein, wo eine ausgewogene Kost ebenso wichtig zu sein scheint. Mit jeweils 50 Prozent führen sie das obere Mittelfeld im Bundesvergleich an.

Immer noch, trotz ständig mahnender Stimmen und wissenschaftlicher Evidenz, raucht ein Viertel der Deutschen, wobei in Schleswig-Holstein am häufigsten zur Kippe gegriffen wird – hier geben 30 Prozent ihrem Verlangen nach dem Glimmstängel nach. Anders in Sachsen: Dort scheint Rauchen nicht mehr à la Mode zu sein: 89 Prozent der Befragten geben an, Nichtraucher zu sein. Apropos: Der Alkoholkonsum in Deutschland ist insgesamt nur mäßig ausgeprägt. Am achtsamsten gehen Menschen aus Niedersachen/Bremen (91 Prozent) mit dem Genussmittel um. Am häufigsten wird in Sachsen-Anhalt zum Glas gegriffen. Hier erreichen nur 78 Prozent den Richtwert für mäßigen Alkoholkonsum.

Immer wieder sorgen die zum Teil großen Unterschiede zwischen den einzelnen Bundesländern für Diskussionen. Oder, um es mit dem österreichischen Schriftsteller Franz Grillparzer zu sagen: „Berlin im Dünkel der Hoheit, in München malzhopfige Roheit, (…) in Dresden die Abgeschmacktheit.“ Zu einem dünkelhaftem, über die miesen Gesundheitsergebnisse erhabenen Verhalten könnte allerdings die Tatsache führen, dass die nahezu bacchantisch anmutenden Gewohnheiten der Deutschen ihrer Lebenserwartung hingegen keinen Abbruch tun: Sie steigt unbehelligt.

Stringenter Stress

Doch nicht nur in puncto Bewegung und Ernährung hat die Corona-Pandemie Spuren hinterlassen, auch der Umgang mit dem Stress hat laut Gesundheitsstudie gelitten. Nur noch 40 Prozent der Befragten (2018: 57 Prozent) empfinden die Belastung durch Stress als niedrig. Von einem gesunden Umgang mit Stress kann also in diesem Jahr kaum noch die Rede sein – 60 Prozent fühlen sich gestresst beziehungsweise finden keine wirksamen Ausgleichsstrategien. Zwar erreichen Menschen aus Hamburg, Rheinland-Pfalz/Saarland (jeweils 49 Prozent), Sachsen (48 Prozent) und den Küsten-Ländern Mecklenburg-Vorpommern und Schleswig-Holstein (47 Prozent) am häufigsten den Benchmark zum gesunden Umgang mit Stress, dennoch kann nur jeder zweite von ihnen Stress gut kompensieren. Am schlechtesten können die Befragten aus Nordrhein-Westfalen (32 Prozent) in Stresssituationen die Ruhe bewahren.

Zu einem ähnlichen Gesamtergebnis zum Thema Stressbelastung kommt auch eine aktuelle Studie des Meinungsforschungsinstituts YouGov: Demnach leidet fast ein Drittel, genauer 29 Prozent, der Berufstätigen in Deutschland unter einer psychischen Erkrankung oder war in der Vergangenheit betroffen. Angesichts der schlechten Ernährungsgewohnheiten, die häufig mit einem Mangel an Bewegung ineinandergreifen, sind die aktuellen Zahlen nicht überraschend.

„Die vergangenen eineinhalb Jahre haben zahlreiche Veränderungen in den Lebenswelten der Menschen hervorgerufen. Neben der neuen Situation des Dauer-Homeoffices brachte auch für viele Berufstätige und Familien das Homeschooling eine große Umstellung im Alltag mit sich, die an den Kräften vieler Menschen gezehrt hat“, sagt Ingo Froböse, Professor an der Deutschen Sporthochschule in Köln und wissenschaftlicher Leiter der Studienreihe. Die Gesellschaft müsse noch lernen, wie Stress vermieden und kompensiert werden könne.

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