Gesetzliche Rente: Die große Zerreißprobe

Hannah Petersohn Berater Versicherungen Panorama

Wirtschaftsforscher warnen: Das gesetzliche Rentenniveau sei angesichts der demografischen Entwicklungen kaum zu halten. Sie fordern das Renteneintrittsalter anzupassen. Andernfalls müsse das Rentenniveau sinken beziehungsweise der Beitragssatz steigen.

Gesetzliches Rentensystem steht vor Belastungsprobe" Bild: Adobe Stock/Friedberg

Die doppelte Haltelinie wird zu einer „Belastungsprobe“ für die Steuerzahler. Bild: Adobe Stock/Friedberg

Die Sorge um die zukünftige gesetzliche Rente hält an. Nicht ohne Grund war einer der Wahlkampfschlager das Versprechen eines stabilen Rentenniveaus. Allerdings ist es zugleich das Ansinnen der Politiker, die Beitragszahler nicht über Gebühr zu belasten. Das wäre aber eigentlich nötig, denn immer weniger jüngere Menschen zahlen in die Rentenversicherung ein bei einer gleichzeitigen Zunahme von Rentnern.

Weil aber weder das Rentenniveau sinken noch die Beiträge steigen sollen, führte der Gesetzgeber im Jahr 2019 die „doppelte Haltelinie“ ein. Demnach darf bis zum Jahr 2025 der Beitragssatz nicht über 20 Prozent steigen und das Rentenniveau nicht unter 48 Prozent sinken. Genau diese Regelung kritisieren Forscher des Leibniz-Instituts für Wirtschaftsforschung (ifo).

Die Simulationsrechnungen der Wissenschaftler zeigen demnach, dass die doppelte Haltelinie zu einer „Belastungsprobe“ für die Steuerzahler werden würde: Im Jahr 2050 müssten dadurch „rund 60 Prozent des Bundeshaushalts für Überweisungen an die Rentenkassen aufgewandt werden“, schreiben die Wirtschaftsforscher in einem aktuellen Bericht. Aktuell läge die Höhe der Aufwendungen bei einem Drittel. „Die Alterung der Gesellschaft stellt in den kommenden Jahrzehnten das Gesetzliche Rentensystem in Deutschland vor große Herausforderungen“, so ifo-Forscher Joachim Ragnitz.

Drei Zukunftsszenarien

Während in den fünfziger Jahren auf einen Rentner sechs erwerbstätige Einzahler kamen, werden es nach den Berechnungen im Jahr 2050 nur noch zwei Erwerbstätige sein. Ragnitz sieht drei Optionen für die Zukunft: Entweder wird das Renteneintrittsalter angepasst oder das Rentenniveau sinkt und/oder der Beitragssatz steigt. Würde der Bund mit höheren Zuschüssen reagieren, bedeute das schlicht höhere Steuern – das Problem werde dann nur verlagert. Das Konzept der doppelten Haltelinie ähnelt dem Geist in der Flasche, der jeden Wunsch erfüllt, solange die Falsche verschlossen bleibt: Wird sie geöffnet, wird es gefährlich.

Rentenerhöhungen sollten von der Lohnentwicklung abgekoppelt werden, fordert Joachim Ragnitz, Forscher am Ifo. „Nur wenn die Renten langsamer steigen als die Löhne, werden die Kassen geschont und die Steuer- und Beitragszahler nicht überfordert. Denn die vielen Baby-Boomer gehen bald in den Ruhestand. Die politischen Entscheidungen der vergangenen Jahre werden dazu führen, dass sich ein gigantisches Finanzloch auftut.“

Seit den sechziger Jahren sinkt die Geburtenrate kontinuierlich, bei gleichzeitigem Anstieg der Lebenserwartung. Der Altersschnitt ist seit 1990 um fünf Jahre auf 44,6 Jahre gestiegen, wie der Versicherungsverband GDV in der vergangenen Woche bekanntgab. „Der demografische Wandel zeichnet sich immer deutlicher ab“, so Peter Schwark, stellvertretender Hauptgeschäftsführer des GDV. Innerhalb Deutschlands liege das durchschnittliche Alter in mittlerweile acht Landkreisen – allesamt in Ostdeutschland – inzwischen bei 50 Jahren oder mehr. Das zeige eine Auswertung für alle bundesweit 401 Kreise der Initiative „7 Jahre länger“ auf Basis von Zahlen der Landesstatistikämter. Auch die Anzahl der über 80-Jährigen hat sich seit 1990 nahezu verdoppelt auf knapp sechs Millionen.

Förderung der privaten Altersvorsorge

„Die Deutschen wissen, dass die Aussichten auf eine ausreichende gesetzliche Rente schlechter werden“, sagt Michael Heuser, Professor an der Fachhochschule der Wirtschaft (FHDW) und Wissenschaftlicher Direktor des Deutschen Instituts für Vermögensbildung und Alterssicherung (DIVA). Das sei auch der Grund, warum viele Menschen eigenverantwortlich vorsorgen wollten. Einer Befragung des Instituts zufolge, wünsche sich eine Mehrheit der Deutschen mehr staatliche Förderung für die private Altersvorsorge. Demnach möchten 57,3 Prozent der Frauen (Männer: 37,7 Prozent) das vor allem für sichere Anlagen wie die Riester-Rente, während Männer mit 56,1 Prozent (Frauen: 35 Prozent) auf staatlich gefördertes Aktiensparen setzen würden.

Der Vorstand des Bundesverbands Deutscher Vermögensberater (BDV), Helge Lach, kritisiert, dass viele Menschen hierzulande noch auf die leblose Form der Geldanlage setzen, bei der „das Geld der Bürger auf Bankkonten durch Strafzinsen und Inflation jedes Jahr rund 4 Prozent an Wert verliert“. Er plädiert auf die Verbreitung der aktienbasierten Altersvorsorge: „Anstatt das Tempo durch eine Diskussion über eine Finanztransaktionssteuer oder über eine Abschaffung der Abgeltungssteuer zu drosseln, sollte endlich auch das langfristige Aktiensparen gefördert werden.“

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