„Die EU-Taxonomie kann Anleger einlullen“

Investmentfonds von Heike Gorres

 

procontra: „Eine geringe Kostenquote trägt dazu bei, dass ein Fonds noch mehr ökologische und soziale Projekte oder Unternehmen unterstützen kann“, heißt es als Begründung, bestimmte Kostengrenzen positiv zu bewerten. Ist das nicht etwas konstruiert? Fondskosten haben eher mit Preiswettbewerb zu tun, oder nicht?

Koppmann: Bei hohen Kosten bleibt entsprechend weniger Kapital für die eigentliche Anlage der Fondssumme übrig. Je mehr ein Fonds mit Nachhaltigkeitsansatz zum Beispiel über Aktien oder Anleihen in passende Firmen investieren kann, desto besser. Der Preiswettbewerb ist sicherlich auch ein Aspekt. Doch ich denke, es kommt in diesem Bereich nicht so sehr auf den niedrigsten Preis an als auf die Qualität des Fondsmanagements bei der Investition der Mittel. Der intensive Preiswettbewerb ist vor allen Dingen bei ETF zu sehen. Denn in diesem Segment nehmen etwaige Fondsmanager keinerlei kostenträchtigen Researchaufgaben wahr.

procontra: Fondsanbieter können nahezu beliebig festlegen, welche ESG-Kriterien sie wie adressieren, was sie als Nachhaltigkeitsziel verfolgen und wie sie es umsetzen. Die EU-Offenlegungsverordnung mit Artikel acht und neun bringt zwar mehr Transparenz in dem Bereich, fußt allerdings auf sehr weichem Grund. Verleitet das nicht zu regulatorisch abgesegnetem Greenwashing?

Koppmann: Die EU-Offenlegungsverordnung und Taxonomie ist eine gut gemeinte Initiative – doch der Teufel steckt im Detail. Man sieht hier sehr deutlich, dass es keine einfache Antwort gibt auf die Frage, was nachhaltig ist und was nicht! Grundsätzlich ist es zwar gut zu versuchen, Nachhaltigkeit zu definieren. Doch ich glaube, dass es langfristig nicht perfekt gelingen wird. Das sieht man schon am Streit über die Atomenergie! Die Franzosen argumentieren, sie sei nachhaltig, weil sie wenig CO2 produzieren würde. Die Deutschen sagen: Um Gottes Willen, Atomenergie! So viel Sie darüber diskutieren – es wird immer ein Streitpunkt bleiben! Wenn die EU nun gesetzlich normieren will, was nachhaltig ist, muss man diesen Streit irgendwie zu einem Ergebnis führen. Ich weiß jedoch nicht, wie das geschehen soll. Für uns selbst ist Atomenergie keine Option.

procontra: Wie bewerten Sie die Vorgaben der EU jenseits dieser Problematik?

Koppmann: Die EU-Taxonomie führt zu einem Stempel, den Anbieter bestimmten Produkten aufdrücken und dann sagen können: Gemäß EU-Taxonomie sind sie nachhaltig! Viele werden dann versuchen, nur den kleinsten gemeinsamen Nenner zu erfüllen. Die Regulierung ist daher nicht nur positiv zu sehen, sondern kann Anleger auch einlullen mit dem Argument, dass ein Produkt einen Nachhaltigkeitsstempel hat. Anleger und Finanzberater werden sich daher weiterhin selbst gründlich informieren müssen. Es wird nicht reichen, nur auf einen Stempel zu setzen. Das Schöne an der EU-Taxonomie ist, dass das Thema Nachhaltigkeit jetzt in aller Munde ist!

procontra: Was meinen Sie, wie die Entscheidung bezüglich Atomkraft ausfallen wird? Vielleicht gibt es sogar eine länderspezifische Lösung?

Koppmann: Da wage ich keine Prognose! Dass man es pro Land festlegt, kann ich mir allerdings nicht vorstellen. Es wäre dann keine EU-weite Regelung und Finanzprodukte wie zum Beispiel Investmentfonds sind EU-weit reguliert.

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Die Kosten der Fonds und die EU-Taxonomie