„Die EU-Taxonomie kann Anleger einlullen“

Investmentfonds von Heike Gorres

Die Umweltbank legt seit ihrer Gründung nach eigenen Angaben ihr Kapital nach Nachhaltigkeitskriterien an. Wie kritisch Kunden beim grünen Investieren sind und ob sich Greenwashing tatsächlich wirksam begrenzen lässt - darüber sprach procontra mit Jürgen Koppmann, Sprecher des Vorstands der Umweltbank.

Koppmann Bild: Umweltbank

„Das Schöne an der EU-Taxonomie ist, dass das Thema Nachhaltigkeit jetzt in aller Munde ist", sagt Jürgen Koppmann, Sprecher des Vorstands der Umweltbank. Bild: Umweltbank

procontra: Die Umweltbank ist seit rund 25 Jahren am Markt mit dem Anspruch, dass jeder angelegte Euro in Umweltprojekte fließt. Welches Nachfrageverhalten von Kunden und Interessenten beobachten Sie heute im Vergleich zu den Anfängen der Bank?

Jürgen Koppmann: In der Anfangszeit waren wir noch ein Exot. Denn mit nachhaltigem Banking und grüner Geldanlage haben wir ein Thema betrieben, das damals noch etwas Spezielles, etwas Besonderes war. Wir mussten daher erst einmal sehr genau erklären, was wir machen. Heute merken wir, dass das Thema in den Köpfen angekommen ist – nicht nur durch unsere Aktivitäten, sondern zum Beispiel auch durch die Medien. Heute steht fast täglich etwas zum Thema nachhaltige Geldanlage in der Zeitung. Die EU hat mit der Taxonomie das Thema ebenfalls massiv forciert.

procontra: Was fällt Ihnen bei den Anfragen heute besonders auf?

Koppmann: Auch wenn das Interesse an nachhaltigen Geldanlagen deutlich gestiegen ist, gibt es nach wie vor reichlich Informations- und Aufklärungsbedarf. Nach unserer Beobachtung suchen Privatkunden gute Geldanlagen, die gerne auch nachhaltig und ökologisch sein sollen. Viele haben hierbei jedoch ein großes Sicherheitsbedürfnis und bevorzugen Spareinlagen oder Tagesgeldeinlagen. Diese Produkte sind in Zeiten von Negativzinsen jedoch nicht leicht zu finden und machen Banken als Verwahrer von Geld nicht mehr so attraktiv, wie das früher der Fall war. Daher betrachten wir es auch als unsere Aufgabe, Kunden und Interessenten nahezulegen, sich mit dem Thema Aktien und Aktienfonds auseinanderzusetzen, da diese langfristig höhere Renditechancen haben.

procontra: Worauf achten Kunden und Interessenten bei Anfragen besonders? Was ist Ihnen beim Angebot der Umweltbank am wichtigsten?

Koppmann: Viele wählen unsere Bank, weil sie uns im Bereich Ökologie und Nachhaltigkeit für sehr glaubwürdig halten. Es ist unsere Stärke, dass wir nicht auf einen Trend aufgesprungen sind und nun „auf Grün machen“, sondern seit 25 Jahren durch und durch „grün“ sind. Die Menschen merken, ob jemand seine Fassade grün umstreicht oder ob er es schon immer war. Viele schätzen auch, dass wir konzernunabhängig agieren – also zum Beispiel keine Großbank als Muttergesellschaft haben. Außerdem mögen die Kunden, dass sie bei uns Mitarbeiter immer direkt persönlich erreichen. Wer bei uns anruft, hat einen Menschen am Telefon und keine Computerstimme. Natürlich möchten die Kunden auch digitale Services! Aber es muss beides da sein: Guter digitaler Service und die Erreichbarkeit von Beratern am Telefon.

procontra: Die Umweltbank hat ihre Geschäftsfelder immer mehr erweitert. In welchen Bereichen verzeichnen Sie heute die größte Nachfrage?

Koppmann: Seit Gründung der Bank sind eigentlich kaum neue Geschäftsfelder hinzugekommen. Im Bereich der Kapitalanlage können Kunden zum Beispiel vom ersten Tag an Spareinlagen tätigen und in Wertpapiere investieren, etwa in Aktien. Investmentfonds externer Anbieter kamen relativ zügig hinzu. Neu ist dagegen die eigene Fondsmarke „Umweltspektrum“, die wir im Februar 2020 gegründet haben. Derzeit haben wir einen ersten eigenen grünen Mischfonds im Programm; im Herbst kommen voraussichtlich zwei weitere Produkte dazu.

procontra: Was ist in diesen Segmenten besonders gefragt?

Koppmann: Die Kunden sind nach wie vor stark auf die Einlage oder die sichere Geldanlage fixiert. Wir müssen daher viel Aufklärungsarbeit dahingehend leisten, dass ein Tagesgeldkonto oder ein Sparbuch keine Erträge abwirft und mit Berücksichtigung der Inflation de facto eine erhebliche Negativrendite zur Folge hat. Daher informieren wir intensiv über das Thema Wertpapiere als langfristige Anlagemöglichkeit. Diese Botschaft ist aktuell eine große Aufgabe!

procontra: Die Umweltbank bietet zum Beispiel auch Baufinanzierung an. Wie setzen Sie da ihren eigenen Anspruch um?

Koppmann: Unser Kern ist, Gelder, die wir von Kunden bekommen, in Form von Krediten in ökologische Projekte zu investieren. Dieses „grüne“ Kreditgeschäft für Privat- und Firmenkunden ist von Beginn an das Herz der Umweltbank. Es umfasst zum einen die Bau- und Immobilienfinanzierung und zum zweiten die Finanzierung von erneuerbaren Energien. In der Baufinanzierung gibt es unter den Firmenkunden zum Beispiel Wohnungsbaugesellschaften als Kreditnehmer, die in den sozialen Wohnungsbau investieren. Bei erneuerbaren Energien haben wir beispielsweise Privatkunden, die eine Solaranlage auf ihr Hausdach installieren oder professionelle Betreiber von Windrädern oder Solarparks, die bei uns Kredit aufnehmen.

procontra: Wie kritisch sind Kunden und Interessenten bezüglich der Belastbarkeit von Umwelt- oder Nachhaltigkeitskriterien und möglichem Greenwashing? Wie äußert sich das konkret?

Koppmann: Ich würde unsere Kunden als sehr kritisch bezeichnen. Wir ziehen Menschen an, die sehr sensibel sind in bezug auf Greenwashing und die eine unabhängige und glaubwürdige Bank suchen. Diese Haltung sieht man im Investmentfondsbereich zum Beispiel daran, dass Kunden im Zweifel häufig eher den „grüneren“ Fonds auswählen als den womöglich etwas günstigeren. Ihnen ist vor allem wichtig, wie der Fonds investiert ist.

procontra: Die Anzahl an Investmentfonds, die die Bank bewertet und anbietet, ist mit fünf Aktienfonds und jeweils drei Misch- und Rentenfonds nicht sehr hoch. Soll der Fondsbereich eher klein bleiben? Wonach richtet sich die Fondsauswahl?

Koppmann: Wir bieten bewusst eine überschaubare Anzahl an Fonds an. Ein zu großes Angebot kann auch verwirren und die Entscheidung sehr erschweren, was dem Kunden nicht unbedingt weiterhilft. Nach unserer Erfahrung empfinden die Kunden ein kleineres Angebot nicht als problematisch, sondern fühlen sich wohler damit, wenn wir zwar zahlenmäßig weniger, dafür aber sehr klare Aussagen machen können. Den Fondsbereich möchten wir daher nur moderat ausbauen. Bei der Auswahl der Fonds achten wir vor allem auf die Nachhaltigkeit, die Glaubwürdigkeit und die Kostentransparenz.

procontra: Was ist die Gegenleistung dafür, dass Sie Fonds externer Anbieter ins Programm nehmen?

Koppmann: Von den Anbietern erhalten wir eine Bestandsprovision über die Summe, die wir vermitteln. Das ist keine außergewöhnliche Situation bei der Umweltbank, sondern branchenüblich. Denn wir betreuen die Kunden und beantworten die Fragen zu den Produkten der Anbieter. Die Kosten machen wir jedem Kunden in der Kosteninformation transparent, bevor er ein Produkt kauft.

proconra: Nur zwei Investmentfonds aus Ihrem Programm erfüllen die höchste Bewertung nach Ihrem Umwelt-Rating. Ein Fonds schneidet sogar mit einer recht niedrigen Bewertung ab. Steht das nicht im Gegensatz zu den hohen Ansprüchen der Bank?

Koppmann: Eine niedrige Bewertung bedeutet nicht zwangsläufig, dass ein Fonds „schlecht“ ist. Ein solcher Fonds ist dann immer noch besser als die meisten „nicht grünen“ Fonds. Fonds mit einer niedrigeren Bewertung sind meist Rentenfonds. Ein Grund ist der, dass ein Käufer einer Unternehmensanleihe im Unterschied zu einem Aktionär kein Stimmrecht ausüben kann. Eine Anleihe bietet per se weniger Hebel, um Einfluss zu nehmen. Zahlreiche Rentenfonds investieren außerdem in Staatsanleihen – und es gibt keine „dunkelgrünen“ Staaten. Rentenfonds haben daher immer einen kleineren Nachhaltigkeitseffekt als etwa Aktienfonds mit echtem Nachhaltigkeitsansatz.

procontra: Kosten von 2,5 Prozent pro Jahr ohne Transaktionskosten, unter denen Aktien-, Misch- und Mikrofinanzfonds für einen Punkt auf der Bewertungsskala Ihres Umwelt-Ratings bleiben müssen, sind sehr hoch angesetzt. Die mit Abstand meisten solcher Fonds haben niedrigere Kosten. Gleiches gilt für die Kostengrenze von einem Prozent für Rentenfonds und ETF, börsengehandelte Indexfonds. Wäre es nicht glaubwürdiger, die Grenzen für eine positive Bewertung deutlich niedriger anzusetzen?

Koppmann: Wir beobachten laufend die Kostenentwicklung am Markt. Der wesentliche Grund für unsere derzeitige Ausgestaltung ist: Es gibt viele gute kleinere Fondshäuser, die bei der Analyse von Unternehmen sehr gute Arbeit leisten – sie teils auch besuchen, regelmäßigen Kontakt mit dem Management pflegen und Einfluss auf die Unternehmen ausüben. Das ist mit Kosten verbunden und hat seinen Wert. Auf der anderen Seite dürfen die Kosten ein vernünftiges Maß nicht überschreiten. 2,5 Prozent sind relativ hoch, aber noch vertretbar. Ich will aber nicht ausschließen, dass wir sie eines Tages noch etwas heruntersetzen.

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Die Kosten der Fonds und die EU-Taxonomie