Cyber-Versicherungen: Bedarf erkannt, Risiko jedoch nicht gebannt!

Stefan Terliesner Versicherungen Top News

Digitalisierung und Home Office sind Paradiese für Hacker und Cyberkriminelle. Gerade kleine und mittlere Unternehmen bitten hier digital höflich herein. Der Bedarf an Schutz steigt, fordert Makler und eröffnet ihnen neue Geschäftsfelder.

Cyber-Schutz, Bild: Adobe Stock/Chor muang

Cyber-Schutz ist das am stärksten wachsende Segment der Versicherungswirtschaft. Gleichzeitug werden jedoch auch immer mehr Hacker-Angriffe gemeldet. Bild: Adobe Stock/Chor muang

„Cyber ist weltweit das am stärksten wachsende Segment der Versicherungswirtschaft“, sagt Jan Richter, Referatsleiter Zentralbereich Deutschland bei E+S Rück gegenüber procontra. „Das hören wir seit zehn Jahren“, mag der eine oder andere Makler spontan denken. Oder: „Weltweit vielleicht, aber nicht bei uns!“ Doch diesmal könnte der ewige Hoffnungsträger der Branche tatsächlich durchstarten. Laut einer Einschätzung von Swiss Re wird sich das weltweite Beitragsvolumen bis 2025 auf 20 Milliarden Euro mehr als verdoppeln. Für 2021 sagt der Rückversicherer 8 Milliarden Euro voraus.

Auch in Deutschland ansässige Versicherer berichten von lebhaften Geschäften. Auf Anfrage sagte Sören Brokamp, Leiter Produktmanagement Cyber bei HDI: „Unsere Zielgruppe sind Firmen und Freiberufler bis 20 Millionen Euro Jahresumsatz. Hier wachsen wir mit zirka 50 Prozent pro Jahr. Das liegt vor allem an Neukunden.“ Ähnlich Udo Wegerhoff, Produktmanager Cyber bei Gothaer: „Der Cyber-Markt hat in den letzten 12 Monaten Fahrt aufgenommen. Marktweit werden sehr viele bestehende Verträge neu ausgeschrieben. Aber auch der Anteil am Neugeschäft hat stark zugenommen.“ Die Allianz sieht „eine deutliche Zunahme der Anfrage nach Cyber-Policen“ und ein Sprecher von VHV berichtet von Zuwachsraten im „zweistelligen prozentualen Bereich“, erinnert aber auch daran, dass der Cyber-Markt noch jung ist und das Wachstum also von einer niedrigen Basis aus stattfindet.

Die vorläufigen Ergebnisse einer Umfrage der Finanzaufsicht BaFin zur Entwicklung der Cyber-Versicherungsbranche bestätigen die Dynamik: 2020 haben die Anbieter Prämien in Höhe von 240 Millionen Euro eingenommen. Im Vergleich zu 2016 sind die gebuchten Bruttobeiträge um das Fünffache gestiegen. Das starke Wachstum resultiert aus dem Geschäft mit der Industrie sowie mit kleinen und mittleren Unternehmen. Laut Erhebung spielt das Geschäft mit Privatkunden eine untergeordnete Rolle.

Im gleichen Zeitraum erhöhte sich die Schadenquote stark, hat sich zuletzt aber in einem Bereich von 40 Prozent stabilisiert. Ein weiteres Ergebnis: Der Selbstbehalt der Versicherer hat sich im Zeitablauf deutlich reduziert. „Damit sind Rückversicherer stärker an Cyber-Schadenfällen beteiligt“, erklärt Ramon Platt, BaFin-Referatsleiter für Grundsatzfragen der Schaden- und Unfallversicherung. „Aus risikotechnischer Sicht ist dies zu begrüßen, solange die Volatilität noch relativ hoch ist.“

Erfahrungen gesammelt

Tatsächlich ist die Modellierung von Cyber-Risiken der Knackpunkt bei der Entwicklung des jungen Marktes. Die Herausforderung ist groß. Doch inzwischen liegen so viele Erfahrungswerte vor, dass immer mehr Versicherer sich mit neuen Produkten aus der Deckung wagen beziehungsweise bestehende Bedingungswerke überarbeiten.

Ein weiteres Problem ist, dass Cyber-Risiken zum Teil noch durch herkömmliche Gewerbepolicen gedeckt sind. Auch aus diesem Grund passen Versicherer ihre Bedingungen an. Hierauf weist Branchenexperte Richter von E+S Rück hin (siehe Interview). Richter kennt das Cyber-Geschäft aus dem Effeff. Sein Arbeitgeber gehört zum Rückversicherer Hannover Rück und der berät Erstversicherer bei der Erstellung tragfähiger Risikokonzepte.

Laut BaFin-Umfrage besitzen die zehn größten Cyberversicherer in Bezug auf die gesamten Bruttoeinnahmen einen Marktanteil von 86 Prozent. Die Behörde hat bei 60 Unternehmen auch abgefragt, wie umfangreich sie die GDV-Musterbedingungen nutzen. „Die Bandbreite an Bedingungswerken ist anscheinend groß, in mehr als der Hälfte kommen individuelle Versicherungsbedingungen zum Einsatz“, kommentiert Platt dieses vorläufige Ergebnis. Weil der Markt inzwischen aber die notwendige Reife habe, plädiert er für die Einrichtung eines eigenen Versicherungszweiges für Cyber-Policen.

Der Markt wird härter

Das wäre dann wohl die Krönung einer mittlerweile zehn Jahre langen Entwicklung. Als die ersten Cyber-Policen 2011 auf den deutschen Markt kamen, „glaubten viele nicht an eine Durchsetzung dieser Absicherung“, schreibt Johannes Beckers, Senior Underwriter Cyber Financial Lines Large Commercial bei Zurich in einem Fachartikel. Doch das Gegenteil sei eingetreten.

Er räumt aber ein, dass Cyber-Versicherungen „ihre Anlaufschwierigkeiten hatten“. Ein paar Jahre sei der Markt eher „weich“ gewesen, also gekennzeichnet durch immer weitere Deckungen, Prämienkampf und hohe Kapazitäten. Doch vor allem im vergangenen Jahr habe sich der Markt „radikal verändert“. Die Versicherer hätten einen guten Überblick über Schadenszenarien gewonnen, hohe Schadenzahlungen mit zum Teil voll ausgeschöpften Versicherungssummen und Eintrittswahrscheinlichkeiten besser verstanden. Jetzt stünden die Bedingungen auf dem Prüfstand. Zusätzlich würden Kapazitäten reduziert sowie Prämien teilweise um mehr als 100 Prozent erhöht. „Der Markt verhärtet sich“, resümiert Beckers.

Die Veränderungen im Markt stellten Versicherungsnehmer – und damit auch deren Makler – vor große Herausforderungen. Dazu der Fachmann: „Bei den kommenden Vertragsverlängerungen kommt es nicht nur darauf an, die gewünschte Versicherungssumme sicherzustellen, sondern auch die Bedingungen auf das eigene Risiko hin zu überprüfen und möglicherweise nicht erforderliche optionale Deckungsinhalte abzuwählen.“ Eben weil die Kapazitäten im Markt abnähmen – in der Regel auf maximal 15 Millionen Euro durch einen einzelnen Versicherer – und gleichzeitig die Nachfrage in vielen Fällen das Angebot übersteige, müssten Kunden und Vermittler einen Versicherer zunehmend von der Cyber-Resilienz des Versicherungsnehmers überzeugen. Kurzum: Auch aus Vermittlersicht wird der Markt für Cyber-Versicherungen professioneller.  

Ständig Produktinnovationen

Nicht zuletzt verändern sich die Gefahren ständig. Während vor zehn Jahren Kreditkartenbetrug als größter Risikotreiber gesehen wurde, sind es heute vermehrt Ransomware und Leak-Plattformen. Der Cyber-Markt entwickelt sich schnell und erfordert ständige Produktinnovationen. Aktuell warnt das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) insbesondere kleine und mittlere Unternehmen vor Gefahren aufgrund der neuen Home-Office-Situation. Durch Corona habe sich das Angebot an Heimarbeitsplätzen mehr als verdoppelt.

Und 58 Prozent der befragten Unternehmen wollten das Angebot auch nach der Pandemie aufrechterhalten beziehungsweise ausweiten. „Home-Office ist gekommen, um zu bleiben“, betont BSI-Präsident Arne Schönbohm. Daher werde die Angriffsfläche für Cyber-Kriminelle größer. Das BSI wird deutlich: „Für Kleinst- und Kleinunternehmen mit weniger als 50 Mitarbeitenden hat eine von vier Cyberattacken existenzbedrohende Folgen“.

Wohl auch deshalb berichtet Produktmanager Wegerhoff von der Gothaer von einer zunehmenden Nachfrage nach Cyber-Policen. Die Gothaer biete für kleine und mittlere Unternehmen mit bis zu 10 Millionen Euro Jahreserlös einen umfassenden Cyber-Schutz. Das vereinfachte Antragsverfahren komme mit nur zehn Fragestellungen aus. Bei größeren Unternehmen werde ein individueller Ansatz verfolgt – sprich: hier sind Bedingungen und Prämien verhandelbar. Die VHV zielt mit ihren Produkten ebenfalls auf kleine und mittlere Unternehmen. Der Cyber Schutzbrief zum Beispiel werde gerne von Unternehmen mit einem Jahresumsatz von maximal 250.000 Euro abgeschlossen. Die Deckung koste weniger als 100 Euro pro Jahr, berichtete ein Sprecher des Versicherers.

Herausforderung für Makler

Für Makler ist die Wahl des passenden Produkts eine große Herausforderung. Die Tarife im Markt unterscheiden sich in puncto Leistungen, Preis und Bedingungen erheblich. Zudem, schreibt die Rating-Agentur Frank und Bornberg auf ihrer Homepage, müssen Makler „das Geschäftsmodell ihres Kunden verstehen und in Verbindung mit dem technischen und organisatorischen Setup die konkreten Risiken ermitteln. Dann heißt es, die passende Deckung finden, Schwachstellen identifizieren und darüber gegebenenfalls verhandeln sowie diesen Prozess zur eigenen Enthaftung hinreichend dokumentieren.“ Hilfestellung biete das eigene Cyber-Rating, das laufend aktualisiert werde.

Unterstützung finden Makler auch bei CyberDirekt. Laut Geschäftsführer Hanno Pingsmann tummeln sich 16 Versicherer mit insgesamt 33 Tarife auf der Online-Plattform. In diesem Jahr hätten AXA, ERGO, Parametrix, VHV und Zurich neue Produkte eingebracht. Makler könnten den Vergleichsrechner auf ihrer eigenen Web-Seite verlinken und der Kunde werde nach der Präsentation des selbst ermittelten Vergleichsergebnisses direkt an den Vermittler weitergeleitet.

Darüber hinaus bietet das Portal einen Angebotsrechner, mit dessen Hilfe der Makler seinem Kunden einen Vorschlag zum Abschluss einer Cyber-Police per E-Mail oder im persönlichen Gespräch vorstellen kann. Unternehmen könnten aber auch direkt über die Plattform eine Versicherung kaufen. Wie so häufig gibt es also auch hier mehrere Vertriebswege. Generell gilt: Der Cyber-Markt ist reifer geworden. Die Zeichen stehen auf anhaltendes Wachstum, von dem Makler profitieren können.

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