bAV: Auswege aus der Niedrigzinsfalle

Detlef Pohl Berater Zielgruppenansprache Versicherungen

Die vollständige Beitragsgarantie gibt bAV-Beitragszusagen mit Mindestleistung den Todesstoß. Wie Auswege aus der Niedrigzinsfalle für die bAV aussehen könnten, wurde auf der virtuellen bAV-Handelsblatt-Jahrestagung 2021 deutlich.

Es muss künftig mit weniger Garantien gehen, weil sonst wertstabile Anlagen für das Alter verhindert werden, sagt Aktuar Stefan Oecking, Vize-Vorstandschef des IVS. Bild: Mercer

Es muss künftig mit weniger Garantien gehen, weil sonst wertstabile Anlagen für das Alter verhindert werden, sagt Aktuar Stefan Oecking, Vize-Vorstandschef des IVS. Bild: Mercer

Wegen der Niedrigzinsen wird ab 2022 für das Neugeschäft in der Lebensversicherung der Höchstrechnungszins auf 0,25 Prozent gesenkt. Damit wächst auch der Druck in der betrieblichen Altersversorgung (bAV) auf die Garantien, denn in der weit verbreiteten Beitragszusage mit Mindestleistung (BZML) wie auch bei der betrieblichen Riester-Rente sind weiterhin 100 Prozent Garantie vorgeschrieben.

Seit längerem fordern die deutschen Aktuare, bei Riester und der BZML von der gesetzlich vorgeschriebenen 100-Prozent-Garantie abzurücken. „Der vollständige Beitragserhalt macht keinen Sinn mehr, da Investments in wertstabile Anlagen verhindert werden“, sagt Stefan Oecking, Vize-Vorstandschef des Instituts der Versicherungsmathematischen Sachverständigen für Altersversorgung (IVS) auf der virtuellen bAV-Handelsblatt-Jahrestagung 2021.

BZML derzeit scheintot

„Die BZML ist tot! Es lebe die BoLZ?!“ überschrieb er etwas provokativ seinen Vortrag. Gemeint ist: Alternativ zur BZML wird von immer mehr Anbietern und Arbeitgebern die beitragsorientierte Leistungszusage (BoLZ) genutzt. Dort gibt es keine gesetzlichen Vorgaben für eine Mindestleistung. In vielen Tarifverträgen und Gruppentarifen ist jedoch die BZML noch vorgeschrieben. Deren hohe Zwangsgarantien verhinderten den Werterhalt und wirkten zunehmend Gefahr für die Generationengerechtigkeit in der bAV.

Die politischen Entscheidungsträger sollten noch in den kommenden Wochen bis zum Jahresende mit einem geringfügigen gesetzgeberischen Eingriff das Garantieniveau bei den staatlich geförderten Vorsorgeprodukten senken, forderte Oecking erneut. Die Chance auf Werterhalt bestehe nur bei deutlich weniger als 100 Prozent Garantie. Lediglich an zwei Stellschrauben müsste die Politik geringfügig nachjustieren:

  • In Paragraf 1 Abs 2. Nr. 2 des BetrAVG muss für die bAV nur statt 100 Prozent zum Beispiel 75 Prozent eingefügt werden.
  • Und für die Riester-Rente dasselbe in Paragraf 1 Abs. 1 Nr. 3 AltZertG.

Von akzeptablen Garantien für unterschiedliche Zusagearten

Oecking verwies auf eine Ifa-Studie, die 70 bis 80 Prozent Garantie für sinnvoll hält. Eine BoLZ „sollte oberhalb von 50 Prozent Garantie landen“, empfiehlt der Aktuar. Unter 50 Prozent Garantie könne man eher von einer reinen Beitragszusage (rBZ) sprechen, wie sie im Sozialpartnermodell angedacht ist, meint Oecking. Die rBZ sollte „entfesselt“ werden, empfiehlt der Experte und meint vor allem die Streichung des Tarifvorbehalts.

Dazu macht auf der Tagung auch die Arbeitsgemeinschaft für betriebliche Altersversorgung (AbA) Druck. „Alles, was man sich von einem Staatsfonds erhofft, könnte man durch die rBZ besser erreichen“, argumentiert AbA-Vorstandschef Georg Thurnes. Dazu müssten aber einige Bremsen im Sozialpartnermodell gelöst werden:

  • Der Zugang zur rBZ muss erleichtert und auch jenseits von Tarifverträgen erlaubt werden.
  • Betriebsrentenzusagen müssten auch mit weniger als 100 Prozent Garantieniveau erteilt werden dürfen. „Dauerniedrigzins und hohe Garantien schließen einander aus“, so Thurnes.
  • Bereits erteilte Zusagen müssten für die Zukunft abänderbar sein. „Schon erdiente Versorgungsanteile müssten erhalten bleiben, aber für zukünftige Arbeitsjahre sollte die bAV mittels rBZ chancenreicher und generationengerechter gestaltet werden können“, fordert Thurnes.

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