Versicherer überarbeiten ihre eigene Grundfähigkeit

Stefan Terliesner Versicherungen Berater Top News

Im Markt der Grundfähigkeitsversicherungen herrscht im Hinblick auf die Vertragsbedingungen ein echter Wildwuchs – Tarife sind somit kaum miteinander vergleichbar. Erste Anbieter reagieren nun und sind um mehr Klarheit bemüht. Der daraus entstehende Wettbewerb ist auch gut für die Vermittler.

Grundfähigkeitsversicherungen Bild: Adobe Stock/ Song_about_summer

Der Markt für Grundfähigkeitsversicherungen boomt. Doch vielfach finden sich in den Allgemeinen Versicherungsbedingungen keine klaren Formulierungen, was bei Versicherungsnehmern oft für Verwirrung sorgt. Bild: Adobe Stock/ Song_about_summer

Der Markt für Grundfähigkeitsversicherungen ist noch jung, wächst aber stark. Die Nachfrage ist auch deshalb so hoch, weil die wichtige Berufsunfähigkeitspolicen für viele Menschen mit riskant eingestuftem Job zu teuer geworden sind. Mit der Absicherung von Grundfähigkeiten wie Stehen, Gehen, Sitzen, Hände gebrauchen, Knien oder Bücken wollen Kunden und Vermittler die Lücke schließen. Doch die Definitionen in den Allgemeinen Versicherungsbedingungen (AVB) der jeweiligen Anbieter sind so unterschiedlich, dass von Police zu Police andere Festlegungen darüber entscheiden, ob Antragsteller einen Leistungsanspruch haben.

Wildwuchs statt Standards

Diesen Wildwuchs hat jetzt auch die Ratingagentur Assekurata kritisiert. „Noch immer hat sich bei den Bedingungen kein Marktstandard etabliert, sodass der Leistungsumfang der Tarife auf den ersten Blick schwer vergleichbar ist“, moniert Analyst Arndt von Eicken gegenüber procontra. Damit stoßen die Kölner in das gleiche Horn wie zuvor das Analysehaus Franke und Bornberg, das bereits 2014 mit dem seinerzeit ersten Rating zu Grundfähigkeitsversicherungen im deutschen Markt Transparenz schaffen und verlässlichen Standards den Weg ebnen wollte. Dies wurde bisher nicht erreicht.

Aber es gibt Hoffnung. Assekurata hat gemeinsam mit Biometrie Expertenservice ein detailliertes Prüfraster für Grundfähigkeitstarife entwickelt, das die Leistungsauslöser der Versicherer auf kundenfreundliche und praxistaugliche Formulierungen abklopft. Und siehe da: Mit Allianz, Nürnberger und Dortmunder haben sich die ersten Unternehmen dem Verfahren gestellt. Diese drei Anbieter haben ihre Tarife nachgeschärft und haben von Assekurata dafür jetzt Top-Noten erhalten, berichten die Kölner Analysten (siehe Tabelle). Darüber hinaus wisse die Ratingagentur von mindestens fünf weiteren Versicherern, die aktuell Klarstellungen in ihren AVBs prüfen würden.

Vereinfachung angestrebt

Der Maklerversicherer Dortmunder, der zum Volkswohl Bund gehört, ist 2017 mit der Grundfähigkeitsversicherung Plan D an den Start gegangen. Auf Anfrage sagte eine Sprecherin, dass das Produkt im Markt gut ankäme. Rund 30.000 Versicherte hätten sich bereits für Plan D entschieden. Dennoch habe der Versicherer die Police jetzt „runderneuert“. Bei der Neuaufstellung habe die Zahl der Leistungsauslöser eine Rolle gespielt. Man wolle „nicht 30 Fähigkeiten aufnehmen, die dem Kunden nichts bringen.“ Als Beispiel nennt die Sprecherin die Nutzung des öffentlichen Personennahverkehrs (ÖNPV): „Wer nicht mehr mit dem Bus fahren kann, der ist ja schon bei anderen Leistungsauslösern wie Gehen, Stehen oder Sitzen eingeschränkt. Da muss ÖPNV nicht noch extra als zusammengesetzter Auslöser aufgenommen werden.“

Wichtig sei den Dortmundern gewesen, die Bedingungen in Klartext zu formulieren: „kurze Sätze, eindeutige Aussagen, viele Beispiele“, erklärt die Sprecherin. Und weiter: „Der Kunde versteht jedes Wort und weiß genau, was versichert ist und was nicht. Das wirkt sich auch positiv auf das Beratungsgespräch aus. Der Vermittler muss nicht mehr ,übersetzen', was der Versicherer mit seinen Formulierungen eigentlich meint. Dafür kann er sich ganz auf den persönlichen Bedarf des Kunden und die Beratung konzentrieren.“

Klare Sprache für Klarheit im Leistungsfall

Die Sprecherin nennt aus den neu formulierten Bedingungen ein Beispiel für die Fähigkeit „Schreiben“: „Die versicherte Person kann aufgrund von motorischen Einschränkungen weder mit der rechten noch mit der linken Hand mindestens fünf sinnvolle Wörter mit jeweils mindestens zehn Buchstaben – mit einem Schreibstift in Druckbuchstaben abschreiben oder – mithilfe der Bildschirmtastatur eines Smartphones oder Tablets mit einer Displaygröße von mindestens fünf Zoll abtippen, so dass ein unabhängiger Dritter diese Wörter lesen kann.“ Und noch ein Beispiel für die vereinbarten Beiträge und Leistungen: „Wir verzichten auf den Versicherungsbegriff Dynamik und sprechen stattdessen von der automatischen Erhöhung.“

Bei der Allianz hieß es auf Anfrage, dass die Definitionen von neun Grundfähigkeiten überarbeitet wurden. Was „Sprechen“ bedeutet, erklären die Bedingungen nun wie folgt: „Die versicherte Person wird von Außenstehenden nicht mehr verstanden.“ Bislang hieß es an der entscheidenden Stelle: „von ihrem sozialen Umfeld“. Mehr Klarheit beansprucht jetzt auch die Nürnberger für ihre AVB. Dem Versicherer zufolge beschreibt der Leistungsauslöser „Heben, Tragen und Beugen“ jetzt „die Fähigkeit der versicherten Person sich zu beugen und einen Gegenstand von 40 Zentimeter Höhe zu heben und fünf Meter weit zu tragen.“

Diese Beschreibung sei um konkrete Beispiele ergänzt worden. „Gegenstand“ etwa sei jetzt definiert als Akkubohrschrauber, Kurzhantel oder kleiner Farbeimer, jeweils mit einem Gewicht von 2 Kilogramm. Die Fähigkeit „Beugen“ sei neu aufgenommen worden; ebenso die bisherige Höhe zum Anheben von „Hüfthöhe“ auf jetzt „40 Zentimeter“ abgesenkt.

Wettbewerb gut für Berater

Insgesamt ist der Markt für Grundfähigkeitsversicherungen in Bewegung. Der Trend hin zu objektivierbaren Leistungsauslösern dürfte sich fortsetzen, was die Leistungsprüfung deutlich vereinfachen dürfte. Assekurata-Analyst von Eicken erinnert noch daran, dass Grundfähigkeitsversicherungen erst seit Anfang 2000 im deutschen Markt angeboten werden und die Versicherer kaum Erfahrung in der Regulierung von Leistungsfällen haben. Gleichzeitig ist in der Branche zu vernehmen, dass es bei dem einen oder anderen Alt-Tarif mit unklaren Formulierungen durchaus zu Streit zwischen Antragsteller und Versicherer kommen könnte. Es ist auch für Vermittler gut, wenn die Produktgeber jetzt selbst für mehr Klarheit sorgen.

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