Unterschiedliche Versicherungstarife für Geimpfte und Ungeimpfte?

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„Als Versicherungsbranche werden wir darüber nachdenken müssen, Tarife nach Impfstatus zu unterscheiden.“ Die jüngsten Äußerungen von R+V-Chef Norbert Rollinger haben hohe Wellen geschlagen – nicht nur in der Versicherungsbranche. Welche Argumente dafür und welche dagegensprechen, diskutieren die procontra-Redakteure Martin Thaler und Hannah Petersohn.

Unterschiedliche Versicherungstarife für Geimpfte und Ungeimpfte? Bild und Bildbearbeitung: procontra

Der eine argumentiert mit Blick auf die Freiheit gegen Tarife in Abhängigkeit vom Impftstatus, die andere mit Blick auf die Grenzen der Freiheit dagegen: procontra-Chefredakteur Martin Thaler und leitende procontra-Redakteurin Hannah Petersohn. Bild und Bildbearbeitung: procontra

Gegen unterschiedliche Tarife argumentiert:
Martin Thaler, Chefredakteur, procontra-online

„Jeder soll nach seiner Facon glücklich werden“ – dieses Plädoyer für Toleranz des „alten Fritz“ ist auch heute alles andere als aus der Zeit gekommen. So heißt es in Artikel 2 des Grundgesetzes: „Jeder hat das Recht auf die freie Entfaltung seiner Persönlichkeit.“

Sofern diese Entfaltung nicht die Rechte anderer beschränkt oder verletzt, beinhaltet sie auch Verhalten, das Mitbürgern als unziemlich gilt. Wer statt täglich zum Apfel lieber zum Kartoffelchip greift, den Weg zur Arbeit lieber mit dem Auto als mit dem Fahrrad zurücklegt und Sport allerhöchstens auf der Playstation betreibt, schadet womöglich seiner Gesundheit und eigenen Leistungsfähigkeit – der Staat und seine Mitbürger können dieses Verhalten zwar missbilligen, tolerieren müssen sie es dennoch.

Nun brandet die Frage auf, ob Menschen, die sich trotz zahlreicher öffentlicher Apelle nicht gegen Covid-19 haben impfen lassen, möglicherweise andere Krankenversicherungstarife bekommen sollen als Menschen mit Impfschutz. In der Konsequenz könnte das bedeuteten: Ungeimpfte Kunden müssten mit deutlichen höheren Kosten oder eingeschränkten Leistungen rechnen.

Das klingt auf den ersten Blick nachvollziehbar, auf den zweiten würde hier allerdings ein gefährlicher Präzedenzfall geschaffen. Denn warum sollte man die Differenzierung auf Covid-19 beschränken, wenn man sie doch auch auf andere Impfungen ausweiten könnte. Müssten folgerichtig nicht auch Versicherte höhere Beiträge zahlen, die nicht gegen Tollwut, Röteln oder Mumps geimpft sind?

Von da aus wäre es dann nur noch ein weiterer Schritt, zwischen Sportlern und Couch-Potatoes, zwischen Auto- und Radfahrern, zwischen Gesundheitsaposteln und Naschkatzen zu unterscheiden – ein Verhaltens-Kontrollsystem durch die Hintertür, das keiner wirklich wollen kann.

Die Versicherer dürfen nur den Gesundheitsstatus zur Grundlage ihrer Prämienberechnung in Betracht ziehen, der beim Abschluss des Vertrages vorliegt. Nachträgliche Veränderungen der Risikolage dürfen indes keine Auswirkungen haben. So darf jemand, der nach Vertragsabschluss seine Ernährung komplett auf Büchsenbier und rotes Fleisch umstellt, nicht plötzlich von seiner Versicherung mit höheren Prämien abgestraft werden. Ebenso gilt, dass der Versicherer nicht plötzlich bei seinen Bestandskunden zwischen Geimpften und Ungeimpften differenzieren darf.

Würde von diesem System abgewichen, droht – überspitzt gesagt – der jährliche Bußgang zum Versicherer: Wie viele Würstchen haben Sie in diesem Jahr gegessen? Wie viele Bier gemacht? Und wie viele Kniebeugen?

Möglicherweise würde ein solches System im Sinne des Verursacherprinzips zu mehr Fairness führen – wer durch seinen Lebensstil potenziell höhere Gesundheitskosten verursacht, soll auch mehr zahlen. Absolute Fairness wäre jedoch auch mit diesem System nicht möglich – schließlich lehnt nicht jeder Impfverweigerer die Injektion aufgrund reiner Ignoranz ab, sondern womöglich auch aufgrund einer Vorerkrankung.

Deshalb sei an dieser Stelle noch einmal an das oben erwähnte Toleranz-Plädoyer von Preußenkönig Friedrich II. erinnert. Auch wenn Toleranz ab und an weh tun mag, darf die freie Entfaltungsmöglichkeit eines jeden Bürgers nicht eingeschränkt werden – auch nicht durch die Hintertür.

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Tarife nach Impfstatus sind im Sinne einer Solidargemeinschaft