UDI-Pleite: Das graue Risiko

Sachwerte von Celine Schäfer

Die UDI-Pleite stellt ein weiteres Beispiel für riskante Investitionen am Grauen Kapitalmarkt für Kleinanleger dar. Viele Finanzberater rücken von Produkten wie Nachrangdarlehen bereits ab. Aber bräuchte es nicht auch schärfere Gesetze?

UDI, Bild: Adobe Stock/ magele-picture

Die Insolvenz von immer mehr Teilen der UDI-Firmengruppe dürfte für einige Berater ein juristisches Nachspiel haben. Anleger, die mit Nachrangdarlehen Geld verloren haben, ziehen vor Gericht. Bild: Adobe Stock/ magele-picture

Die Versprechen, die der Finanzvertrieb UmweltDirektInvest (UDI) den Privatanlegern gemacht hat, waren groß: „Grünes Geld, saubere Rendite“, also nachhaltige Investments, bei denen der Gewinn mit jährlichen Zinsen zwischen vier und 6,5 Prozent nicht zu knapp ausfallen sollte. UDI hat sich auf erneuerbare Energien spezialisiert und finanziert mit dem Geld der Anleger zum Beispiel Biogasanlagen, die von UDI-Tochtergesellschaften betrieben werden.

Und genau diese Gesellschaften, namentlich etwa die UDI Biogas Barleben, mussten im frühen Sommer dieses Jahres reihenweise Insolvenz anmelden. Dass überhaupt noch Menschen ihr Geld in die UDI-Firmengruppe gesteckt haben, ist eigentlich erstaunlich. Denn Wirtschaftsprüfer sehen schon seit mehr als fünf Jahren, dass es bei UDI nicht rund läuft. Anlass für die Zweifel bot zum Beispiel der Insolvenzantrag, den die Projektgesellschaft der Biogas-Anlage im hessischen Nieder-Klingen stellen musste.

Weil die Firmenstrukturen allerdings so verschachtelt sind, wussten viele Anleger gar nicht, dass es so schlecht um UDI steht, denn einen Konzernabschluss gab es nie. Laut Recherchen des Hessischen Rundfunks (HR) hat der Öko-Finanzvertrieb Anlegergelder genutzt, um defizitäre Projekte zu stützen – natürlich ohne das den Anlegern mitzuteilen. Die Staatsanwaltschaft Nürnberg ermittelt jetzt wegen Betrugs und Untreue.

Für Privatanleger bedeutet die Pleite der UDI-Gesellschaften erstmal den Totalverlust. Denn sie sind über sogenannte Nachrangdarlehen an dem Konzern beteiligt. Das bedeutet: Im Fall einer Insolvenz werden ihre Ansprüche erst bedient, wenn alle anderen Gläubiger ihr Geld zurückbekommen haben, also zum Beispiel Lieferanten oder Handwerker. Viele Anleger ziehen deshalb vor Gericht und klagen.

Prokon: Anleger verlieren viel Geld

Zum ersten Mal passiert so etwas nicht. Bereits im Jahr 2014 lockte der Windpark-Entwickler Prokon mit nachhaltigen Investments über sogenannte Genussrechte, bei denen Anleger anders als bei normalen Aktien zwar am Reingewinn beteiligt sind, aber keinerlei Stimmrechte haben. Das Geschäft geriet ins Wanken, viele Kunden kündigten ihre Genussscheine, Prokon musste Insolvenz anmelden und rund 75.000 Anleger, die insgesamt 1,4 Milliarden Euro in Prokon investiert hatten, verloren etwa 40 Prozent ihres investierten Geldes. Für Vermittler sind Fälle wie dieser der Super-GAU. Haben sie Kunden nicht hinreichend beraten, können diese auch sie vor Gericht ziehen und für den Verlust belangen.

Was Prokon und UDI eint: Sie sind Teil des Grauen Kapitalmarkts, dessen Produkte sich gern mit überdurchschnittlich hohen Zinsen und Renditen schmücken. Allerdings brauchen sie keine Erlaubnis der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (Bafin) und unterliegen deshalb auch nicht ihrer Aufsicht. Heißt: Es gibt keine systematische Produktkontrolle und die Seriosität und Bonität der Anbieter, Initiatoren und Geschäftsleiter werden nicht überprüft, genauso wenig wie die wirtschaftliche Tragfähigkeit des Geschäftsmodells.

Die Gefahr, dass Anleger auf diesem unregulierten Kapitalmarkt an zwielichtige Angebote geraten, ist also hoch. „Dass Graumarktprodukte wie Nachrangdarlehen oder Genussrechte überhaupt erlaubt sind, ist eine deutsche Besonderheit“, sagt Peter Mattil, der als Fachanwalt für Bank- und Kapitalrecht bei der Münchner Kanzlei Mattil auch Kleinanleger im UDI-Fall vertritt.

Finanzberater oft zu gutgläubig

Finanzberater sollten sich deshalb gut überlegen, ob sie ihren Kunden zu solchen Angeboten raten. Wenn eine Vermögensanlage nicht der Kontrolle der Bafin unterliegt, wie es zum Beispiel bei den UDI-Darlehen der Fall war, sind die Vermittler gesetzlich dazu verpflichtet, alle Details der Produkte zu überprüfen. Sonst haften sie und müssen bei einer Klage Schadensersatz zahlen. „Sie müssen durchdringen, wie ein Unternehmen und seine Gesellschaften miteinander verknüpft sind und wo das Geld der Anleger hinfließt“, sagt Mattil.

„Es reicht auch nicht, sich auf die Infos der Emittenten oder der Wirtschaftsprüfer zu verlassen – wohin das führen kann, haben wir bei Wirecard gesehen. Da sind viele Berater zu gutgläubig.“ Verlässliche Quellen seien die Bilanzen oder Adhoc-Mitteilungen der BaFin. In den Bilanzen von UDI war etwa schon Jahre zuvor erkennbar, dass manche Unternehmenszweige schlecht laufen.

Mattil hält nicht viel von Graumarktprodukten. Zu niedrig sei der Nutzen, zu hoch das Risiko für den Anleger. Er weiß allerdings auch: Die Produkte haben ihre Abnehmer. Wer das ist, zeigt zum Beispiel eine Studie der BaFin aus dem Jahr 2020. Sie zeigt, dass Anlageprodukte wie Aktien, Anleihen oder Zertifikate zwar deutlich beliebter sind als Graumarktprodukte, zu denen neben Genussrechten und Nachrangdarlehen auch Unternehmensbeteiligungen, Namensschuldverschreibungen, partiarische Darlehen und Direktinvestments gehören.

Aber immerhin 4,5 Prozent aller Studienteilnehmer hatten schon einmal ein Graumarktprodukt gekauft. Und das kam vielen von ihnen teuer zu stehen: 22 Prozent haben etwa bei einer Investition in Unternehmensbeteiligungen schon einmal Geld verloren, unter Anlegern mit Erfahrungen mit Direktinvestments erlitten sogar 50 Prozent einen finanziellen Verlust.

Grauer Kapitalmarkt schneller als der Gesetzgeber

Verboten wird der Graue Kapitalmarkt wohl nicht, schließlich handelt es sich bei seinem Angebot nicht per se um illegale Produkte oder Geschäfte. Aber nur, weil die BaFin ihn nicht kontrolliert, ist er keineswegs ein rechtsfreier Raum. So hat der Gesetzgeber etwa die Anforderungen an den Vertrieb und die Werbung verändert.

Hochriskante Graumarktprodukte dürfen beispielsweise nur noch in Bussen beworben werden, wenn die Aufhänger mit entsprechenden Warnhinweisen versehen werden. „Aber wir erleben in der Beratung immer häufiger, dass sich Verbraucher aktiv selbst Produkte im Netz gesucht haben oder auf Mund-zu-Mund von vermeintlichen Bekannten vertrauen“, sagt Katharina Lawrence, Juristin bei der Verbraucherzentrale Hessen. „Der Graue Kapitalmarkt ist in der freien Marktwirtschaft einfallsreich und damit immer schneller als der Gesetzgeber.“

Immerhin: Der UDI-Skandal ist für die Gesetzeslage nicht folgenlos geblieben. So wurde im Finanzausschuss des Bundestags im April dieses Jahres, in dem übrigens auch Jurist Mattil als Sachverständiger saß, ein neues Gesetz zum Anlegerschutz auf den Weg gebracht. Sogenannte Blindpool-Anlagen, also Finanzanlagen, bei denen die konkreten Anlageobjekte bei der Prospekterstellung noch nicht feststehen, sollen verboten werden. Das soll unvorhersehbare Totalverluste bei Kleinanlegern vermeiden und damit Investment-Skandale wie bei UDI verhindern. Für die Berater könnte das bedeuten: weniger Produktauswahl, aber auch ein deutlich geringeres Haftungsrisiko.

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