Solvency II: Was der neue Gesetzentwurf für Versicherer bedeutet

Hannah Petersohn Versicherungen Panorama

Mehr Klimaschutz, Anpassung an den Niedrigzins und individuelle Regeln für risikoärmere und kleinere Versicherer: Der überarbeitete Entwurf der Solvency II-Richtlinie bedeutet für Europas (Rück-)Versicherer brisante Änderungen.

Solvency II: Was der neue Gesetzentwurf für Versicherer bedeutet Bild: Adobe Stock/Dilok

„Der Entwurf der EU-Kommission lässt noch wesentliche Fragen offen“, kritisiert GDV-Hauptgeschäftsführer Jörg Asmussen. Bild: Adobe Stock/Dilok

Die EU-Kommission hat am Mittwoch Änderungen des Aufsichts- und Kapitalregelwerks „Solvency II“ vorgeschlagen. Im Kern geht es um eine neue Berechnung der erwartbaren Zinsentwicklung. Daraus ergeben sich veränderte Verpflichtungen für die Versicherer. Doch auch der Klimaschutz soll in Zukunft eine größere Rolle spielen.

Zwar liegen noch nicht alle Details der veränderten Richtlinie vor, doch die Stoßrichtung ist bereits klar: Durch den neuen Gesetzentwurf sollen die Langzeitversprechen der Lebensversicherer trotz Niedrigzins auf ein sichereres Fundament gestellt werden: Versicherer sollen demnach künftig mehr Kapital zur Seite legen, um besagte Versprechen auch einlösen zu können.

Auswirkungen auf Kapitalanforderungen

Die sogenannte „Zinsextrapolation“ soll vor dem Hintergrund der seit Jahren anhaltenden Niedrigzinsphase entsprechend angepasst werden. Versicherer müssen, um langfristige Garantiezusagen geben zu können, für Rückstellungen sorgen. Die Höhe der Rückstellungen richtet sich danach, wie weit eine Zusage in der Zukunft liegt und wie hoch der dafür berechnete Zins ist. Da davon auszugehen ist, dass der Zins weiterhin so niedrig bleibt, hat das Auswirkungen auf die Attraktivität von Lebensversicherungen. Darüber hinaus sollen die Rückstellungen, also das beiseite gelegte Kaptial, erhöht werden, um Risiken zu vermeiden.

„Dabei geht es um die wichtige Frage, bis zu welchem Zeitpunkt ein Marktzins für sichere Kapitalanlagen ermittelt werden kann und ab wann ein mathematisches Schätzmodell greift. Die Kommission schlägt nun ein Verfahren vor, dass von verschiedenen Parametern abhängt – und langfristig zu höheren Anforderungen führen könnte“, heißt es vom Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV).

An dieser Stelle warnt der GDV vor höheren Anforderungen: Die genaue Ausgestaltung dieser Kapitalanforderungen sei entscheidend für langlaufende Produkte wie Lebensversicherungen. Sollte der Gesetzgeber die Anforderungen jedoch überziehen, könnten die Renditechancen sinken und die Altersvorsorge könnte für Kunden teurer werden. „Der Entwurf der EU-Kommission lässt zum jetzigen Zeitpunkt noch wesentliche Fragen offen“, bemängelt GDV-Hauptgeschäftsführer Jörg Asmussen.

Individuelle Lösungen

Die EU-Kommission hält die Lage des europäischen Versicherungssektors für solide und plant beim Thema Risikobewertung stärker zu differenzieren: So soll es eine neue Kategorie von Versicherern mit besonders geringem Risiko geben. Ihnen sollen weniger Pflichten bei der Unternehmensberichterstattung, der Eigenrisikobewertung und der Offenlegung von Daten auferlegt werden. Kleinere Versicherer sollen von der neuen Richtlinie ganz ausgenommen werden.

Lob dafür kommt vom CSU-Europaabgeordneten Markus Ferber: „Mehr Verhältnismäßigkeit in der Versicherungsaufsicht ist hochwillkommen. Bisher schert die Versicherungsaufsicht alle Versicherungsunternehmen über einen Kamm.“

Klimaschutz soll stärker berücksichtigt werden

Ein weiteres zentrales Thema der überarbeiteten Richtlinie ist der Klimaschutz. Die Regulierung der Versicherungsbranche soll sich, nach Ansinnen der EU-Kommission noch stärker an Kriterien zum Klimaschutz orientieren. Der Grundgedanke dabei: Die Risikobewertungen von Investitionen sollen sich nicht nur auf das Finanzmarktrisiko beziehen, sondern auch auf die Klimarisiken, die mit einem Investment verbunden sind. Heißt im Klartext: Klimaschädliches Handeln soll bestraft, klimafreundliches Agieren belohnt werden, um das Ziel einer nachhaltigen Wirtschaft weiter voranzutreiben.

Es soll demnach untersucht werden, welche Versicherer und Rückversicherer durch ihre Investition in nachhaltige Finanzprodukte in der Regulierung bevorzugt behandelt werden können, heißt es in einem Bericht der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Ferber kritisierte die Bevorzugung „grüner“ Investments. Sein Argument: Die Finanzaufsicht haben sich grundsätzlich am Finanzmarktrisiko auszurichten. Auch Asmussen kritisiert, eine Vorzugsbehandlung für grüne Investments sei aus Sicht der Finanzstabilität nicht zielführend: „Solvency II muss risikobasiert bleiben. Grüne Investitionen sind nicht automatisch risikolos.“

Wenn Ihnen dieser Artikel gefällt, abonnieren Sie unseren täglichen kostenlosen Newsletter für weitere relevante Meldungen aus der Versicherungs- und Finanzbranche!