So hat Corona die Ausbildung verändert

Anne Mareile Walter Versicherungen

Die Azubiquoten in der Versicherungsbranche sind seit Jahren rückläufig – 2020 blieben sie trotz Pandemie stabil. Nun will eine Mehrheit der Betriebe hybrides Lernen auch nach Corona zum Ausbildungsstandard machen.

Azubi Bild: Adobe Stock/Andrey Popov

Die Mischung aus digitalem Lernen und Präsenzunterricht könnte auch nach der Pandemie zum Ausbildungsstandard in der Versicherunsbranche werden. Bild: Adobe Stock/Andrey Popov

Homeoffice, digitale Wissensvermittlung und Online-Recruiting-Prozesse – Corona hat den Arbeitsalltag der Auszubildenden verändert. Dabei blieb nach Angaben des Arbeitgeberverbands der Versicherungsunternehmen in Deutschland (AGV) die Ausbildungsquote 2020 trotz Pandemie konstant: 89 Prozent der zur Verfügung stehenden Plätze wurden besetzt, rund 12.000 Auszubildende zum Versicherungskaufmann/-kauffrau waren beschäftigt. Zum Vergleich: 2019 wurden 92 Prozent der vorhandenen Plätze besetzt. Für den Ausbildungsstart in diesem Jahr rechnet der GDV mit einer ähnlichen Quote.  

Wie aus der von AGV und dem Berufsbildungswerk der Deutschen Versicherungswirtschaft (BWV) in Auftrag gegebenen Bildungsumfrage hervorgeht, hat die Corona-Krise bei einem Großteil der ausbildenden Betriebe anscheinend zu einem Umdenken geführt:. Viele von ihnen wollen auch nach der Pandemie verstärkt auf die digitale Vermittlung von Wissensinhalten setzen. 

"Soft Skills"-Seminare vor dem heimischem Computer

Allerdings habe es dennoch Einschränkungen durch Corona gegeben, sagt BWV-Geschäftsführer Michael Weyh. Wie stark die Pandemie die Ausbildung beeinträchtigt hat, sei regional sehr unterschiedlich und von der jeweiligen technischen Ausstattung abhängig gewesen. Insgesamt habe die Wissensvermittlung bei den angehenden Versicherungskaufleuten aber gut funktioniert, denn: „Das Ausbildungspersonal war überwiegend methodisch gut geschult.“   

81 Prozent der für die Bildungsumfrage interviewten Unternehmen können sich auch für die Zeit nach der Pandemie hybride Lernformen vorstellen. Sechs Prozent der befragten Betriebe wollen Ausbildungsseminare künftig nur noch digital durchführen.  

65 Prozent halten hybrides Lernen auch bei Seminaren zur sogenannten „Erweiterung der personalen Kompetenz“ für sinnvoll, in denen es um Beratung, Kundenansprache und Umgangsformen geht. „Es ist nicht unbedingt nötig, dass man diese ‚Soft Skills‘ live in der Gruppe bespricht oder Auszubildende dabei mit der Kamera aufzeichnet“, sagt Weyh. Stattdessen könnten diese Inhalte auch vor dem heimischen Computer an den Nachwuchs der Branche gut herangetragen werden.  

Meist fehlt Bewerbern der nötige Schulabschluss

Alle ausbildenden Vertriebseinheiten gaben in der Befragung an, dass sie für die Kommunikation während der Pandemie Videokonferenztools nutzten. Von den ausbildenden Unternehmen sagten dies 98 Prozent. Telefonkonferenzen spielten mit 52 beziehungsweise 61 Prozent bei der Kommunikation eine untergeordnete Rolle, ebenso wie Messenger-Dienste (48 beziehungsweise 53 Prozent).  

In puncto Nachwuchsgewinnung hatte die Pandemie laut der Umfrage keinen messbar negativen Effekt. Nur elf Prozent der Ausbildungsplätze und 15 Prozent der dualen Studienplätze blieben im vergangenen Jahr unbesetzt. Mit 69 Prozent war der häufigste Grund für einen unbesetzten Ausbildungsplatz, dass Bewerbern der nötige Schulabschluss fehlte. 

Auch die Akquisition der Auszubildenden sei laut Weyh trotz Homeoffice sowie ausgefallener Messen und fehlender Schülerpraktika gut gelaufen. „Durch Online-Berufsportale und die Ansprache von Mitarbeitern konnten Auszubildende gewonnen werden, die Recruiting-Prozesse wurden über Online-Portale abgewickelt“, erklärt Weyh. Daher seien sowohl die ausbildenden Vertriebseinheiten wie die ausbildenden Unternehmen in diesem Punkt gut durch die Pandemie gekommen.  

GDV-Hauptgeschäftsführer Jörg Asmussen stimmen die Ausbildungsquoten des vergangenen Jahres ebenfalls optimistisch: „Das zeigt aus meiner Sicht, dass die Versicherungswirtschaft als attraktiver Arbeitgeber mit guten Zukunftsperspektiven gesehen wird“, schreibt er in einem Blog-Beitrag. 

Tatsache ist aber auch: Nach Statistiken des AGV ist die Zahl der Auszubildenden innerhalb der vergangenen zehn Jahre zurückgegangen. So waren 2010 knapp 15.000 Azubis unter Vertrag, im Jahr 2020 hatte sich diese Zahl um 20 Prozent auf etwa 12.000 verringert. „Der Rückgang der Azubi-Zahlen spiegelt die Gesamtentwicklung in der Branche wider, denn auch da gehen die Beschäftigtenzahlen zurück", macht AGV-Geschäftsführer Michael Gold deutlich. So registrierte der Arbeitgeberverband 2010 noch rund 220.000 Angestellte im Innen- und Außendienst inklusive Auszubildenden, 2020 waren es nur noch knapp 200.000.  

Die rückläufige Entwicklung bei der Anzahl der Azubis habe laut Gold in erster Linie mit der mangelnden Zahl an ausreichend qualifizierten Bewerbern zu tun: Im Schnitt könnten drei bis acht Prozent der zur Verfügung stehenden Ausbildungsplätze nicht besetzt werden. Und: „Die Versicherungsbranche wirkt leider auf den ersten Blick oft nicht wie der attraktivste Arbeitgeber." 

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