Schmerzensgeld: Wie viel Schuld trägt ein überholender Radfahrer?

Anne Mareile Walter Versicherungen

Zu wenig Sicherheitsabstand beim Überholen und ein unsicher fahrender Radler: Nach der Kollision zweier Fahrradfahrer musste das Oberlandesgericht Oldenburg die Haftungsfrage entscheiden.

Radfahrer Bild: Adobe Stock/upixa

Nach einem Fahrradunfall beim Überholen hatte das Oberlandesgericht Oldenburg über die Schuldfrage zu entscheiden. Bild: Adobe Stock/upixa

Eine verrenkte Schulter, eine abgerissene Sehne und zwei Tage Krankenhaus: Dies ist das Resultat eines Überholmanövers, bei dem zwei Fahrradfahrer miteinander kollidierten. Nach dem Unfall reichte der überholende Radfahrer Klage auf Schmerzensgeld und Schadensersatz ein. Wie viel Schuld trägt er an den erlittenen Verletzungen? Über diese Frage hatte nun das Oberlandesgericht Oldenburg (OLG) zu entscheiden (Az: 2 U 121/21).

Was war passiert?

Der Kläger fuhr mit seinem Fahrrad stadtauswärts, als ein langsam und unsicher fahrender Radfahrer aus einer Hauseinfahrt vor ihn auf die Straße einbog. Daraufhin fuhr der Kläger eine kurze Strecke hinter dem Beklagten her und setze dann zum Überholen an. Da der vorausfahrende Radfahrer in dem Moment mit seinem Fahrrad jedoch erheblich nach links schwenkte, kam es zur Kollision und der klagende Radfahrer zog sich besagte Verletzungen zu. Nachdem er eine Woche lang krankgeschrieben war, folgte eine längere Physiotherapie.

Die Klage des überholenden Radfahrers auf Schadensersatz und Schmerzensgeld wurde in erster Instanz abgewiesen. Die Begründung: Er habe gar nicht überholen dürfen, da er den erforderlichen Sicherheitsabstand von 1,5 bis zwei Meter auf der Strecke nicht einhalten konnte. Dieser Entscheidung schloss sich das OLG Oldenburg in zweiter Instanz jedoch nicht an. Der Sicherheitsabstand sei nicht generell die Voraussetzung zum Überholen, da sich ansonsten Fahrradfahrer im gesamten Stadtgebiet nicht überholen dürften. Vielmehr komme es auf den konkreten Fall an. Und hier sei der Radweg ausreichend breit gewesen, um an dem anderen Radfahrer vorbei fahren zu können.

Aus Sicht der Richter traf auch den Beklagten eine Mitschuld an dem Unfall: Denn er habe durch seinen Linksschwenk gegen das Gebot der Rücksichtnahme im Straßenverkehr verstoßen. Er muss 3.500 Euro Schmerzensgeld bezahlen sowie die Hälfte des Sachschadens ersetzen. Zu Letzterem zählen die Fahrten zur Physiotherapie sowie die beschädigte Kleidung. Auch der Kläger trage eine Mitschuld an dem Unfall und das zu 50 Prozent. Er habe erkennen müssen, dass der Beklagte unsicher fuhr, so die Richter. Das Urteil ist rechtskräftig.

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