Schadenfall der Woche: Nach dem Tornado ist vor dem Sturm

Hannah Petersohn Versicherungen Panorama

Als vor wenigen Tagen ein Tornado durch die Kieler Förde tobte, Menschen zum Teil schwer verletzt und Dächer abgedeckt wurden, saß der Schock tief. Doch: Wie sind derlei Schäden hervorgerufen durch Wirbelstürme eigentlich versichert?

Schadenfall der Woche: Nach dem Sturm ist vor dem Sturm Bild: procontra

In Deutschland gibt es weit häufiger als gedacht Tornados, so der Spitzenverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV). Bild: procontra

Wer sich schon einmal die spektakulären Videos von sogenannten Tornadojägern angesehen hat, weiß, wie faszinierend und beängstigend zugleich die enormen Wirbelstürme sein können - und welche Wucht sie entfalten. Allerdings verbinden die meisten Deutschen derlei Tornados eher mit den kargen Gegenden im mittleren Westen der USA und nicht unbedingt mit der Kieler Förde.

Doch genau dort tobte am Mittwoch ein Wirbelsturm, durch den mehrere Personen verletzt worden sind. Als der Tornado am Abend über die Uferpromenade zog, wurden Menschen, bei dem Versuch zwei Ruderboote aus dem Wasser zu ziehen,  „durcheinandergewirbelt“ und ins Wasser gezogen, heißt es nach Angaben der örtlichen Feuerwehr. Durch umherfliegende Gegenstände kam es zu weiteren Verletzungen, mehrere Dächer wurden abgedeckt.

Der Deutsche Wetterdienst geht von durchschnittlich 30 bis 60 bestätigten Tornados pro Jahr aus, schreibt der Spitzenverband der Deutschen Versicherungswirtschaft GDV auf seiner Verbraucherseite. „Medial ist so ein Tornado natürlich spektakulär anzusehen, aber versicherungstechnisch handelt es sich um einen herkömmlichen Sturmschaden und wird entsprechend reguliert“, sagt Kathrin Jarosch, GDV-Pressesprecherin.

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Soll heißen, die Wohngebäudeversicherung greift bei Schäden am Gebäude, die Hausratversicherung bei Schäden an Wohnungseinrichtung und Elektrogeräten und die Teilkasko-Police deckt Schäden am Auto ab. Voraussetzung dafür ist, dass der Wind mindestens Stärke 8, also 62 Stundenkilometer, erreicht. „Bei Tornados ist das praktisch immer der Fall“, so der GDV. Das Risiko eines überfluteten Kellers hingegen muss extra über eine Elementarschaden-Police versichert werden.

Kleines Gebiet, hoher Schaden

Allerdings gelte bei Tornados: „Kleines Gebiet, ganz hoher Schaden“, so GDV-Pressesprecherin Jarosch. Die Schäden infolge von Tornados seien demnach meist größer, weswegen die Schadensumme auch entsprechend höher ausfällt. Und: Es gebe dieser Art Wirbelstürme hierzulande weit häufiger als gedacht.

Bei Tornados handelt es sich um schlauchartige Wirbel, die durch große Temperaturunterschiede über dem Festland entstehen. Türmen sich Schauer- oder Gewitterwolken auf und drehen sich um sich selbst, steigt unter der Wolke feuchte, warme Luft auf. Sie vermengt sich mit den Winden, durch den Wasserdampf ist unter der Wolke ein rotierender Luftschlauch zu erkennen. Erreicht der Wirbelsturm den Boden, reißt der Sog alles mit sich, was nicht fest genug auf der Erde befestigt ist. „Um die Heftigkeit von Tornados einordnen zu können, nutzen Fachleute die sogenannte Fujita-Skala“, erklärt der GDV.

Mehr Tornados durch Klimawandel?

Wann ein Wirbelsturm entsteht, sei kaum einzuschätzen: „So etwas ist absolut nicht vorherzusagen“, so Meteorologe Sebastian Wache  von WetterWelt, einem Kieler Unternehmen für Wetteranalyse, gegenüber der Nachrichtenagentur dpa. Zumal Tornados in dieser Jahreszeit auf dem Wasser nicht ungewöhnlich seien.

Dennoch lässt sich ein weltweiter Trend beobachten, denn die Wirbelsturmgefahr wird durch die globale Erwärmung immer mehr zur Bedrohung. Bei zwei Grad Erderwärmung wird es im Vergleich zu heute 40 Prozent mehr Menschen geben, die durch diese Naturkatastrophe gefährdet sind, warnte Klimaforscher Tobias Geiger im Deutschlandfunk. Der Forscher vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung prognostiziert zudem zunehmend intensivere Stürmen, die zukünftig ein Problem für die Handelsketten darstellen: „Werden durch tropische Wirbelstürme irgendwo auf der Welt Produktionsstätten lahmgelegt, werden wir diese Effekte dann natürlich auch in Europa und Deutschland spüren.“

Auch der GDV teilt mit: „Meteorologen haben in den vergangenen zwei Jahrzehnten eine Zunahme der in Deutschland beobachteten Tornados festgestellt.“ Das hänge mit zwei Faktoren zusammen: Zum einen werden durch Smartphones deutlich mehr Tornados aufgezeichnet und damit auch gemeldet. Zum anderen nimmt auch die Häufigkeit von starken Sommergewittern zu, wodurch auch das Tornadorisiko in Deutschland steigt.

Extremwetterereignisse nehmen zu

Dass Extremwetterereignisse sowohl in der Anzahl als auch in ihrer Schwere in unseren Breitengraden häufiger werden, darüber sind sich Klimaforscher wie Versicherer mittlerweile gleichermaßen einig. Sogenannte  Jahrhundertereignisse wie die Juli-Flutkatastrophe kommen nicht mehr nur einmal im Jahrhundert vor, „es wird sich innerhalb weniger Jahre wiederholen“, mahnte kürzlich der Klimaforscher Mojib Latif. Seine Erklärung: „Bei uns in Deutschland ist die Erwärmung deutlich höher als im globalen Durchschnitt.“

Allerdings sei der Kieler Tornado nach Ansicht des Klimaexperten Latif keine Folge des Klimawandels. „Ich würde jetzt keine Verbindung zur globalen Erwärmung herstellen", sagte Latif gegenüber der dpa. Der Tornado hatte nur wenige Meter von seinem Kieler Büro im Geomar Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung gewütet.

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