Nullzinspolitik: Enteignung der Sparer geht weiter

Altersvorsorge Berater Panorama Detlef Pohl

Mit billigem Geld will die EZB hochverschuldete EU-Staaten retten. Den Preis dafür zahlen vor allem diejenigen, die sichere Anlage und Altersvorsorge betreiben. Nun droht eine noch höhere Inflation – mit Folgen für Anleger, Vorsorger und Berater.

Sparer bekommen für sichere Anlagen keine Zinsen, sind aber als Steuerzahler zur unentgeltlichen Übernahme der Kreditrisiken gezwungen - eine krasse Form der Enteignung. Bild: Pixabay/Mediamodifier

Sparer bekommen für sichere Anlagen keine Zinsen, sind aber als Steuerzahler zur unentgeltlichen Übernahme der Kreditrisiken gezwungen - eine krasse Form der Enteignung. Bild: Pixabay/Mediamodifier

Die Inflation liegt aktuell im Euroraum bei 3,0 Prozent, in Deutschland sogar bei 3,4 Prozent, gemessen am harmonisierten Verbraucherpreisindex. Das ist der höchste Wert seit 13 Jahren, und er dürfte bis zum Jahresende zunächst weiter steigen, glaubt die Ökonomin Isabel Schnabel, Mitglied des EZB-Direktoriums. Damit sinkt die Kaufkraft weiter und schmälert die inflationsbereinigten Löhne und Zinserträge. Die Bundesbank erwartet bis zum Jahresende sogar eine Inflationsrate „in Richtung 5 Prozent“.

Laut Schnabel sei die Inflation im Moment vor allem deshalb so hoch, weil sie im Vorjahr so niedrig war. Es handele sich also um ein temporäres Problem. Man kann das glauben oder nicht, doch die Folgen für sicherheitsbewusste Kapitalanleger, Altersvorsorger und deren Berater sind angesichts sehr niedriger Nominalzinsen und 0,25 Prozent Rechnungszins für Rentenversicherungen ab 2022 alles andere als rosig. Selbst der Rückenwind für Aktien, den viele Ökonomen dadurch bestärkt sehen, würde sich bei 5,0 Prozent Inflationsrate stark relativieren.

Wer mit der Inflation flirtet …

Selbst institutionelle Kapitalanleger wie Versicherer, Pensionskassen und -fonds sind nicht zu beneiden. Sie müssen das Inflationsrisiko jetzt womöglich neu bewerten und absichern. In der bAV etwa bedeutet eine um ein Prozent höhere Inflation womöglich zehn bis 15 Prozent höhere Auszahlungen, wobei die Experten der DWS schon eine Inflationsannahme von 1,5 bis 1,7 Prozent unterstellen, um die Verbindlichkeiten von Pensionsplänen realistisch abbilden zu können. Eine „höhere Inflation lässt den Barwert jedoch sprunghaft ansteigen“, sagt Rene Penzler, Managing Director bei DWS, der Pensions-Fachzeitschrift „Tactical Advantage“.

Im Mittelpunkt der Kritik steht seit langem die EZB, die mit ihrer Null- und Negativzinspolitik die Sparer und jene, die Altersvorsorge betreiben, schleichend enteignet. Der Ökonom Martin Hellwig (72), emeritierter Professor für Volkswirtschaftslehre und Ex-Direktor am Max-Planck-Institut, hält diese These für falsch und argumentierte entsprechend in der FAZ: Die von der EZB verhängten Niedrigzinsen beträfen zunächst einmal nicht die Privatkunden, sondern die Banken, die die Niedrigzinsen nicht aus Zwang, sondern aus eigenem Antrieb weitergeben, so Hellwig. Zudem könne die EZB nicht die Realzinssätze bestimmen, also die Überschüsse der Nominalzinssätze über den Inflationsraten. Für die Zinsen könne man die EZB nicht verantwortlich machen, meint er.

Dieser Sichtweise widersprechen die Professoren Paul Kirchhof, ehemaliger Verfassungsrichter, und Hans-Werner Sinn (73), Ex-Präsident des Ifo-Instituts München, vehement. Sie verlangen, die EZB-Politik zu korrigieren. Sinn setzte sich zudem in der FAZ mit Hellwigs Verteidigung der EZB-Politik kritisch auseinander. „Die EZB hatte sehr wohl die Macht, die Zinsen null und negativ werden zu lassen, denn sie hat den Einlagensatz auf minus 0,5 Prozent gesetzt, und sie verleiht Geld zu Null- und Negativzinsen, die bis zu einem Wert von minus 1,0 Prozent reichen“, erinnert der Ökonom.

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