„Mit zunehmender Digitalisierung wird der Serviceanspruch des Kunden steigen.“

René Weihrauch Gesundheit 3.0 Berater

Die Digitalisierung im Gesundheitswesen schreitet unaufhaltsam voran. Wo steht Deutschland aktuell – auch im internationalen Vergleich? Welche Herausforderungen bringt die Zukunft? Antworten gibt Karsten Allesch, Geschäftsführer des Deutschen Maklerverbundes (DEMV) im Interview.

Karsten Allesch. Bild: DEMV Deutscher Maklerverbund

Karsten Allesch, Geschäftsführer des Deutschen Maklerverbundes, über die Herausforderung und Chancen der Digitalisierung im Gesundheitswesen für Vermittler. Bild: DEMV Deutscher Maklerverbund

procontra: Herr Allesch, was sind aus Ihrer Sicht die wichtigsten digitalen Trends, die in den nächsten Jahren auf das Gesundheitswesen in Deutschland zukommen?

Karsten Allesch: Es gibt mehrere parallel laufende Trends, wobei die Übergänge teilweise fließend sind. Der Aufbau der elektronischen Patientenakte ermöglicht, dass alle Gesundheitsdaten zentral über eine Stelle abrufbar sind. Der Patient kann Ärzten, Pflegern, Angehörigen oder Versicherern individuelle Freigaben erteilen und findet aktuelles, qualitätsgesichertes, auf die Erkrankung zugeschnittenes Wissen. Zudem wird die Telemedizin zunehmen, wobei das weit über die digitale Sprechstunde hinausgehen wird.

Beispiel: Um die mobile Hautkrebsdiagnostik zu ermöglichen, werden Auflichtmikroskope auf ein Smartphone gesteckt und Muttermale gescannt. Zunächst ist das für den Arzt gedacht, damit er die Muttermale bewertet. Doch perspektivisch können die Aufnahmen automatisch mit Millionen von anderen Aufnahmen verglichen und Auffälligkeiten zuverlässig entdeckt werden. Ebenfalls werden Gesundheits-Apps immer intelligenter. Dabei wird zwischen den Bereichen Lifestyle-, Service- und medizinischen Apps unterschieden. Medizinische Apps ermöglichen beispielsweise individuelle Therapien, indem regelmäßig Daten gemessen und ausgewertet werden.

procontra: Welche Chancen und Risiken ergeben sich daraus – und was überwiegt?

Allesch: Durch individuelle, maßgeschneiderte Therapieangebote für Patienten können Erkrankungen schneller und mit weniger Nebenwirkungen behandelt werden. Menschliche Interpretationsspielräume, beispielsweise bei radiologischen Befunden, sinken. Bedenken Sie, dass laut Studien etwa 20 Prozent aller radiologischen Befunde von dem gleichen Arzt vier Wochen später anders bewertet werden. Aus meiner Sicht überwiegen ganz klar die Chancen. Natürlich wird es auch Auswüchse geben und unethische Geschäftsmodelle sich ausbilden. Der Gesetzgeber muss dabei ausbalancieren, dass regulatorische Vorgaben den Fortschritt unterstützen und nicht behindern.

procontra: Im internationalen Vergleich betrachtet: Wie stehen wir in puncto Digitalisierung des Gesundheitswesens aktuell in Deutschland da?

Allesch: Leider so wie in vielen Bereichen in Deutschland: Wir stecken in den Kinderschuhen. Meine Frau arbeitet im Krankenhaus als Radiologin, und wenn ich abends von den Arbeitsabläufen und Strukturen höre, bin ich regelmäßig erschüttert. In das Gesundheitswesen ist in den vergangenen Jahren überdurchschnittlich viel Geld geflossen. Das führt jedoch auch dazu, dass der Kostendruck leider immer noch viel zu gering ist. Im Ergebnis werden bestehende Strukturen nicht digitalisiert, sondern mit Personal ausgebaut. Das ist teuer und aufgrund des Fachkräftemangels auch nur bedingt umsetzbar. Die Bürokratie lässt sich dabei nicht so schnell abbauen, denn die Strukturen sind über Jahrzehnte gewachsen.

Jedoch lassen sich die regulatorischen Anforderungen vielfach digitalisieren. Wenn ein Arzt oder Pfleger die Hälfte seiner Zeit mit Verwaltungsaufgaben wie der Dokumentation beschäftigt ist, ist dies eine riesige Chance, um einerseits die Kostenfrage und andererseits den Fachkräftemangel zu lösen.

procontra: Welche Herausforderungen bringt die Digitalisierung für Versicherungsmakler?

Allesch: Wir werden mit Sicherheit neue Produkte der Versicherer sehen. Ich kann mir Krankenversicherungstarife vorstellen, welche die Vermeidung von Krankheiten in den Vordergrund stellen und beispielsweise kostenfreien Zugang zu Gesundheits-Apps bieten. Die Beratungssystematik solcher Produkte ist gänzlich anders, und solche Produkte lassen sich auch mit einem Vergleichsrechner nur schwer nebeneinanderstellen. Der Beruf des Versicherungsmaklers ist heute mehr denn je ein Wissensberuf. Die Basis für einen Vorsprung in der Beratung gegenüber Wettbewerbern bietet nur umfangreiches Wissen. Makler, die sich frühzeitig mit den Entwicklungen auseinandersetzen, werden Kunden umfassender und besser beraten können.

procontra: Wie sollten Makler auf die Veränderungen reagieren?

Allesch: Regelmäßige Weiterbildungen sind unerlässlich. Hochwertige Inhalte werden jedoch selten kostenfrei angeboten. Als Deutscher Maklerverbund bieten wir unseren Mitgliedern kostenfrei Zugriff auf unsere Weiterbildungsplattform, die unter www.demv.de getestet werden kann. Zudem wird mit zunehmender Digitalisierung der Serviceanspruch der Kunden steigen. Umfassenden Service können Versicherungsmakler jedoch nur bieten, wenn die eigenen Prozesse schlank sind.

Daher sollte hinsichtlich der eingesetzten Software – etwa das bestehende Maklerverwaltungsprogramm oder Vergleichsrechner – regelmäßig überprüft werden, ob diese noch auf der Höhe der Zeit sind. Die Leistungsunterschiede der Anbieter werden immer größer und ein Versicherungsmakler kann sich eine zweit- oder drittklassige Softwarelösung in Zukunft schlicht nicht mehr leisten.

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