Macht die DAX-Reform den Leitindex krisenfester?

Anne Mareile Walter Investmentfonds Top News

30 statt 40 Unternehmen im DAX – eine historische Veränderung. Der wichtigste deutsche Börsenindex soll dadurch auch krisenfester werden. Ob das wirklich zutrifft, diskutieren für procontra die Anlageexperten Tobias Stöhr und Philipp Vorndran.

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Geteilter Meinung in puncto DAX-Reform: Tobias Stöhr (links) und Philipp Vorndran. Bilder: Privat

Tobias Stöhr (Börsenexperte beim Finanzinstitut Spectrum Markets): Pro DAX-Reform

Bislang hingen europäische Aktien den US-Werten deutlich hinterher. Die führende Rolle des US-Marktes hat in erster Linie mit seiner Größe und der dort viel stärker ausgeprägten Investmentkultur zu tun. Die DAX-Reform steht als eine der ersten in einer Reihe weiterer Anpassungen, die auf veränderte Marktbedingungen reagieren und damit auch die Attraktivität des Leitindex steigern werden. So werden früher oder später sicher weitere Governance-Kriterien über Aufnahme und Verbleib im DAX entscheiden. 

Das Nachziehen der zehn nächststärkeren Werte ist konsistent mit dem Hauptgewicht auf Streubesitz-Marktkapitalisierung als Aufnahmekriterium. Durch die Verkleinerung des MDAX, das heißt, durch den ersatzlosen Wegfall der Schwergewichte, verschiebt sich der Fokus auf zwar weniger stark kapitalisierte, aber dafür wachstumsstärkere Unternehmen. Das kann sich zu einem großen Vorteil für die Attraktivität des MDAX erweisen.

Eines der DAX-Aufnahmekriterien ist, dass das gelistete Unternehmen einen Sitz in Deutschland hat oder, wenn der Sitz im EU-Ausland ist, der Handelsumsatz in der Aktie an der Börse Frankfurt am höchsten ist. Frankfurt dürfte insgesamt als Finanzplatz im europäischen Wettbewerb stärker werden, damit mehr Unternehmen den Standort als Hub zur Eigenkapitalaufnahme über die Börse suchen. Durch die Erweiterung des DAX gewinnt der Index an internationalem Format, denn bislang gehörte der DAX im globalen Vergleich eher zu den kleineren Indizes. Eine größere Auswahl ermöglicht zudem eine bessere Diversifizierung. Enthielt der DAX30 noch viel Old Economy, scheint der DAX40 im Branchenvergleich deutlich ausgewogener, was ihn auch weniger konjunkturabhängig und damit zum Beispiel attraktiver für ETF-Investoren macht.

Auch die Profitabilität wurde als neues Kriterium aufgenommen. In der Regel befinden sich Start-Ups, wenn sie keinen Gewinn erzielen, in einer Frühphase ihrer Entwicklung. Wenn sie zu einem solchen Zeitpunkt dennoch bereits in der Lage sind, Eigenkapital an der Börse aufzunehmen, ist die Hoffnung auf Wachstum groß, die Unsicherheit über die Strategie der Gründer und Hauptkapitalgeber allerdings auch. Delivery Hero hatte nicht nur operativ keinen Gewinn erzielt, sondern war trotz deutschem Hauptsitz in Deutschland nicht mehr aktiv. Da die Aufnahme in einen Leitindex durch seine Nachbildung in passiv gemanagten Fonds erhebliche Auswirkungen hat, auch was das Vertrauen in die vertretenen Unternehmen betrifft, sollten geschäftsmodellökonomische Aspekte durchaus eine Berücksichtigung finden. Unter dem Strich ist es grundsätzlich positiv, im Leitindex eine möglichst große Zahl stark kapitalisierter, aber auch stabiler Substanzwerte zu vereinen und für die Aktien von Unternehmen in der Start-Up-Phase entsprechende Alternativen zu schaffen.

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