„Keiner kommt so wieder, wie er hingegangen ist.“

Hannah Petersohn Berater Versicherungen Panorama Top News

Wer Soldaten zum Thema Altersvorsorge und Versicherungen beraten will, muss ihre Sprache, ihr Wording beherrschen, sagt Makler Moritz Heilfort. Seine Klientel: junge Soldaten, die sich ihrer Verwundbarkeit nicht bewusst sind – oder traumatisierte Veteranen, die den Rest ihres Lebens durch ihre Einsätze im Kosovo oder in Afghanistan gezeichnet sind.

Soldaten im Einsatz Bild: Adobe Stock/T.Koehler

Die Beratung von ehemaligen Soldaten braucht viel Zeit, es gibt keinen Spielraum für Fehler und keinen Raum für Geschwätz, sagt der auf Soldaten und Veteranen spezialisierte Makler Moritz Heilfort. Bild: Adobe Stock/T.Koehler

procontra: Herr Heilfort, Sie sind Makler für die Zielgruppe Soldaten. Wie bewusst ist Soldaten die eigene Verletzbarkeit und damit auch die Notwendigkeit sich zu versichern?

Heilfort: Das ist ein Kernproblem dieser Zielgruppe: Sie sind entweder unversehrt, weil sie noch sehr jung sind, oder man hat es mit einem erfahrenen Soldaten zu tun, der sich der eigenen Verletzbarkeit mehr als bewusst ist. Es gibt diese zwei Extreme. Die Gesundheit ist das, was der Soldat als erstes aufs Spiel setzt. Sie zu versichern ist also nur folgerichtig.

procontra: Sie waren selbst 16 Jahre Soldat. Welches Erlebnis hat Sie dazu bewogen, aus dem Dienst auszuscheiden und Makler zu werden?

Moritz Heilfort. Bildquelle: Sebastian Berger

Heilfort: Während meiner Ausbildung zum Offizier habe ich parallel eine Ausbildung zum staatlichen geprüften Betriebswirt absolviert. Dann habe ich noch Wirtschaftspsychologie studiert und ich war als Personaler bei der Bundeswehr tätig. Und weil ich mich mit Gesetzen wie dem Soldatenversorgungsgesetz auskannte, habe ich schon damals mit vielen Soldaten über Versorgungsthemen gesprochen. Ich habe den Geschmack des Freiseins schätzen gelernt und mich schließlich gegen den Weg zum Berufssoldaten entschieden.

Der Makler Moritz Heilfort war selbst 16 Jahre lang Bundeswehrsoldat. Heute berät er seine ehemaligen Kameraden und Veteranen. Bild: Sebastian Berger

procontra: Fehlt Ihnen Ihr alter Job als Soldat? Der Zusammenhalt gilt als besonders stark.

Heilfort: Das Wort, nach dem Sie suchen, ist Kameradschaft. Es gibt ein Grundvertrauen, das besonders stark ausgeprägt ist. Und im Soldatengesetz steht: Es gilt die Pflicht zur Kameradschaft. Das ist ein Grundprinzip, das ich auch in meiner Beratung nutze.

procontra: Was bedeutet das?

Heilfort: Die kameradschaftliche Beratung bedeutet offen und ehrlich miteinander kommunizieren, auch mal zum eigenen Nachteil, einfach weil es dem Kunden hilft. Kooperation ist für die Kunden relevant.

procontra: Worauf müssen Sie in der Kundenansprache noch achten?

Heilfort: Man braucht mental, emotional und fachlich einen Zugang zu der Zielgruppe. Und man muss die Sprache, das Wording beherrschen. Die Besonderheit liegt in der klaren, offenen und verständlichen Sprache. Es ist wichtig, dass sich die Soldaten verstanden fühlen. Sie haben keine Lust jemandem erst ihre Laufbahn zu erklären. Sie wollen hören wie ihre Zukunftsperspektive aussieht.

procontra: Würden Sie sagen, dass man Soldat gewesen sein muss, um von der Zielgruppe akzeptiert zu werden?

Heilfort: Das glaube ich nicht. Ich denke, dass für Soldaten vor allem eine Währung zählt und das sind Ergebnisse. Man muss die Sachen zeitgerecht und zügig erledigen, ohne viel Gerede – das wird anerkannt. Denn Zeit hat keiner von den Kameraden, sie sitzen alle auf glühenden Kohlen. In der Regel sind sie nicht in der Heimat, sondern irgendwo in einer Kaserne. Deswegen ist die Online-Beratung auch so wichtig – telefonieren allein genügt nicht.

procontra: Wenn Sie nicht gerade online beraten, fahren Sie dann in die Kasernen, um die Soldaten zu beraten?

Heilfort: Nein, das ist nicht erlaubt. Es darf auch kein Vertrag unterschrieben werden. Wir versuchen die Soldaten über Social-Media-Kanäle zu erreichen, Facebook und Instagram sind die beiden wichtigsten. Ein militärischer Bereich ist geschützt, und es sind ja nicht nur Gewerbeaktivitäten untersagt, sondern auch parteipolitische. Es geht darum, einer Beeinflussung der Soldaten vorzubeugen.

procontra: Aber wie können sich dann Soldatinnen und Soldaten zum Thema Versicherung und Altersvorsorge informieren?

Heilfort: Das ist tatsächlich ein Problem. Der Soldat wird von Institutionen beraten, die dafür Verträge mit der Bundeswehr haben. Diese haben dann fest definierte Schwerpunkte und bedienen bestimmte Themenfelder wie Krankenversicherung oder Dienstunfähigkeit und dazu gibt es dann spezielle Beauftragte, die zu den Themen Vorträge halten.

procontra: Welche Institutionen sind das?

Heilfort: Im Bereich der Krankenversicherung ist das zum Beispiel die Continentale. Einen Dienstunfähigkeitsvertrag bietet ein Konsortium aus unter anderen DBV, Alte Leipziger, Die Bayerische und noch ein paar andere, an. Die Beauftragten der Versicherer kommen in die Kasernen, stellen ihr Produkt vor und sammeln fleißig Kunden ein.

procontra: Das hört sich nicht unbedingt nach einer unabhängigen Beratung an.

Heilfort: Das ist ein überaus fragwürdiges Vorgehen. Darüber hinaus haben die Berater vor Ort auch nur ein enges Zeitfenster. Man muss sich das so vorstellen: Die jungen angehenden Soldatinnen und Soldaten kommen nach einem anstrengenden Marsch in die Kaserne. Sie sind fix und fertig, wechseln schnell ihre Kleidung und setzen sich dann in den Unterrichtsraum. Dann kommt einer von der Continentale und erklärt ihnen zwei Stunden etwas über Krankenversicherungen. Da kann man sich vorstellen, was hängen bleibt. Das Problem ist nur: Sie treffen im Anschluss mitunter recht schwerwiegende Entscheidungen, zum Beispiel, ob sie eine private Krankenversicherung brauchen. Und das im Alter von 18 oder 19 Jahren und ohne zu wissen, ob sie Berufssoldat oder -soldatin werden.

procontra: Wie oft haben Sie den Fall, dass jemand in Ihre Beratung kommt und in der Vergangenheit einen Fehler genau bei dieser „schwerwiegenden Entscheidung“ gemacht hat?

Heilfort: Sehr oft. Ungefähr 80 Prozent sind mit ihrer Entscheidung im Nachhinein absolut unzufrieden. Es blieb ihnen zu wenig Zeit für diese Themen: Da ist die Familie, die man am Wochenende für zwei Tage sieht, vielleicht ist ein Kind in Planung, dann wollen sie ein Eigenheim kaufen – Soldaten im Alter zwischen 20 und 30 Jahren sind in der Rushhour ihres Lebens. In dieser Zeit entstehen dann genau die Entscheidungen über Versicherung und Altersvorsorge, die später schwerwiegende Konsequenzen haben können.

procontra: Welche sind das? Auf Ihrer Website schreiben Sie: „Paladinum kennt die Lücken in der Versorgung durch den Dienstherrn, mit allen Ecken und Kanten.“ Welche Lücken gibt es?

Heilfort: Dazu muss ich etwas ausholen: Ich bin ehrenamtlicher Fallmanager beim Bund deutscher Einsatzveteranen, der sich der Veteranenversorgung verschrieben hat, daher kenne ich die wirklichen Probleme und Konsequenzen aus erster Hand. Wir bieten Veteranen dort kostenlos an, ihre Finanzprobleme anzugehen. Und wenn ich Finanzprobleme sage, dann ist das die Untertreibung des Jahrhunderts: Man muss sich Soldaten vorstellen, die vor zehn, 15 Jahren im Kosovo traumatisiert worden sind. Sie haben lange Zeit überhaupt nicht verstanden, was mit ihnen los ist. Dann kommt allmählich die posttraumatische Belastungsstörung an die Oberfläche, aber zu dem Zeitpunkt arbeiten sie schon gar nicht mehr für die Bundeswehr. Und jetzt müssen sie versuchen, im Nachhinein eine Versorgung oder Unterstützung zu bekommen und prallen gnadenlos an den Versorgungsgesetzen ab. Wenn dann der ehemalige Soldat sagt: „Ich habe im Kosovo Massengräber ausgehoben und bis heute träume ich davon. Ich bin nicht mehr arbeitsfähig.“ Dann antwortet der Dienstherr: „Beweise erst einmal, dass du im Auslandseinsatz warst, denn es sind keine Papiere mehr da.“ Der Gegner sind dann das Bundesverwaltungsamt und die Bundesverwaltungsgerichte.

procontra: Wie sind diese Lücken in der Versorgung überhaupt möglich?

Heilfort: Das hat etwas mit Desinteresse seitens der Politik zu tun. Man braucht vor dem Auslandseinsatz, also vor einer möglichen Traumatisierung eine vernünftige Versorgung. Aber das Gegenteil passiert. In nenne Ihnen mal einen typischen Fall: Ein 26-jähriger Oberfeldwebel, verheiratet, ein Kind, hat gerade ein Haus gekauft. Er geht in den Auslandseinsatz, denn dafür gibt es etwas Geld oben drauf und so kann er eine Sondertilgung für den Hauskredit bekommen. Er will an allen Ecken und Enden sparen und hält sich auch für gut abgesichert durch die Bundeswehr. Was macht er? Er kündigt die teure Dienstunfähigkeitsversicherung und die Altersvorsorge, geht in den Einsatz, kommt schwer traumatisiert zurück und jetzt passiert das, was dann immer passiert: Das komplette Finanzgeflecht zerbröselt. Er ist nicht mehr Herr der Lage. Die Familie versucht alles auszugleichen. Ich verrate nicht zu viel, wenn ich sage: Die Scheidungsquote von einsatzbelasteten Soldatinnen und Soldaten liegt bei über 80 Prozent. Zur Scheidung kommen die Schulden und dann der Zusammenbruch. Das Ganze dauert manchmal ein Jahr, manchmal fünf.

procontra: Wie können Sie diese Menschen dann noch beraten?

Heilfort: Traumatisierte Kunden sind auch schwierige Kunden, sie sind nicht zuverlässig, es ist schwierig mit der Familie zu sprechen. Sie sind manchmal nicht einmal mehr geschäftsfähig. Man kann mit ihnen nichts abschließen, keinen Maklervertrag, keine Versicherungsverträge. Es geht dann eher um die Konsolidierung der wirtschaftlichen Gesamtsituation, um die Organisierung einer Schuldnerberatung und darum, Gespräche mit dem Sozialdienst der Bundeswehr, den Banken und Behörden zu vermitteln und gegebenenfalls zu moderieren. Das Problem dabei ist: Soldaten fehlt irgendwann das Vertrauen in jegliche Institutionen. In der Vergangenheit wurden ihr Zeitmangel und die fehlende Energie für die Finanzthemen ausgenutzt. Dazu kommt das Gefühl, von den Verantwortlichen fallen gelassen worden zu sein. Das ist das Schlimmste, das einem Soldaten passieren kann. Er hat sich darauf verlassen, aufgefangen zu werden – so wie er es jederzeit selbst tun würde, darauf haben die Soldaten einen Eid geleistet. Diese Enttäuschung desillusioniert. Die Beratung braucht viel Zeit und man hat keine zweite Chance, es gibt keinen Spielraum für Fehler und keinen Raum für Geschwätz.

procontra: Wie kann im Vorfeld, bevor es schiefgegangen ist, eine vernünftige Versorgung aussehen?

Heilfort: Zunächst einmal hat ein Soldat einen Vorteil: Er zahlt keine Sozialversicherungsbeiträge. Er kann also dieses zusätzliche Geld dafür verwenden, um sich abzusichern. Allerdings sehen das viele Soldaten anders, denn das Plus landet schließlich schön als Nettobetrag auf dem Konto. Diesen Einkommensanteil für eine Versicherung auszugeben, tut erst einmal weh. Jüngere frage ich zu Beginn der Beratung: Wie sieht dein Plan für die Zukunft aus? Man kann nur ein Versicherungskonzept entwickeln, wenn ein Soldat weiß, wo die Reise hingeht. Aber Soldaten sind dafür prädestiniert, sich damit noch nicht so tief beschäftigt zu haben, weil der Dienstherr viel für sie entscheidet. Sie brauchen klare Vorgaben und klare Strukturen. Durch meine Arbeit kenne ich die beruflichen Förderungsmöglichkeiten und kann Ideen für eine Zukunftsplanung geben. Die meisten jungen Soldaten ignorieren, dass ihre Dienstzeit oft nach zwölf Jahren beendet ist.

procontra: Klingt ein bisschen nach Berufsberatung.

Heilfort: Das ist es auch, wobei es eher Zukunftsberatung ist. Bundeswehrsoldaten steht die Welt offen: Sie werden noch sehr lange nach Dienstzeit versorgt und bekommen sogenannte Übergangsgebühren in Abhängigkeit von der Verpflichtungsdauer. Wenn man den klassischen Soldaten auf Zeit mit zwölf Jahren nimmt, hat er im Anschluss einen Anspruch auf monatlich 75 Prozent seines Gehalts für eine Dauer von bis zu fünf Jahren – und muss dafür erst einmal nichts leisten. Das ist Chance und Gefahr gleichzeitig. Er kann alles machen, aber es kann auch alles schiefgehen. Ich versuche ihnen eine Perspektive zu geben, ob das nun beim Thema Baufinanzierungen ist, bei Investments oder Versicherungen.

procontra: Welche Versicherungen brauchen Soldaten denn konkret?

Heilfort: Sie müssen eine Pflegepflichtversicherung abschließen. Eine Krankenversicherung erscheint ihnen erstmal unwichtig, denn während der Dienstzeit selbst sind sie so gut unterstützt, dass sie über die Zeit danach nicht nachdenken. Das ist aber nicht ungefährlich, weil sie – sollten sie Berufssoldaten oder Beamte werden – eine gute private Krankenversicherung brauchen. Dann ist auch der Dienstunfähigkeitsschutz wichtig, aber genau bei dem Thema werden von themenfremden Maklerkollegen sehr viele Beratungsfehler gemacht.

procontra: Welche Fehler sind das?

Heilfort: Eine Dienstunfähigkeitsversicherung muss so aufgebaut sein, dass sie auch soldatische Themen wie Auslandseinsätze beinhaltet. Es ist auffällig, wie viele Versicherungsverträge gerade im Bereich der Dienstunfähigkeitsversicherung nur oberflächlich ausgefüllt ausgefüllt werden. Biometrie-Anträge sind eigentlich sehr komplex. Noch dazu kommt man häufig nicht an die Gesundheitsakten, die bei der Bundeswehr liegen. Es handelt sich im Endeffekt um eine lose Blattsammlung, es gibt keine elektronische Erfassung. Man kann sich zwar Kopien holen, aber hin und wieder verschwinden Gesundheitsakten einfach auf dem Weg von Kaserne A zu Kaserne B. Und dann gibt es noch das Problem: Was ist, wenn ein Soldat aus psychischen Problemen gar keine Dienstunfähigkeits-Police mehr haben kann? Da sind wir wieder bei der Veteranen-Arbeit.

procontra: Wie sieht es beim Thema Berufsunfähigkeits-Police aus? Ist die für Soldaten sinnvoll?

Heilfort: Eine Berufsunfähigkeitsversicherung zielt auf den erlernten Beruf ab: Wer den Beruf zu 50 Prozent nicht mehr ausführen kann und das ärztlich bestätigt wird, bei dem greift die Versicherung. Aber das muss man erst einmal schaffen. Und: Was nutzt jemandem eine Berufsunfähigkeitsversicherung, wenn er versehrt aus dem Einsatz kommt und der Versicherer eine Zahlung ablehnt, weil es sich um einen Auslandseinsatz gehandelt hat? Soldaten können zwar eine Berufsunfähigkeitspolice abschließen, allerdings wird es schwierig für Soldaten, die gar keinen Beruf haben. Soldat an sich ist ja kein anerkannter Ausbildungsberuf, da kommt man auf jeden Fall in Konflikt mit der Versicherungsgesellschaft.

procontra: Das hört sich sehr kompliziert an.

Heilfort: Man braucht ein genaues Verständnis davon, worauf es beim Soldatenberuf ankommt. Soldatenberuf, das klingt so schön einheitlich, aber in der Realität gibt es über 680 verschiedene Berufe innerhalb der Bundeswehr: Büro-Kauffrau, KfZ-Elektroniker, Luftzeug-Avionikerin, Sonartechniker…Es gibt zum Beispiel auch keine Teil-Dienstunfähigkeit bei Soldaten, entweder man ist es oder man ist es nicht. Das unterscheidet sie auch von Lehrern oder anderen Beamten.

procontra: Gibt es etwas, das die Versorgungslage vereinfachen würde?

Heilfort: Was wirklich helfen würde, wäre eine Beweislastumkehr, also dass nicht der Betroffene nachweisen muss, dass er durch seine Arbeit bei der Bundeswehr traumatisiert wurde, sondern andersherum. Wir hatten den Fall eines 25-jährigen Soldaten, der in Afghanistan war, verheiratet mit einer Soldatin, die vor drei Jahren an Krebs verstorben ist. Er ist schwer traumatisiert und hat ein fünfjähriges Kind. Die Bundeswehr behauptet, dass seine Traumatisierung nicht durch die Einsätze, sondern durch den Tod seiner Frau ausgelöst worden sei. Nun wird er als dienstunfähig entlassen. Er hat dadurch kein Geld, soll sich um seinen Sohn kümmern, ist schwer traumatisiert und soll nun auch noch beweisen, dass seine Auslandseinsätze schuld an seiner Belastung sind. Wie soll er das denn schaffen? Eine Versicherung würde hier zumindest etwas für wirtschaftliche Entastung sorgen.

procontra: Das klingt dramatisch.

Heilfort: Deswegen tue ich mich auch schwer mit Maklerkollegen, die das alles auf die leichte Schulter nehmen und in den Soldaten Cashcows sehen. Es gibt Betriebe, die sich darauf spezialisiert haben, Soldaten nach Dienstschluss in Hotels oder Restaurants zu locken und sie dort zu Dutzenden abzufrühstücken mit 400-Euro-Versicherungsschutz-Paketen. Das führt alles zu einem riesengroßen Misstrauen seitens der Soldaten.

procontra: Welche Unterschiede müssen Berufssoldaten und Zeitsoldaten in ihrer Versorgungsplanung beachten?

Heilfort: Allein, dass es diesen Unterschied gibt, ist ein Skandal. Wenn ein Soldat auf Zeit nach sieben Jahren in die Dienstunfähigkeit geschickt wird, sind seine Bezüge gering. Er hat dann einen Anspruch in Höhe von 75 Prozent seines Gehalts für etwa 24 Monate und ein bisschen Berufsförderung. So wäscht sich die Bundeswehr die Hände rein. Ein Berufssoldat erhält eine Pension für die Zurruhesetzung und entsprechend weiterhin Beihilfe, um privat krankenversichert zu sein. Er hat vielleicht kein Luxusleben vor sich, aber er ist versorgt. Es gibt 80 Prozent Soldaten auf Zeit in der Bundeswehr und nur 20 Prozent Berufssoldaten. Sie sehen also: An dieser Stelle werden Menschenleben gegen Geld aufgewogen.

procontra: Welche Rolle spielt der Wandel des Soldatenberufs für die Versorgungslage?

Heilfort: Ich habe die Einsätze in Afghanistan aus Personaler-Sicht begleitet und gesehen, was das mit den Menschen macht. Keiner kommt so wieder, wie er hingegangen ist. Die Suppe löffeln am Ende die Angehörigen aus und vor allem die Kinder: Momentan wächst eine ganze Generation an co-traumatisierten Kindern heran. Die Traumatisierungen breiten sich aus wie ein Krebsgeschwür. Aber das will keiner sehen, sie bleiben unsichtbar. 59 deutsche Soldaten haben ihr Leben in Afghanistan verloren. Mehrere Hunderte haben sich in Folge dieser Einsätze das Leben genommen. Es sind insgesamt viel mehr gestorben als nur im tatsächlichen Einsatz. Die technischen Veränderungen haben nicht dazu geführt, dass Soldaten weniger betroffen wären. Wir haben gerade die ersten Kunden, die Drohnenpiloten waren und dadurch traumatisiert sind, denn sie sehen alles aus Blickwinkeln, aus denen man sie besser nicht sehen sollte – um es vorsichtig zu formulieren.

procontra: Es gibt zunehmend Einsätze im Inland durch Unwetterkatastrophen. Welchen Einfluss hat das auf die Versicherungsberatung?

Heilfort: Ich habe viele Kunden, die mich gefragt haben, ob es Schwierigkeiten gibt, wenn sie ehrenamtlich in Flutgebieten helfen. Soldaten haben die Pflicht zur Gesunderhaltung, es kann deswegen zu Problemen mit der Bundeswehr kommen, wenn ihnen gesundheitliche Einschränkungen daraus entstehen. Ich will gar nicht wissen, welche Spätfolgen es durch den toxischen Schlamm, durch den sie gekrochen sind, gibt. Von Traumatisierungen ganz abgesehen. Wer unversichert in die Krisengebiete fährt, um Hilfe zu leisten, der ist genauso gefährdet wie jemand, der in den Auslandseinsatz geht. Er weiß es nur nicht. Ich rate auf jeden Fall zu einer privaten Unfallversicherung.

procontra: Was kann im schlimmsten Fall passieren?

Heilfort: Der Dienstherr kann eine Traumatisierung auf einen ehrenamtlichen Einsatz anstatt auf den Auslandseinsatz schieben. Er fragt dann: „Wenn du in deiner Freizeit hilfst, warum sollten wir dann deine Versorgung übernehmen?“ Wenn es sich dann auch noch um einen versehrten Einsatzveteranen handelt, der gerade um die Anerkennung der Wehrdienstbeschädigung kämpft, haben die Verwaltungsgerichte einen Vorwand seine Wehrdienstbeschädigung nicht anzuerkennen. Aber so denkt ein Soldat nicht, er will in erster Linie helfen. Soldaten haben einen unbedingten Willen zu helfen.

procontra: Wie schwierig ist es für Soldaten im Nachhinein, einen angemessenen Versicherungsschutz zu bekommen?

Heilfort: Nach einer psychologischen Problematik ist es nahezu unmöglich einen adäquaten Versicherungsschutz zu bekommen. Wir müssen regelmäßig kreative Lösungen finden, damit wenigstens eine Grundabsicherung ermöglicht wird. Ein anderes Problem ist, dass kaum eine Versicherungsgesellschaft bereit ist, die Dienstunfähigkeit von Soldaten zu versichern. Die wenigen Versicherer, die sich auf Soldaten spezialisiert haben, berechnen ordentliche Prämien. Wir reden hier von Beiträgen für eine Dienstunfähigkeitsversicherung von 70 und 120 Euro monatlich, das ist nicht wenig. Die Frage ist nur: Braucht ein Soldat immer die teure Luxuslösung? Die Mühe, das zu diskutieren, machen sich viele Berater aber gar nicht. Wenn ich mir die Ordner meiner Kunden ansehe, gibt es entweder diejenigen, die krass überversichert sind oder diejenigen, die unterversichert sind. Unser Ziel ist es einen guten Mittelweg zu finden, denn den gibt es. Wie bereits angesprochen, hängt die Beratung eher mit der Zukunftsperspektive zusammen, als mit dem konkreten Status als Soldat.

procontra: Einige Politiker haben vor Kurzem eine Ehrung für die am Afghanistan-Einsatz beteiligten Soldaten gefordert. Man sollte meinen, dass der Staat für Menschen, die bereit sind, ihr Leben aufs Spiel zu setzen, auch eine umfangreiche Vorsorge leistet. Trifft das zu?

Heilfort: Das ist eine Definitionsfrage. Wenn ich mir das Soldatenversorgungsgesetz ansehe, dann würde ich die Frage bejahen. Aber: Ist die Versorgung adäquat im Einzelfall? Und kommt der Betroffene da überhaupt ran? Da liegen die eigentlichen Probleme. Und zum Thema Ehrung: Es geht gar nicht um die Begrüßung der aus Afghanistan zurückgekehrten Soldatinnen und Soldaten. Es geht darum, dass Todesopfer und 20 Jahre Krieg einfach ignoriert werden. Zumal die Veteranen ja nicht einmal eingeladen waren. Die Ehrung wäre eine Farce geworden.

procontra: Wie erklären Sie sich die fehlende Wertschätzung?

Heilfort: Das ist ganz einfach. Die Politik und die Bundeswehr sind Systeme und Systeme haben keine Empathie. Und alle, die in diesem System arbeiten, sind Zahnräder, die versuchen ihren Fußabdruck zu hinterlassen. Ehrliche Wertschätzung zu zeigen, ist da schwer. Sehen Sie sich an, wie das im Kalten Krieg gelaufen ist: Die Soldaten wurden Radarstrahlung ausgesetzt, tausende Menschen sind daran gestorben. Die Bundesregierung sitzt das aus und lässt die Leute einfach an Krebs wegsterben. Das ist kein neues Phänomen.

procontra: Vermissen Sie dennoch den Soldatenberuf?

Heilfort: Ich habe zwar die Bundeswehr verlassen, aber ich bin ihr eng verbunden. Ich bin mindestens vier Wochen im Jahr als Reservist aktiv.  Aus der Truppe heraus konnte ich mit meinem Dienstgrad nichts verändern, aber von außen, als Geschäftsmann kann ich etwas tun. Ich sehe mich noch als Teil der Soldaten.

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