„In jedem Markt gibt es Probleme“

Investmentfonds Investment-Talk von Heike Gorres

procontra: Um die künftige Entwicklung einer Firma einzuschätzen, fokussieren Sie sich wegen der anhaltend niedrigen Zinsen auf die Kapitalrendite und nicht mehr auf das Kurs-Gewinn-Verhältnis. Das habe mit den niedrigen Zinsen seine Bedeutung verloren, sagen Sie. Wie bemessen Sie die künftige Kapitalrendite?

Mobius: Zum Blick in die Zukunft gibt es ein Zitat: „Was vergangen ist, ist Prolog“. Sie müssen sich für den Blick nach vorn immer die Vergangenheit anschauen. Und sie müssen sich hierbei auch die Branche anschauen, in der eine Firma aktiv ist. Ist es zum Beispiel eine Branche, die wächst? Sie können also nur betrachten, was die Vergangenheit gebracht hat und versuchen, daraus bestmöglich abzuleiten, was zu erwarten ist. Das ist für jeden eine große Herausforderung. Niemand kennt die Zukunft, niemand kann Erträge akkurat voraussagen.

procontra: Sie versuchen also, aus den Daten der Vergangenheit Ertragszahlen in die Zukunft zu projizieren.

Mobius: Das machen wir immer. Wir schauen immer, was die nächsten fünf Jahre für eine Firma bringen könnten. Wenn Erträge in den vergangenen fünf Jahren tendenziell gesunken sind, ist es kein gutes Zeichen. Wenn die Profitabilität gesunken ist, ist es ebenso kein gutes Zeichen. Und wenn die Bilanz schwach ist, ist das auch kein gutes Signal.

procontra: Sie investieren nach eigener Aussage nur in nachhaltige Unternehmen, die zudem eine positive Firmenkultur pflegen. Sie nennen es ESG plus C. Dies kann jedoch ein großer Konfliktherd sein, etwa in der Frage, wie dies konkret umgesetzt werden soll und wer dabei die Entscheidungen trifft – das Unternehmen oder der Investor. Wie gehen Sie mit der Macht als Investor gerade bei kleineren Unternehmen um?

Mobius: Wir fragen die Manager, ob sie mit uns auf eine kooperative Weise zusammenarbeiten möchten, um sich zu verbessern. Wenn eine Firma so mit Ihnen zusammenarbeiten möchte, ist es viel einfacher, dies auch umzusetzen. Wir investieren nicht, wenn sich ein Unternehmen in diesen Bereichen nicht engagieren möchte und nicht demonstriert, dass es gewillt ist, das zu tun.

procontra: Bei der Analyse von Unternehmen sei es am schwierigsten, das Management zu verstehen und einzuschätzen, meinen Sie. Jemand könne sich Bilanzen und alle Arten von Berichten ansehen, aber nur wenn er einen Einblick in das Management bekäme, könne er wirklich erfolgreich investieren. Ein anderer Fondsmanager sagte mir jedoch, dass Manager alles tun und sagen könnten, um bei Meetings einen guten Eindruck zu hinterlassen und daher harte und nachprüfbare Zahlen über mehrere Jahre letztlich zuverlässiger seien. Ist das nicht ein überzeugendes Argument?

Mobius: Es ist keine Frage, dass das Management lügen und schummeln kann. Der einzige Weg, dem zu begegnen, ist, sich den Hintergrund des Managements genau anzuschauen. Das zweite ist, nachzuhören, was Konkurrenten über die Firma sagen. Oft hören Sie, dass sie ein Unternehmen sehr bewundern. Das ist natürlich ein gutes Zeichen. Wenn ein Konkurrent aber sagt, dass etwas nicht ganz in Ordnung zu sein scheint, müssen Sie anfangen, Fragen zu stellen. Ein wichtiger Hinweis ist außerdem, ob die Manager auf ESG plus C achten.

procontra: Die Sharpe Ratio, die Höhe der risikobereinigten Rendite, liegt bei dem Mobius Emerging Markets Fund für das laufende Jahr bis Ende Juli 2021 bei drei Punkten. Seit Auflage des Fonds im November 2018 liegt sie jedoch bei niedrigen 0,7 Punkten. Das Risiko ausgedrückt in Volatilität ist damit etwas höher als die Rendite, die der Fonds mit diesem Risikograd erzielt hat. Was sind die Ursachen hierfür?

Mobius: Wir haben die Strategie ja erst Ende 2018 begonnen und mussten zunächst einmal etwas Geduld haben, bevor wir Zugang zu allen Märkten hatten. Die ersten 18 Monate würde ich als Aufbauphase charakterisieren, was man nicht unterschätzen darf. Außerdem verfolgen wir eine langfristige und recht konzentrierte Strategie, was beinhaltet, dass wir in unentdeckte und eher kleinere Firmen investieren. Auch hier braucht es Geduld und einen längerfristigen Blick. Jetzt nach drei Jahren sehen wir, wie „unsere“ Firmen Fortschritte gerade auch in Hinblick auf ESG machen. Ende vergangenen Jahres etwa sind drei dieser Firmen in den Dow Jones Sustainability Emerging Markets Index aufgenommen worden. Alles in allem hat die Auswahl der Titel sehr solide Resultate erzielt; die Gesamtperformance des Portfolios ist mit die beste in der Vergleichsgruppe.

procontra: Wie können Finanzberater und auch Privatanleger als deren Kunden am besten einen verlässlichen Überblick bekommen über Emerging Markets? Wie können Sie die Informationen prüfen?

Mobius: Lernen Sie so viel Sie können über die einzelnen Länder. Das erfordert natürlich auch, nicht alles unkritisch für gegeben zu nehmen, was Sie lesen. Zeitungen zum Beispiel tendieren häufig zu Übertreibungen. Lernen Sie außerdem so viel wie möglich über die einzelnen Unternehmen. Sie können sich außerdem anschauen, wo zum Beispiel deutsche Firmen investieren. Wo investiert Volkswagen, wo investiert Daimler? Viele Unternehmen aus Industrieländern sind in Emerging Markets vertreten, weil sie dort enormes Wachstum sehen.

Seite 1: Was sind für Sie die wichtigsten Punkte bei der Beobachtung von Emerging Markets?
Seite 2: Wie bemessen Sie die künftige Kapitalrendite eines Unternehmens?

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