„In jedem Markt gibt es Probleme“

Investmentfonds Investment-Talk von Heike Gorres

Schwellenländer sind ein sehr vielschichtiges Anlagegebiet – in dem Mark Mobius als Investor seit Jahrzehnten zu Hause ist. Im Interview gibt er Einblicke, wie er bei der Risiko-Rendite-Einschätzung vorgeht, was er Finanzberatern rät und warum Investieren in Schwellenländern gar nicht so anders ist als in Industrieländern.

Mark Mobius, Bild: Rory Mulvey

Mark Mobius hat 2018 im Alter von 82 Jahren die Londoner Fondsgesellschaft Mobius Capital Partners mitgegründet, die auf Aktienanlagen in Schwellenländern und in „Frontier Markets“, also ganz jungen Marktplätzen, spezialisiert ist. Seinen weltweiten Ruf als Emerging-Markets-Guru hat sich Mobius in seiner langjährigen Zeit als Fondsmanager und zuletzt Executive Chairman der Templeton Emerging Markets Group bei der US-Vermögensverwaltung Franklin Templeton erworben. Bild: Rory Mulvey

procontra: Schwellenländer sind sehr differenziert und verändern sich rasch. Was sind für Sie die wichtigsten Punkte bei der Beobachtung von Emerging Markets, um den Überblick zu behalten?

Mark Mobius: Einer der wichtigsten Punkte derzeit ist zu beobachten, was in China passiert. Denn die chinesische Regierung hat vor kurzem bei den großen Internetfirmen im Land durchgegriffen, um sie stärker zu regulieren. (Die Marktregulierungsbehörde SAMR hat im August Regierungsvorschläge veröffentlicht, die auf eine deutlich stärkere Regulierung des Sektors abzielen. Anm.d.R.) Die Aktienkurse dieser Unternehmen sind daraufhin deutlich gesunken, was sich auf den Emerging-Marktes-Index ausgewirkt hat. China hat in dem Index einen großen Anteil. Mit einem nachgebenden Emerging-Markets-Index entsteht eine verhaltene Marktstimmung gegenüber Schwellenländern insgesamt. Natürlich gibt es aber außer China viele andere Schwellenländer, die zudem recht gut unterwegs sind. Ein weiterer wichtiger aktueller Punkt sind die Spannungen zwischen den USA und China.

procontra: Was sind die wichtigsten Merkmale, die ein Schwellenland erfüllen muss, damit Sie dort in ein Unternehmen investieren?

Mobius: Der wichtigste Punkt ist die Devisenkontrolle. Andernfalls könnten wir weder Geld in einen Markt hineingeben, noch herausbekommen. Das ist ein sehr wichtiger Teil im gesamten Investmentprozess in Schwellenländer. Ein weiterer Punkt zu beachten sind politische Probleme oder ein schwieriges Umfeld. Wenn wir aber eine gute Firma finden, die fähig ist, in einem solchen Markt effektiv zu funktionieren, investieren wir auch. Dann können wir damit umgehen. Manchmal erscheint ein Land etwas unsicher, etwa Südafrika. In den USA zum Beispiel betonen viele Beobachter, dass es dort viele Probleme gebe. Zahlreiche Unternehmen dort funktionieren jedoch und verdienen Geld – sogar unter schwierigen Bedingungen.

procontra: Ist es nicht schon einmal passiert, dass Sie dachten, ein Unternehmen entwickle sich in einem problematischen Umfeld gut, dann aber eine plötzliche politische Entscheidung oder ähnliches kam und Sie doch nicht mehr investiert haben?

Mobius: Es gibt Fälle, in denen Regierungen gravierende Änderungen in der Regulierung vornehmen. Ein Beispiel war vor kurzem ebenfalls in China zu beobachten, als die Regierung entschieden hat, gegen das intensive Lernen nach der Schule vorzugehen. Unternehmen, die in diesem Bereich aktiv sind, sind davon natürlich getroffen worden. Wer dort investiert war, kann mit den sinkenden Aktienkursen nach dieser Änderung einiges an Kapital verlieren.

procontra: Viele Aspekte spielen beim Erstellen eines Risiko-Rendite-Profils einer Investition hinein. Wie gehen Sie dies an, vor allem bei einem möglichen unberechenbaren politischen Einfluss auf Unternehmen in einigen Ländern und den niedrigen Zinsen, die den Aktienmarkt und andere Märkte antreiben und sie so verzerren?

Mobius: Sie haben in jedem Markt Probleme, egal ob es ein sich entwickelnder Markt ist oder ein entwickelter Markt. Auch wenn es eine Aufsichtsbehörde gibt, können Sie Problemen nicht entkommen. Ein gutes Beispiel dafür in Deutschland ist Wirecard. Die Aufsicht hat die Firma noch verteidigt, als sie schon in großen Schwierigkeiten steckte. Unser Job als Manager ist zu versuchen, soetwas im eigenen Portfolio zu vermeiden. Wir gehen daher sehr tief in den Hintergrund und die Historie einer Firma und deren Manager. Aus diesem Grund limitieren wir auch die Anzahl der Firmen in unseren Portfolios.

procontra: Gibt es denn keinen markanten Unterschied zwischen Emerging Marktes und Industrieländern, den Sie nennen würden?

Mobius: In Schwellenländern gibt es eine Tendenz zu mehr Volatilität an den Märkten. Volatilität kann einem helfen und natürlich auch schaden. Das Gute daran ist: Sie können oft Aktien sehr günstig bekommen, auch, weil sie häufig nicht sehr bekannt sind. Das ist der Grund, warum wir nach mittelgroßen und kleinen Unternehmen in Emerging Markets Ausschau halten.

procontra: Was sind die konkreten Zahlen, auf die Sie vor allem achten?

Mobius: Als erstes achten wir auf den Verlauf des Ertragswachstums. Hat ein Unternehmen ein stetiges Ertragswachstum pro Aktie? Das zweite ist die Bilanz. Ist das Unternehmen hoch verschuldet oder haben sie viel Cash? Ist die Bilanz insgesamt stark oder schwach? Das Dritte ist die Profitabilität. Wie ist die Kapitalrendite? Wie hoch ist die Gewinnspanne? Sie suchen natürlich nach Unternehmen mit hohen Gewinnspannen. Bezogen auf die reinen Zahlen sind das die Schlüsselwerte, auf die wir achten. Die Qualität und die Fähigkeit des Managements sind aber der allerwichtigste Punkt.

Seite 1: Was sind für Sie die wichtigsten Punkte bei der Beobachtung von Emerging Markets?
Seite 2: Wie bemessen Sie die künftige Kapitalrendite eines Unternehmens?