„Die Formel 1 ist nicht versicherbar“

Anne Mareile Walter Berater Versicherungen Top News


procontra: Wie sind die Preisunterschiede zu einer „normalen“ Kasko-Versicherung? Das Risiko ist ja schließlich um einiges größer. 

Melzer: Die Prämien der Rennkasko sind mit einer klassischen Kfz-Vollkaskodeckung natürlich nicht vergleichbar, das Schadenpotential im Renneinsatz ist ungleich höher. Je nach Fahrzeugwert und Rennserie kann der Beitrag das 40fache einer normalen Kaskodeckung betragen.

procontra: Hängt der Preis für eine Kasko- beziehungsweise Unfallversicherung auch von der jeweiligen Rennsport-Serie ab? Sicher werden die Versicherer einige Rennsport-Events als risikoreicher erachten als andere. 

Melzer: Die Tarifierung ist insgesamt sehr komplex und individuell. Da kommt es auf die Fahrzeugart, den Fahrzeugtyp, die Rennserie und die Rennstrecken an. Natürlich spielt auch die Fahrfähigkeit, die Rennhistorie, die Vorschadensituation des Fahrers bei der Einstufung eine Rolle. Und: Wird ein professioneller oder semi-professioneller Fahrer versichert? In der Regel bekommen Profi-Rennfahrer bessere Konditionen als semi-professionelle Fahrer oder Amateure. Dabei wird grundsätzlich jeder Tarif individuell auf die jeweilige Anfrage hin taxiert. Wenn es bereits viele Vorschäden auf einer Rennstrecke gab, wie zum Beispiel auf dem Kurs in Bathhurst in Australien, dann fällt die Tarifierung höher aus bzw. muss die Selbstbeteiligung erhöht werden. Ebenso ist das bei engen Startkursen der Fall, da ist das Schadenpotential ungleich höher und irgendwann zeichnen Versicherer dieses Risiko gar nicht mehr. Auch Rennen innerhalb einer Stadt werden höher eingestuft, denn da rauschen die Fahrzeuge schon mal schnell in Leitplanken hinein. Dabei gilt: Der Versicherer kann nur kalkulierbare Risiken in Deckung nehmen. In der Unfallversicherung wird nach Höhe der Versicherungssumme für Invalidität- und Todesfallleistung tarifiert.  

procontra: Immer wieder liest man von Unfällen bei Motorsport-Veranstaltungen, bei denen Zuschauer zu Schaden gekommen sind. Wie schwierig ist es dadurch, Haftpflichtschutz für Events zu bekommen? 

Melzer: Solche Unfälle sind schrecklich, aber es handelt sich dabei um tragische Einzelfälle. Gemessen an der enormen Anzahl von Motorsportveranstaltungen ereignen sich erfreulicherweise nur wenige solcher Schäden. Wegen des Versicherungsprinzips – also viele Versicherte zahlen Versicherungsprämien und einige wenige haben dann den Schaden und bedienen sich aus dem Topf – ist eine Deckung für Haftpflichtversicherungen im Motorsport am Markt erhältlich. Und das auch zu vernünftigen Konditionen. Es gibt Spezialversicherer, die sich auf die Motorsport-Haftpflicht fokussiert haben und bei denen keine astronomischen Summen fällig sind.

procontra: Wie alle anderen Veranstaltungsbereiche ist auch der Rennsport durch die Pandemie zeitweise zum Erliegen gekommen. Welche Auswirkungen hatte die Corona-Krise auf ihr Geschäft?

Melzer: Corona hat unsere Branche stark getroffen. Rennen mussten abgesagt und verschoben werden, auch die Austragungsorte wurden teilweise gewechselt. Je nach aktueller Lage war es für Teams und Fahrer nicht oder nur schwer möglich, in die jeweiligen Länder, in denen Rennen stattfanden, einzureisen. Der Umsatz ist bei uns dadurch spürbar zurückgegangen. Policen mussten wegen abgesagter Rennen angepasst werden, dadurch wurde der Arbeitsaufwand größer. Glücklicherweise machen die Rennsportversicherungen aber nur einen Teil unseres Geschäftsfeldes aus. Andernfalls wäre Corona für uns fatal gewesen.

procontra: Gibt es einen Traum von Ihnen, ein spezielles Rennsport-Event, wie die Formel 1, zu versichern?

Melzer: Mein persönlicher Traum ist bereits im Jahr 2019 wahr geworden. Damals sind wir in die Situation gekommen, die DTM-Fahrzeuge von Aston Martin versichern zu dürfen. Die DTM ist eine hoch angesehene Rennserie, eine Königsklasse für die Zuschauer. Zu diesem Auftrag kamen wir durch einen unserer Kunden. Er besitzt ein Autohaus und nimmt parallel an Rennen teil. Uns beauftragte er mit der Absicherung. Ein großer Moment. Die Formel 1 ist eine Rennserie auf allerhöchstem Niveau. Die Fahrzeuge auf der Strecke sind im Grunde Prototypen, die Entwicklungskosten gehen in die Millionenhöhe. Diese Werte sind schlicht nicht versicherbar.

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