Das sind die größten Ängste der Deutschen

Hannah Petersohn Versicherungen Panorama

Seit knapp 30 Jahren fragt die R+V Versicherung in einer Langzeitstudie die Deutschen nach ihren Ängsten. Das Top-Thema in diesem Jahr: die Sorge ums liebe Geld. Das Angstlevel beim Thema Klimawandel ist hingegen vergleichsweise niedrig. Doch die Interpretation der Umfrageergebnisse wirft Fragen auf.

Langzeitstudie "Die Ängste der Deutschen" Bild: Adobe Stock/pathdoc

"Fällt die akute Bedrohung weg, gehen auch die Ängste zurück", sagt Politikwissenschaftler Manfred Schmidt. Bild: Adobe Stock/pathdoc

Die Deutschen gelten als eine Bevölkerungsgruppe mit besonders großem Angstempfinden. Nicht ohne Grund haben die Begriffe „Angst“ und „Weltschmerz“ Eingang in die englische Sprache gefunden. Seit knapp 30 Jahren werden „Die Ängste der Deutschen“ sogar in einer gleichnamigen Langzeiterhebung von der R+V Versicherung untersucht.

Das diesjährige Ergebnis mag angesichts der genannten Zuschreibung erstaunen: Das Angstlevel ist in diesem Jahr trotz Corona, Klimawandel und politischen Krisenherden nicht gestiegen. „Der Durchschnitt aller abgefragten Ängste bleibt mit 36 Prozent (Vorjahr: 37 Prozent) auf ähnlich niedrigem Niveau wie im Vorjahr“, heißt es seitens der R+V. „Im Osten ist die durchschnittliche Angst allerdings mit 40 Prozent um fünf Prozentpunkte höher als im Westen.“

Im Rahmen der Befragung, die auf persönlichen Interviews mit über 2.400 Deutschen ab 14 Jahren basiert, werden angepasst an das jeweils aktuelle Weltgeschehen auch neue Fragen hinzugefügt und vorherige wieder rausgenommen. „Die Frage nach der Angst vor Trump entfällt dieses Mal, Gottseidank“, sagt Brigitte Römstedt, die die Studie seit 15 Jahren betreut.

Top-Angst: Die Sorge ums Geld

Den ersten Platz im Ranking belegt mit 53 Prozent die Angst vor Steuererhöhungen und Leistungskürzungen durch Corona, was vor dem Hintergrund der anstehenden Bundestagswahl aus politischer Sicht von Interesse sein dürfte. Jeder zweite Deutsche befürchtet, dass die Lebenserhaltungskosten steigen (Vorjahr: 51 Prozent), was natürlich wenig verwunderlich ist. Immerhin hat sich die Inflationsrate abermals erhöht und liegt nun mittlerweile bei 3,8 Prozent. Tendenz steigend. „Die Inflationsangst ist tief verankert“, resümiert Professor Manfred Schmidt vom Institut für Politische Wissenschaft der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg auf der R+V Pressekonferenz.

Den dritten Platz belegt, ebenfalls mit 50 Prozent Zustimmung (Vorjahr: 49 Prozent), die Angst vor den Kosten, die durch die EU-Schuldenkrise auf die Verbraucher zukommen könnten. „Die hohe Staatsverschuldung schürt Geldsorgen“, so Studienleiterin Römstedt. Die Sorge der Deutschen ums Geld bezeichnet sie sogar als „Top-Angst“.

Nun ließe sich fragen, inwiefern es sich dabei um ein Luxusproblem handeln könnte, immerhin belegen wir im internationalen Vergleich bei der Höhe des Bruttoinlandsprodukts den vierten Platz, noch vor Großbritannien, Frankreich und Kanada. „Natürlich gibt es andere Länder, die größere Probleme haben als wir. Bei uns gibt es kaum Hunger, kaum Bedrohung, wir leben lang. In Deutschland kann man es sich leisten, hohe Standards anzulegen“, sagt Politikwissenschaftler Schmidt.

Andererseits sei es eben auch so, dass Politiker einen großen Bogen um das Schulden-Thema machen, auch weil letztlich nur wenige Instrumente bleiben, um das Problem zu lösen. Und eines bestehe eben darin, Leistungen zu kürzen. Die andere Lösung bestünde darin, die Schuldengrenze anzuheben. Dafür müsste allerdings das Grundgesetz umgeschrieben werden, das nur Schulden innerhalb eines bestimmten Rahmens erlaubt. Das werde aber niemand machen, prognostiziert Schmidt.

Angst bei akuten Bedrohungen

Während die Angst vor Naturkatastrophen und Wetterextremen mit 42 Prozent nur auf dem achten Platz landet, schließt die Sorge um einen überforderten Staat durch Geflüchtete direkt an die Geldsorgen an. „Seit 2015 ist die Flüchtlingskrise eines der drei wichtigsten Probleme nach Corona und Klimakrise“, so Schmidt. Das sei auch der Grund, warum die Bundesregierung sich davor scheue, etwas zur Krise in Afghanistan zu sagen.

Dass die Umweltängste vergleichsweise moderat geblieben sind und sich sogar auf dem Vorjahresniveau bewegen, liege am Zeitraum der Befragung, die vor der jüngsten Flutkatastrophe vorgenommen wurde. Demnach haben 41 Prozent der Befragten (8. Platz) Angst vor einer Zunahme der Unwetterereignisse (Vorjahr: 44 Prozent, Platz 5). „Da die Ängste-Umfrage zu dieser Zeit bereits abgeschlossen war, haben wir Ende Juli in einer Online-Umfrage weitere 1.000 Bürger nach ihren Umweltängsten befragt“, erklärt Römstedt. Ergebnis: Nun ängstigen Extremwetter und Naturkatastrophen 69 Prozent der Befragten. 61 Prozent der Befragten sind besorgt, dass der Klimawandel dramatische Folgen für die Menschheit hat.

Verwunderlich ist, dass gerade in der Alterskohorte der 14- bis 19-Jährigen der Klimawandel nur den dritten Platz (34 Prozent) im Angst-Ranking belegt, während das „Hinterherhinken bei Digitalisierung“, eine erst 2021 eingeführte Kategorie in der Befragung, den ersten Platz einnimmt (49 Prozent). Nur warum ist das so?

Generell sitze der Schock direkt im Anschluss an eine Katastrophe natürlich tief. „Unsere Erfahrung aber zeigt: Bleibt ein weiterer Schock aus, geht es wieder zum alten Trend zurück“, sagt Studienleiterin Brigitte Römstedt. „Fällt die akute Bedrohung weg, gehen auch die Ängste zurück“, resümiert Schmidt.

Irren ist menschlich

Wie aussagekräftig sind überhaupt die erhobenen Daten? So wendet Poltikwissenschaftler Schmidt ein, dass die Interpretation des Angstindexes, für dessen Berechnung alle Ängste in Prozent addiert und durch die Anzahl der Ängste dividiert werden, schwierig sei. „Kleinere und größere Ängste werden für die Durchschnittsbewertung zusammengenommen.“ Manche Fragen wie die nach Trump fallen weg, andere wie die nach der Digitalisierung werden neu aufgenommen.

Und eine simple, aber nicht minder wichtige Erkenntnis ist ebenfalls relevant: „Menschen können sich irren. Ich bin der Meinung, dass die Einschätzung zur Corona-Problematik überoptimistisch ist“, so Schmidt. Nur 35 Prozent (14. Platz) der Befragten haben Angst vor einer Corona-Infektion und einem schweren Verlauf.

An dieser Stelle könnte wieder eine Schwäche der Studie eine Rolle spielen: Nämlich der Zeitpunkt der Erhebung vom 25. Mai bis zum 4. Juli 2021. Es handelt sich in gewisser Weise immer auch um Momentaufnahmen. Ähnlich wie die Umfrage nach der Flutkatastrophe das Angstlevel in die Höhe schießen ließ, könnte es sich mit Fragen zur Pandemie verhalten. Und: ein gewisser Angst-Abnutzungseffekt könnte ebenfalls ausschlaggebend sein für die sinkende Angst vor einer Covid-Infektion.

Wenn das Leben zu einem permanenten Ausnahmezustand geworden ist und wir im ständigen Weltstress (Spiegel-Kolumnist Sascha Lobo) sind, kann das zu Müdigkeit führen. Das Angstgefühl nutzt sich ab, eine lähmende Gewöhnung tritt ein. Zeit für gute Nachrichten, die wir Ihnen liebe Leserinnen und Leser kommende Woche, einmal wöchentlich, präsentieren wollen.

 

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