Berufsunfähigkeit: die unterschätzte Gefahr?!

Gastkommentar Berater Versicherungen Top News von Dr. Herbert Schneidemann

Eine überbordene Risikoneigung ist den Deutschen wirklich nicht nachzusagen. Mit einer Ausnahme: Die Absicherung der eigenen Arbeitskraft scheinen viele Deutsche auf die leichte Schulter zu nehmen. Warum das eine riskante Wette auf die Zukunft ist, kommentiert der DAV-Vorsitzende Dr. Herbert Schneidemann.

Dr. Herbert Schneidemann, Bild: DAV

Dr. Herbert Schneidemann, Vorstandsvorsitzender der Deutschen Aktuarvereinigung e.V. (DAV), Bild: DAV

Die Deutschen sind ein eher risikoaverses Volk – mit einer großen Ausnahme: Die eigene Arbeitskraft versichert gerade einmal ein Drittel der Arbeitnehmenden hierzulande. Dabei sind unsere geistigen und physischen Fähigkeiten unsere Existenzgrundlage, dank der wir in einem Arbeitsleben durchschnittlich über 1,5 Millionen Euro verdienen. Doch viele unterschätzen die Gefahr, zeitweise bzw. dauerhaft berufsunfähig zu werden oder haben auch falsche Vorstellungen über die staatlichen Sicherungsnetze. Das ist eine riskante Wette auf die Zukunft.

Denn wie neue Untersuchungen der Deutschen Aktuarvereinigung (DAV) zeigen, wird weiterhin beinahe jeder Vierte mindestens einmal im Arbeitsleben berufsunfähig. Und in einigen Altersgruppen ist die BU-Gefahr sogar signifikant gestiegen. So haben Frauen bis zu ihrem 40. Geburtstag im Vergleich zur vorangegangen Untersuchung vor 20 Jahren ein um über 30 Prozent erhöhtes BU-Risiko. Denn in dieser Versichertengruppe sind nach den Daten der Rentenversicherung erheblich mehr Versicherungsfälle aufgrund psychischer Erkrankungen festzustellen.

Was sind die Gründe?

Warum das so ist, darüber können wir nur spekulieren. Ein Grund könnte die zunehmende Doppelbelastung durch Job und Familie sein. Laut Destatis ist die Erwerbstätigenquote von Frauen zwischen 2000 und 2019 von 57,7 auf 72,8 Prozent gestiegen – während sie sich bei Männern „nur“ etwa halb so stark erhöhte. Zugleich verzeichnete Deutschland in dieser Zeit einen leichten Anstieg der Geburtenraten. Und viele Studien zeigen, dass das Management von Haushalt und Familie weiterhin größtenteils in Frauenhand liegt.

Es ist nicht die Aufgabe der Aktuarinnen und Aktuare, diese Entwicklungen zu bewerten. Aber es ist unsere Aufgabe, Transparenz über die Fakten herzustellen, damit die Bürgerinnen und Bürger souverän Entscheidungen zur Absicherung ihrer eigenen Arbeitskraft treffen können. Sicher ist dabei: Ohne eine entsprechende Versicherung stellt eine Berufsunfähigkeit für die meisten kaum zu kompensierende Einschnitte im Haushaltseinkommen dar und für Alleinverdienende oder Singles kann sie sogar den Ruin bedeuten.