„Autofahren ist keine Grundfähigkeit“

Stefan Terliesner Berater Versicherungen Top News

Der Markt der Grundfähigkeitsversicherungen boomt. Doch vielfach finden sich in den Allgemeinen Versicherungsbedingungen keine klaren Formulierungen. Worauf Makler achten sollten, erklärt Arndt von Eicken, Managing-Analyst der Assekurata Assekuranz Rating-Agentur, im Interview.

Arndt von Eicken Bild: Assekurata

Arndt von Eicken ist Managing-Analyst der Assekurata Assekuranz Rating-Agentur. Bild: Assekurata

procontra: Wie beobachten Sie den Markt für Grundfähigkeitsversicherungen?

Arndt von Eicken: Alljährlich befragen wir die Lebensversicherer nach ihren Geschäftserwartungen für unterschiedliche Produktarten. Die Antworten für die Grundfähigkeitsversicherung fallen hierbei positiv bis sehr positiv aus.

procontra: Wie hat sich das Leistungsangebot zuletzt verändert?

von Eicken: Die Fundamental-Fähigkeiten Sehen, Hören, Sprechen sind grundsätzlich auf einem guten Marktniveau abgesichert. Um sich vom Wettbewerb zu differenzieren, implementieren viele Versicherer allerdings gerne ein Alleinstellungsmerkmal in ihren Tarifen. So kommt es, dass einige Leistungsbausteine mittlerweile unabhängig vom Verlust einer Grundfähigkeit greifen, zum Beispiel bei schweren Erkrankungen. Darüber hinaus zeichnet sich ein Trend auf bestimmte Zielgruppen ab, wie zum Beispiel Bauarbeiter oder LKW-/Busfahrer.

procontra: Entfernen sich die Bedingungswerke von den fundamentalen Grundfähigkeiten?

von Eicken: Ja. Die Versicherer definieren immer mehr Tätigkeiten des Alltags als „Grundfähigkeit“. Beispielsweise ist aus unserer Sicht „Autofahren“ keine Grundfähigkeit im engeren Sinne. Vielmehr stellt diese Tätigkeit eine Reduzierung des Verlusts der Fähigkeiten Sehen, Gebrauch der Arme oder Beine und so weiter dar. Die Anzahl der versicherten Grundfähigkeiten und die Unterschiedlichkeit an Definitionen bringen eine hohe Komplexität im Vertrieb mit sich und müssen regelmäßig analysiert werden, damit sich die Allgemeinen Versicherungsbedingungen nicht unnötig aufblähen oder Mogelpackungen geschnürt werden.

procontra: Können Vermittler und Kunden den Leistungsumfang noch gut vergleichen?

von Eicken: Das ist schwierig geworden. Es gibt immer noch keinen Marktstandard bei den Bedingungen. Aus Vermittler- und Kundensicht birgt die Entwicklung aber auch eine Gefahr hinsichtlich der Erreichbarkeit und Nachprüfbarkeit. Wann es zum Leistungsfall kommt, ist oft nicht klar. Neue, kreative Auslöser für bestimmte Zielgruppen müssen sich erst etablieren und auch in der Leistungsprüfung nachvollziehbar beziehungsweise beispielsweise mithilfe von Statistiken objektivierbar sein.

procontra: Haben die Neuerungen überhaupt einen Nutzen für Kunden?

von Eicken: Diese Frage lässt sich nicht pauschal beantworten. Jede einzelne Neuerung muss auf ihren Nutzen hin untersucht und bewertet werden. Am Markt existieren noch viele Missverständnisse, wie der Glaube, dass eine Grundfähigkeitsversicherung das Einkommen absichert oder dass mehr Auslöser auch mehr Leistung bedeuten. Grundfähigkeitsversicherungen sichern insbesondere Tätigkeiten des täglichen Lebens ab, wie zum Beispiel Heben und Tragen oder Ziehen und Schieben. Dies kommt unter anderem im Alltag und bei Freizeitaktivitäten zum Tragen. Inwieweit davon dann berufliche Aktivitäten betroffen und damit auch abgesichert sind, muss jeweils im Einzelfall hinterfragt werden. Das ist eine durchaus anspruchsvolle Aufgabe für Vermittler.

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