Anstiftung zum Stiften gehen: Versicherungschef zu Millionenstrafe verurteilt

Hannah Petersohn Versicherungen Panorama

Innerhalb von nur drei Tagen kündigten knapp 200 Angestellte des Versicherungsunternehmens Prudential und wechselten zum Konkurrenten. Drahtzieher war ein Ex-Prudential-Chef, der für seine Headhunting-Aktivitäten großzügig belohnt wurde – vom Konkurrenten selbst.

Anstiftung zum Stiften gehen: Versicherungschef zu Millionenstrafe verurteilt Bild: Adobe Stock/everettovrk

Innerhalb weniger Tage kündigten knapp 200 Angestellte eines Versicherungsunternehmens. Das war kein Zufall. Bild: Adobe Stock/everettovrk

Wenn innerhalb von wenigen Tagen viele Mitarbeiter einer Firma kündigen, kann eine innerbetriebliche Veränderung der Grund sein, eine drohende Pleite des Unternehmens oder: die konzertierte Aktion eines Konkurrenten. Auch wenn niemand das gezielte Abwerben von Fachkräften als Novum bezeichnen würde, ist der Fall einer Singapurer Versicherungsagentur gelinde gesagt: bemerkenswert.

In einer Zeitspanne von nur drei Tagen kündigten im Sommer 2016 knapp 200 Angestellte beim Versicherungsunternehmen Prudential Assurance Company Sigapore. So weit, so viel. Allerdings wechselten sie allesamt zum Aviva Financial Advisers (AFA), einer Tochtergesellschaft von Aviva, einem der weltweit größten Versicherer. Das fällt natürlich auf.

70.000 Policen und keine Agenten

Letztlich ging auch der damalige Chef Prudentials, Peter Tan Shou Yi, zu zum Konkurrenten, heißt es in einem Bericht der Business Times. Dazu muss man wissen: Tan hatte während seiner Zeit bei Prudential eine beträchtliche Anzahl von Agenten und Agenturleitern unter seiner Führung und seine eigene Peter Tan Organisation („PTO“) aufgebaut. Die PTO war die größte Agenturgruppe bei Prudential und trug etwa zehn Prozent des gesamten Agenturumsatzes bei.

Als im Frühjahr 2017 noch 40 weitere Mitarbeiter zu AFA wechselten, sah sich Prudential Singapore nicht nur mit einem beispiellosen Exodus seiner Vertreter konfrontiert – 70.000 Policen waren nun ohne Agenten – sondern verlor sie auch noch an nur einen einzigen Mitbewerber.

Überzeugende Argumente

Spuren verwischen geht anders. Tan Shou Yi hatte, wie sich herausstellte, nicht nur selbst umgerechnet 9,67 Millionen Euro für seinen Einstand bei AFA eingeheimst. Vielmehr wurden ihm über 63 Millionen Euro (100 Millionen Singapur-Dollar) von AFA an die Hand gegeben, mit denen er seine Prudential-Mitarbeiter „überzeugen“ sollte, zum Konkurrenten überzulaufen. Das Oberste Gericht Singapurs sah seine Schuld als erwiesen an und verurteilte ihn im Mai dieses Jahres zu einer Strafe in Höhe von umgerechnet 5,38 Millionen Euro – Gerichtskosten noch nicht mitgerechnet.

Der Richter hatte den Sachverständigen von Prudential angewiesen, den Gewinnverlust des Versicherers aus den Verkäufen, die die 227 ausgeschiedenen Führungskräfte und Agenten in etwa zweieinhalb Monaten getätigt hätten, zu berechnen. Der Zeitrahmen wurde basierend auf dem Zeitpunkt berechnet, an dem Tan im Mai 2016 mit den Führungskräften über den Wechsel zu Aviva gesprochen hat, und dem Ablauf der Kündigungsfrist durch die letzte Gruppe von Agenten, die gekündigt haben.

Wenngleich der Richter befand, dass Tan Shou Yi nur für den Wechsel von 227 Kollegen – 23 Leiter und 204 Agenten – Verantwortung trage, bleibt die Anzahl der Überläufer, die auf seine Kappe gehen, stattlich. Von seinem Gehalt bei AFA wird der Ex-Prudential-Chef die Strafe wohl nicht bezahlen. Nach Aussage seines Verteidigers habe er der Versicherungsbranche im März 2020 den Rücken gekehrt und sei nun in der Unternehmensberatung tätig.

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