Rentenpläne: „Politik sollte den Mut haben, ihre Fehler zu korrigieren“

Stefan Terliesner Versicherungen Berater Top News Meistgeklickt

procontra: Sind Aktien die Lösung?

Raffelhüschen: Nein, aber ein Teil der Lösung. Viele Deutsche haben nur deshalb Scheu vor Aktien, weil sie ökonomische Analphabeten sind. Die Schulen verpassen es vollständig, junge Menschen ökonomisch aufzuklären. Und was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmer mehr. Hänschen muss lernen, privat vorzusorgen – und dabei nie alles auf eine Karte zu setzen, also selbst in Niedrigzinsphasen wie aktuell nicht alles auf Aktien zu setzen. Wer heute keine Aktien hat, war früher doof. Aber wer heute ausschließlich auf Aktien setzt, muss nicht clever sein.

procontra: Was sollte der Gesetzgeber nun tun, um das deutsche Rentensystem zu stabilisieren?

Raffelhüschen: Mit der Agenda 2010 vom damaligen Bundeskanzler Gerhard Schröder wurde der richtige Weg eingeschlagen. Die Beiträge sollten eingefroren werden und das Rentenniveau sinken. Das entspricht dem Verursacherprinzip. Die Verursacher des demografischen Problems sind die Babyboomer, die jetzt und in den nächsten Jahren nach und nach in Rente gehen und selbst keine Kinder bekommen haben. Doch in den Folgejahren wurde das Verursacherprinzip ausgehebelt und eine Politik für die Älteren gemacht. So wurde 2009 unter Federführung von Arbeitsminister Olaf Scholz eine Rentengarantie beschlossen, 2014 folge die Einführung der Rente mit 63 unter der Regie von Arbeitsministerin Andrea Nahles und 2020 setzte Arbeitsminister Hubertus Heil eine „doppelte Haltelinie“ für Rentenbeitragssatz und Rentenniveau durch. Das ist mathematisch gesehen die Note Sechs. Diese Fehler müssen zurückgenommen werden.

procontra: Ist das realistisch?

Raffelhüschen: Diesen Mut sollte die Politik aufbringen. Es lohnt sich. Wenn wir die Lebenserwartung in die Berechnung der Rentenhöhe einfließen lassen, haben wir eine sichere Basisversorgung. Das muss man klar kommunizieren. Und dann ist natürlich private Vorsorge wichtig. Wer nicht ergänzend vorsorgt, steht im Alter finanziell schlecht dar. Das sind vielleicht ein Viertel der Bevölkerung.

procontra: Das ist viel.

Raffelhüschen: Deshalb ist private Vorsorge so wichtig, um diesen Wert zu mindern. Im europäischen Vergleich steht Deutschland trotz aller Probleme aber gar nicht so schlecht dar. Im Schnitt besitzt jeder Zweite eine Immobilie und rund 30 Prozent haben hohe Ansprüche an die betriebliche Altersvorsorge. In Armut befinden sich von dem Viertel keine 3 Prozent. Wenn man aber gezielt Kinderarmut misst, dann steigt die Quote auf 15 Prozent. Armut gibt es in Deutschland bei wenig verdienenden Familien mit mehreren Kindern sowie bei alleinerziehenden Frauen. Auch hier wird erkennbar: Die Politik kümmert sich ausgiebig um Rentner, aber tut viel zu wenig für Familien.

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