Rentenpläne: „Politik sollte den Mut haben, ihre Fehler zu korrigieren“

Stefan Terliesner Versicherungen Berater Top News Meistgeklickt

Das deutsche Rentensystem gerät immer mehr unter Druck. Was muss sich ändern? Über Lösungen, das Rentensystem vor dem Kollaps zu bewahren, ökonomischen Analphabetismus und Blödsinn bei Riester sprach procontra mit dem Finanzwissenschaftler Dr. Bernd Raffelhüschen.

Bernd Raffelhüschen, Bild: Universität Freiburg

Bernd Raffelhüschen, Professor für Finanzwissenschaften und Direktor des Forschungszentrums Generationenverträge an der Universität Freiburg, Bild: Universität Freiburg

procontra: In Studien wie aktuell von Fidelity bezeichnen 18-bis 39-Jährige die Umlagefinanzierung im deutschen Rentensystem als nicht fair. Keine Partei würde die Interessen ihrer Generation in Bezug auf die Rente ausreichend berücksichtigen. Ist das auch Ihr Eindruck?

Bernd Raffelhüschen: Unser Rentensystem basiert auf dem Generationenvertrag: Jüngere Erwerbstätige zahlen für die Rentner von heute. Das funktionierte lange Zeit gut, doch der demografische Wandel macht dem System zu schaffen. Wenn ich mit jungen Menschen rede, haben die alle den Eindruck, dass sie wenig Rentenansprüche bekommen, für die Lasten, die sie heute zu schultern haben.

procontra: Ist das System also ungerecht?

Raffelhüschen: Der Begriff Gerechtigkeit ist mit Vorsicht zu gebrauchen. Was Statistiker messen können, ist nicht Gerechtigkeit, sondern Gleichheit. Ein junger Mensch würde es als gerecht empfinden, wenn er denselben Prozentsatz von seinem Lohn gibt, wie die Alten, als die noch jung und Einzahler waren. Wenn Beitragszahler heute fast ein Fünftel für die Rentner hergeben, gilt das als fair, solange zukünftige Generationen den gleichen Satz bezahlen. Aber das funktioniert in Zukunft nicht mehr.

procontra: Inwiefern?

Raffelhüschen: Heute finanzieren 100 Beitragszahler 51 Rentner. Im Jahre 2033 werden sie für 68 Rentner aufkommen müssen. Wir können nicht mit so wenig Zahlern und dem Beitragssatz von heute die Rentenansprüche, die die Alten stellen, bedienen. Deshalb muss sich die Politik entscheiden: Die Beiträge erhöhen und Renten konstant halten? Dafür ist die Wählermehrheit der Rentner. Oder wollen wir das anders machen, zum Beispiel die Beiträge stabil halten und die Renten kürzen.

procontra: Könnte man nicht auch das Renteneintrittsalter weiter erhöhen?

Raffelhüschen: Seit 2012 und bis Ende 2030 wird das Eintrittsalter für die abschlagsfreie Rente stufenweise angehoben. Ab dem Geburtsjahrgang 1964 müssen Beschäftigte bis 67 arbeiten. Dahinter steht der sogenannte Lebenserwartungsfaktor. Mit ihm soll eine intergenerative Fairness erreicht werden. Wenn die Lebenserwartung und damit die Rentenbezugszeit steigt, sollte das Renteneintrittsalter nicht konstant bleiben. Fair ist, wenn jede Generation im Verhältnis zu der Rentenbezugszeit die gleiche Anzahl an Beitragsjahren aufweist. Im deutschen Rentensystem wird für ein Bezugsjahr etwa zwei Jahre gearbeitet. Wenn das so bleiben soll, muss die Politik den zukünftigen Rentnern sagen: Ihr lebt länger, bezieht also länger Rente. Daher müsst ihr auch länger arbeiten. Nur so gilt das Verhältnis 1 zu 2 weiterhin. Das heißt: Auch nach 2030 sollte das Renteneintrittsalter steigen. Im Endeffekt kommen wir wahrscheinlich auf 69 Jahre – um das Jahr 2060.

procontra: Sie haben die Wählermehrheit der Rentner erwähnt. Was bedeutet das für die Minderheit der jungen Wähler?

Raffelhüschen: Das ist der springende Punkt. Um das Rentensystem vor dem Kollaps zu bewahren – immerhin stammen heute bereits 24 Prozent der ausgezahlten Renten von den Steuerzahlern und nur 76 Prozent von den Beitragszahlern – müsste die Politik gegen die Mehrheit der Älteren agieren. Das geschieht nicht. Auch im Wahlkampf wurde Generationengerechtigkeit von den Parteien nicht groß thematisiert. Es wurde nur populistisch gesagt, dass man für sicherere Renten sorgen muss. Alle scheuen davor zurück auszusprechen, worum es geht: Nämlich den geburtenstarken Jahrgängen zu sagen, dass sie länger arbeiten müssen und ein geringeres Rentenniveau bekommen.

procontra: Aber alle Parteien haben doch erkannt, dass das Rentensystem weiterentwickelt werden muss. Das dürfte eine zentrale Aufgabe der neuen Bundesregierung sein. In einigen Wahlprogrammen war bereits von einer stärkeren Berücksichtigung von Aktien die Rede. Auch bei der Riester-Rente sehen die meisten Politiker Handlungsbedarf. Reicht das nicht?

Raffelhüschen: Das muss man jetzt abwarten. Bisher ist alles völlig verworren. Im Übrigen gibt es bei der Riester-Rente seit langem eine Variante, die auch auf Aktien setzt. Das Problem ist, dass die Politik auch bei dieser Variante die Sparer in Garantieprodukte zwingt. Einen Fonds aufzulegen und ihn dann fast ausschließlich mit sicheren Staat- und Unternehmensanleihen zu befüllen, die seit Jahren keine Verzinsung mehr bieten, ist Blödsinn. So macht man doch keine Kapitaldeckung.

procontra: Was raten Sie jungen Menschen in Sachen Altersvorsorge?

Raffelhüschen: Ich würde das raten, was mein Opa mir bereits gesagt hat: Nicht alle Eier in einen Korb legen. Das heißt: Ein Portfolio aus Aktien, Anleihen und Immobilien. Dann ratierlich sparen, während der Erwerbsphase langsam Vermögen aufbauen und als Rentner langsam aufbrauchen. Was häufig übersehen wird: Jeder kann in Immobilien investieren. Dafür muss man keine Eigentumswohnung erwerben, sondern nur Anteile an einem Immobilienfonds oder Immobilienaktien.

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