Police vom Hochwasser weggespült: Ist der Versicherer leistungsfrei?

Florian Burghardt Berater Recht & Haftung Versicherungen Top News Meistgeklickt

Neben Menschenleben, Häusern und Gegenständen hat die jüngste Flutkatastrophe auch manchen Versicherungsschein mit sich gerissen. Offenbar will ein Versicherer aufgrund der fehlenden Police die Leistung verweigern. Ist das rechtens?

Als ob die Hochwasseropfer gerade keine anderen Probleme hätten: Darf ein Versicherer die Leistung verweigern, wenn die Flut den Versicherungsschein mit sich gerissen hat? Bild: Adobe Stock/Gina Sanders

Als ob die Hochwasseropfer gerade keine anderen Probleme hätten: Darf ein Versicherer die Leistung verweigern, wenn die Flut den Versicherungsschein mit sich gerissen hat? Bild: Adobe Stock/Gina Sanders

Laut Schätzungen der Versicherer hat das verheerende Unwettertief „Bernd“ alleine in Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz Schäden zwischen vier und fünf Milliarden Euro angerichtet. Dabei handelt es sich nur um versicherte Schäden. Die tatsächliche Schadensumme dürfte noch deutlich darüber liegen.

Neben diesen Zahlen und Bildern von kaputten Häusern geht häufig unter, dass in der Flutkatastrophe auch Menschen gestorben sind. Insgesamt 750 Briefe habe Detlef Placzek, Opferbeauftragter der rheinland-pfälzischen Landesregierung, bislang an die Angehörigen der Toten sowie an Verletzte verschickt. Das sagte er am Donnerstag der dpa. Darin würde das Bundesland eine Seelsorge-Hotline sowie Hilfe bei der Vermittlung von Therapieplätzen anbieten.

Ohne Police keine Hilfe?

Außerdem appelliert Placzeck an die Versicherungsunternehmen, mit den Schadenmeldungen beziehungsweise Leistungsanträgen der Betroffenen unbürokratisch umzugehen.  Das scheint nicht immer der Fall zu sein. So berichtet Placzek, dass ein Versicherer einem Flutopfer mitgeteilt hätte, dass er diesem ohne die weggeschwemmte Versicherungspolice nicht helfen könne. „Ich glaube, das geht nicht“, sagte Placzeck der dpa, ohne darauf einzugehen, ob es sich bei dem Kontrakt um eine Lebensversicherung oder Schaden-/Unfall-Police handle.

Placzeks Ahnung wird von Alexander Sajkow von der Kanzlei Wirth Rechtsanwälte bestätigt. „Nein, der Versicherer kann die Leistung nicht verweigern, wenn der Kunde seine Police verloren hat, denn der Verlust der Police lässt die Tatsache unberührt, dass der Versicherungsnehmer einen wirksamen Versicherungsvertrag mit dem Versicherer unterhält und aus diesem Vertrag Versicherungsschutz genießt. Dies gilt gleichermaßen für die Lebens- und Sachversicherung“, erklärt der Fachanwalt für Versicherungsrecht auf procontra-Nachfrage.

Beurkundung und Neuausstellung möglich

In der Sachversicherung sei die Vorlage des Versicherungsscheins regelmäßig keine Bedingung, so Sajkow. Bei Lebensversicherungen könnten die vertraglichen Bestimmungen zwar vorsehen, dass der Versicherungsschein vorgelegt oder zurückgegeben werden müsse, damit die Versicherungsleistung ausgezahlt wird. Die Versicherungsnehmer könnten von ihrem Anbieter bei Abhandenkommen oder Vernichtung der Police aber gemäß § 3 III Satz 1 VVG die Neuausstellung verlangen. Unter Umständen müsse der ursprüngliche Versicherungsschein in der LV vorher für kraftlos erklärt werden.

„Außerdem kann der Versicherungsnehmer während der Laufzeit des Vertrages gemäß § 7 IV VVG jederzeit vom Versicherer verlangen, dass ihm dieser die Vertragsbestimmungen einschließlich der Versicherungsbedingungen in einer Urkunde übermittelt, wobei die Kosten für die erste Übermittlung vom Versicherer zu tragen sind“, sagt Sajkow. Hochwasseropfer, denen ihr Versicherungsschein abhandengekommen ist, sollten sich mit dieser Bitte an ihren Vermittler oder direkt an den Versicherer wenden. Bei Lebensversicherungen sollten sie zusätzlich die Neuausstellung beantragen.

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