Klimawandel und Versicherungen: Mit Vollgas durch den Nebel

Hannah Petersohn Versicherungen

Nach der verheerenden Flut in einigen Regionen Deutschlands werden noch immer die Schäden begutachtet. Derweil warnen Klimaforscher bereits vor neuen Unwetterkatastrophen. Worauf müssen sich Versicherungen einstellen und was sollten sie in Zukunft anders machen?

Bild: Adobe Stock/Igor Link

„Wir fahren im Nebel auf der Autobahn mit Höchstgeschwindigkeit und wissen nicht, wann das Hindernis kommt", sagt Klimaforscher Mojib Latif. Bild: Adobe Stock/Igor Link

In Deutschland nimmt nicht nur die Anzahl der schweren Unwetter zu. Auch die dadurch entstandenen Schadenshöhen erreichen traurige Rekorde. Die jüngste Flutkatastrophe hat in ihrem Ausmaß sogar die sogenannte Jahrhundertflut im Jahr 2002 übertroffen. Der Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) schätzt den bisher entstandenen Schaden auf über fünf Milliarden Euro. „Insgesamt dürfte dieses Jahr mit Stürmen, Überschwemmung, Starkregen und Hagel zum schadenträchtigsten Jahr seit 2002 werden“, sagte Jörg Asmussen, GDV-Hauptgeschäftsführer. Allein im Juni dieses Jahres entstand durch Starkregen und Hagel bereits ein Schaden in Höhe von 1,7 Milliarden Euro.

Klimaforscher wie Mojib Latif warnen davor, dass derartige Ereignisse hier in Zukunft noch öfter auftreten werden. Latif, der zugleich Meteorologe und Präsident des Club of Rome Deutschland ist, warnt: „Ein solches Jahrhundertereignis kommt nicht mehr nur einmal im Jahrhundert vor, es wird sich innerhalb weniger Jahre wiederholen“, sagte der Forscher am Donnerstag auf einer Online-Veranstaltung des Versicherers Generali. Und es könne jedes Gebiet in Deutschland treffen, wie die Auswertung der Radarmessungen zeigen. „Der Starkregen wird sich nicht auf eine einzelne Region beschränken.“

Zumal plötzlich auftretender Starkregen nur eines von zahlreichen Problemen der kommenden Jahre sein wird. Auch die Land- und Forstwirtschaft wird massive Schwierigkeiten bekommen angesichts der drohenden Dürreperioden. Latif zeichnet ein düsteres Bild unserer Zukunft. Generell müsse sich Deutschland auf eine Zunahme von Waldbränden, Dürreperioden, Starkregen, Überschwemmungen und auf den Anstieg des Meeresspiegels einstellen.

Die Erklärung: „Bei uns in Deutschland ist die Erwärmung deutlich höher als im globalen Durchschnitt“, so der Klimaexperte. „Der Mensch ist die Ursache der globalen Erwärmung, auch wenn es immer wieder gegenteilige Behauptungen gibt.“ Ohne den Faktor Mensch gäbe es keinen derartigen Klimawandel, so Latif. Seit 1881 beträgt die Erwärmung hierzulande fast zwei Grad. „Die Anzahl der Frosttage geht massiv zurück, es gibt immer mehr heiße Tage mit Tageshöchsttemperaturen und neue Temperaturrekorde in Deutschland."

Was immer wieder vergessen werde: Wärmere Temperaturen sind auch für den menschlichen Körper und dessen Gesundheit bedrohlich. So sei die Übersterblichkeit im Sommer 2020, als Corona zwischenzeitlich eine geringere Rolle gespielt hat, dennoch höher gewesen als im Vorjahr. Der Grund: eine Hitzewelle.

"Wir wissen seit über einhundert Jahren, dass der CO2-Ausstoß zu einer Erwärmung des Planeten beiträgt.“ Deutschland habe weniger ein Erkenntnis- als vielmehr ein Umsetzungsproblem. Aber: „Man kann mit der Natur keine Kompromisse schließen“, so Latif.

Versicherungen im Krisenmodus 

Was bedeuten diese Prognosen, Szenarien und Einschätzungen der Klimaforscher für die Versicherungsbranche? Markus Hofer, Leiter der Generali-Schadenabteilung in Deutschland, sagt, noch ließen sich die Ereignisse einschätzen, weil sich die Entwicklungen, also die Veränderungen durch den Klimawandel, bereits seit längerem andeuten. Noch könne man also die Risiken kalkulieren und entsprechende Prämien festsetzen. Aber: „Die Frequenz der Ereignisse wird zunehmen. Von Mai bis in den Spätherbst haben wir mit solchen extremen Wetterereignissen zu tun, in jedem Jahr.“

Innerhalb einer sehr kurzen Zeit müsse dann eine hohe Anzahl an Schadenfällen bearbeitet werden. Zu Beginn werde jedes Mal so schnell es geht der Kontakt zu den versicherten Kunden hergestellt. „Wir müssen denjenigen, die durch die Ereignisse schwer traumatisiert wurden, eine Orientierung geben und ihnen sagen, was jetzt als nächstes zu tun ist“, so der Schadenexperte. Im Katastrophenfall wird an den betroffenen Orten ein Krisenzentrum aufgebaut, von dem aus die Versicherungsmitarbeiter operieren, zu den Häusern fahren, die Schäden aufnehmen, den Wiederaufbau und die Reparaturen organisieren.  

„Die Versicherer vor Ort sind aber auch ein Kummerkasten, sie brauchen Sensibilität und Einfühlungsvermögen. Existenzen wurden zerstört, es ist zutiefst tragisch, die betroffenen Menschen sind mehrfach traumatisiert“, so Hofer. Um die Versicherungsmitarbeiter auf diese hochemotionale Situation vorzubereiten, arbeitet das Unternehmen auch mit Psychologen zusammen. Allerdings könne man vor dem Hintergrund eines fehlenden Elementarschutzes nicht alle unterstützen: „Der Hälfte der Versicherten kann man helfen, die anderen müssen sich auf den Staat verlassen.“

Eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe

Deswegen gehe es in Zukunft darum, präventiv zu handeln: Gebäude abdichten, Rückstauvorrichtungen bauen und die Infrastruktur an das sich verändernde Klima anpassen. „Das ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe“, sagt Hofer, der nicht allein die Versicherer in der Handlungspflicht sieht. „Es geht darum, nicht nur Sachwerte, sondern auch Menschenleben zu schützen. Das darf nicht noch einmal passieren.“ Ein Bündel an Maßnahmen sei erforderlich.

Die Versicherungen müssten jedoch ihren Kunden den Klimawandel und seine Folgen stärker ins Bewusstsein rücken. „Es muss uns gelingen, das Risiko besser zu beschreiben und zu erklären, um den Kunden dann ein entsprechendes Angebot zu machen und das Risiko abzusichern.“

Die Frage nach einer Pflichtversicherung stünde zwar an zweiter Stelle. Doch schlägt Hofer eine Alternative dazu vor: So könne jeder, der eine Gebäudeversicherung abschließt, damit automatisch eine elementare Abdeckung erhalten, die sich nur über eine bewusste Ablehnung, ein sogenanntes Opt-out, abwählen ließe. Sein Ziel: „Wir brauchen eine höhere Durchdringung der Abdeckung.“

Der Schadenexperte sieht drei wichtige Stellschrauben für die Zukunft: Aufklärung, Prävention und Schutz. So wäre es sinnvoll, in die heute bereits bestehende Gebäudesubstanz auf Basis einer Risikoanalyse zu investieren. Auch Klimaforscher Mojib Latif sieht eine Lösung für die zukünftigen Probleme darin, besonders gefährdete Regionen so sicher wie möglich zu machen. Schließlich sei das auch nach dem Hochwasser 2002 in Sachsen passiert. Und auch er sieht die Herausforderungen durch den menschengemachten Klimawandel als eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe. Doch gebe es Grenzen der Vorhersagbarkeit, der Anpassungsfähigkeit und der Finanzierbarkeit. Der Klimawandel sei kompliziert und nicht linear. „Wir fahren im Nebel auf der Autobahn mit Höchstgeschwindigkeit und wissen nicht, wann das Hindernis kommt. Wir sind nicht gut vorbereitet.“

Wenn Ihnen dieser Artikel gefällt, abonnieren Sie unseren täglichen kostenlosen Newsletter für weitere relevante Meldungen aus der Versicherungs- und Finanzbranche!