Hart arbeiten, früh sterben: Rentendebatte neu entfacht

Hannah Petersohn Versicherungen

Wer wenig verdient, bekommt nicht nur eine kleinere Rente, sondern hat auch eine geringere Lebenserwartung als Gutverdiener. Eine Anhebung des Renteneintrittsalters könnte die soziale Spaltung verschärfen, befürchtet der Sozialverband VdK und fordert Reformen.

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Wer hart gearbeitet und wenig verdient hat, bezieht nicht nur eine geringe Rente, sondern lebt auch kürzer. Bild: Adobe Stock/Anke Thomass

Menschen, die ihr Leben lang schwer arbeiten und dabei wenig verdienen, haben eine kürzere Lebenserwartung als jene, die einen weniger belastenden Job haben und gut verdienen. Was man schon lange vermutet hat, belegen nun aktuelle Zahlen des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW).

Die Studie im Auftrag des Sozialverbands VdK kommt zu dem Ergebnis, dass Gutverdiener im Schnitt knapp fünf Jahre länger leben als Geringverdiener. Menschen der untersten Einkommensgruppe haben demnach eine Lebenserwartung von 82,6 Jahren, während Arbeitnehmer mit dem höchsten Einkommen auf 87,5 Jahre kommen.

Sind die körperlichen oder psychosozialen Arbeitsbelastungen hoch, verkürzt sich die Lebenserwartung um drei Jahre im Vergleich zu jenen Arbeitnehmern, die weniger Stress ausgesetzt sind. Und: Beamte haben aktuell eine Lebenserwartung von 87,2 Jahren. Sie leben somit länger als Angestellte, Selbstständige und Arbeiter. Letztere haben mit 83,1 Jahren die kürzeste Lebenserwartung.

Renteneinstiegsalter anheben?

Die Lebenserwartung hängt also eng mit Beruf und Einkommen zusammen. Und das muss aus Sicht des VdK sowie der Studienautoren des DIW Folgen für die Lebensarbeitszeit haben. Sprich: Besonders belastete Arbeitnehmer sollen ohne Abschläge eher in Rente geschickt werden.

Dem gegenüber steht der Vorschlag von Ökonomen des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW), die dazu raten, die Altersgrenze für den Rentenbeginn sukzessive zu erhöhen. „Bis auf 70 Jahre ab 2052 ließe sich der Beitragsanstieg (…) bremsen und gleichzeitig das Sicherungsniveau stabilisieren“, heißt es seitens des IW. Mit einer Erhöhung des Rentenalters auf „nur“ 68 Jahre ab 2040 wäre das Rentenniveau dauerhaft nicht zu halten.

Auch der Präsident des Arbeitgeberverbandes Gesamtmetall, Stefan Wolf, macht sich vor dem Hintergrund der Finanzierungsprobleme bei den Rentenkassen in Kombination mit der steigenden Lebenserwartung für einen späteren Rentenbeginn stark. „Wir werden in den nächsten Jahren über ein Renteneintrittsalter von 69 bis 70 Jahren reden müssen“, sagte er gegenüber der Funke Mediengruppe.

Arbeitsminister Hubertus Heil lehnte diesen Vorschlag jedoch ab und bezeichnete ihn als zynisch angesichts der Tatsache, dass Deutschland bereits eines der höchsten Rentenalter im europaweiten Vergleich habe.

Auch der VdK warnt vor einer pauschalen Erhöhung des Renteneintrittsalters. Gerade wer in körperlich oder psychisch herausfordernden Berufen arbeite, könne nicht noch länger arbeiten. Geht diese Bevölkerungsgruppe dann eher in Rente als vorgesehen, müsste sie Abschläge in Kauf nehmen. „Wird das Renteneintrittsalter erhöht, benachteiligt sie das doppelt: Zum einen, bekommen sie deutlich geringere Renten. Zum anderen beziehen sie diese aufgrund ihrer geringeren Lebenserwartung erheblich kürzer“, sagt VdK-Präsidentin Bentele.

Eine Erhöhung des Renteneintrittsalters wird, laut Bentele, die soziale Spaltung in der älteren Bevölkerung weiter verschärfen. Noch mehr Menschen könnten in die Altersarmut rutschen. Schließlich haben Rentner aus Haushalten mit prekären Einkommen eine deutlich geringere Lebenserwartung im Vergleich zu wohlhabenden Haushalten. „Konkret leben ärmere Rentner fünf Jahre kürzer als reichere“, so der Sozialverband.

Ein Vorsorgesystem für alle

Die Ergebnisse der Studie würden demnach belegen, dass die Systeme zu Altersvorsorge nicht gerecht sind. So sind Menschen, die in die gesetzliche Rentenversicherung einzahlen, im Alter deutlich schlechter gestellt als Beamte. Der Verband fordert daher grundlegende Reformen: „Wir brauchen eine Rentenversicherung, in die alle Erwerbstätigen einzahlen: Arbeiter, Angestellte, Selbstständige und eben auch Politiker und Beamte“, sagt die VdK-Präsidentin. Auf diese Weise könne das Rentenniveau stabilisiert und die soziale Spaltung aufgehalten werden.

Die Selbstständigen in das System der Alterssicherung einzubeziehen, hatte Arbeitsminister Heil vor kurzem ebenfalls in Betracht gezogen: „Je mehr einzahlen, desto besser für die Stabilität der Rentenkasse“, so Heil gegenüber dem ARD-Morgenmagazin. Auch in ihrem aktuellen Wahlprogramm spricht sich die SPD dafür aus, Selbstständige schrittweise in die gesetzliche Rentenversicherung zu integrieren.

Experten bezweifeln aber, ob dadurch die prognostizierten Finanzierungsprobleme in der gesetzlichen Rentenversicherung gelöst werden können. Stattdessen wird – neben weiteren Reformvorschlägen – für eine Anpassung des Renteneintrittsalters an die Lebenserwartung plädiert. Ein entsprechender Vorschlag des wissenschaftlichen Beirats des Bundeswirtschaftsministeriums schlug vor Kurzem hohe Wellen und wurde von Politikern aller Parteien prompt zurückgewiesen. Nun wird die Debatte weiter angeheizt und um den Aspekt der hart arbeitenden Geringverdiener erweitert.

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