Flutkatastrophe: Versicherungen offen gegenüber Pflichtversicherung

Hannah Petersohn Versicherungen

Die Diskussionen um eine Pflichtversicherung gegen Naturschäden reißen nicht ab. Zeigten sich die Versicherer demgegenüber bisher eher zurückhaltend bis skeptisch, schlagen sie nun neue Töne an.

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Nach den verheerenden Schäden, wie hier im rheinland-pfälzischen Monreal, zeigen sich die Versicherer nun offen gegenüber der Diskussion um eine Pflichtversicherung. Bild: Adobe Stock/Markus Volk

Viele Hausbesitzer in den Katastrophengebieten verfügen über keine Elementarversicherung, die bei Naturereignissen wie Starkregen, Hochwasser oder Erdrutschen greift. Der Gesamtverband der deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) geht davon aus, dass nicht einmal die Hälfte der Verbraucher eine Elementarschadenversicherung besitzt.

Der GDV schätzt mittlerweile den versicherten Schaden auf rund 5,5 Milliarden Euro – der Gesamtschaden dürfte folglich wesentlich höher ausfallen. Hilfe soll in Form eines Wiederaufbaufonds kommen, in den Bund und Länder bis zu 30 Milliarden Euro zahlen wollen. Vor diesem Hintergrund plädieren Politiker wie der baden-württembergische Ministerpräsident Winfried Kretschmann für eine entsprechende Versicherungspflicht.

Automatisch elementarversichert

„Die Frage nach einer Pflichtversicherung steht für mich an zweiter Stelle“, sagte hingegen Markus Hofer, Leiter der Generali-Schadenabteilung in Deutschland, am Donnerstag auf einer Online-Veranstaltung des Versicherers. Allerdings wolle er sich der Diskussion darüber nicht verschließen. Er schlägt eine Alternative vor: So könne jeder, der eine Gebäudeversicherung abschließt, damit automatisch eine elementare Abdeckung erhalten. Diese könnte dann nur über eine bewusste Ablehnung, ein sogenanntes Opt-out, abgewählt werden. „Wir brauchen eine höhere Durchdringung der Abdeckung“, erklärt Hofer.

Und mit diesem Vorschlag ist Hofer nicht allein: Standen Versicherer der Forderung einer Pflichtversicherung zunächst zögerlich bis skeptisch gegenüber, klingen die jüngsten Äußerungen konszilianter. „Wir diskutieren im Gesamtverband der Versicherungswirtschaft sehr aktiv, wie Lösungsmöglichkeiten aussehen können“, sagte Jörg Rheinländer, HUK-Coburg-Vorstandsmitglied, gegenüber der Deutschen Presse-Agentur. Denkbar wäre demnach eine Elementar-Pflichtversicherung für sehr hohe und schwere Schäden. „Vielleicht kriegt man die Politik dahin, dass man ganz extreme Ereignisse verpflichtend absichert, also mit sehr hohen Selbstbehalten“, so Rheinländer. Einen ähnlichen Vorschlag hatten unlängst Verbraucherschützer vorgelegt.

Auch der GDV wird in wenigen Monaten neue Vorschläge präsentieren: „Wir werden im Herbst Ideen vorlegen, wie sich die Verbreitung der Naturgefahrenversicherung zu risikogerechten Preisen signifikant erhöhen lässt“, so GDV-Hauptgeschäftsführer Jörg Asmussen. Es gehe darum, eine Versicherungslösung zu finden, die Teil eines Gesamtkonzepts sei. „Dazu gehören auch Aufklärung und verbindliche Maßnahmen zur privaten und staatlichen Prävention.“

Gründe für Skepsis

Die Zurückhaltung gegenüber einer Versicherungspflicht erklärt sich aus der Sorge der Versicherer, dass Hausbesitzern mit einer umfassenden Abdeckung die Motivation zur Schadenprävention fehlen könnte. Auf der anderen Seite steht das sogenannte Samariterdilemma: Demzufolge könnte die helfende Hand des Staates dazu führen, dass Bürger weniger bereit sind, sich privat zu versichern, befürchtet der Präsident des Instituts für Wirtschaftsforschung Clemens Fuest.

Er plädiert aus diesem Grund auch für eine Versicherungspflicht – jedoch mit risikobasierten Beiträgen: Hausbesitzer in Risiko-Gebieten müssten entsprechend höhere Versicherungsbeiträge zahlen als solche in weniger gefährdeten Gebieten. Das würde aus Sicht des ifo-Präsidenten dazu führen, dass sich Immobilienbesitzer stärker für den Hochwasserschutz einsetzen würden. „Die Resilienz gegenüber Naturkatastrophen würde sich durch eine so ausgestaltete Pflichtversicherung erhöhen“, so Fuest. Aus Sicht des Professors sollte die Versicherungspflicht jedoch erst einmal nur auf Neubauten angewandt werden.

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