Cyber- und Vertrauensschäden: Laissez-faire trifft auf kriminelle Energie

Martin Thaler Berater Versicherungen Top News

Neben der Cyberversicherung hat das mobile Arbeiten auch Auswirkungen auf die Vertrauensschadenversicherung. „Treiber sind hier die Compliance-Vorschriften“, erklärt Rüdiger Kirsch, Betrugsexperte beim Kreditversicherer Euler Hermes. Gemäß dem Motto „Im Dunkeln ist gut munkeln“ werden insbesondere Betrügereien durch die eigenen Mitarbeiter wesentlich erleichtert – schließlich entfällt beispielsweise das Risiko, beim Fälschen von Rechnungen von einem Kollegen überrascht zu werden, im Home-Office komplett.  

Auch das Risiko, Opfer von Betrügern von außerhalb des Unternehmens zu werden, ist durch das mobile Arbeiten größer geworden, berichtet Kirsch und präsentiert ebenfalls ein Beispiel. So war die Buchhalterin eines Krankenhauses von der privaten Mailadresse ihres Chefs dazu angewiesen worden, Zahlungen in Höhe von 350.000 Euro für angebliche Wertpapierkäufe freizugeben. Über den Vorgang sollte die Frau absolutes Stillschweigen bewahren, hieß es in der E-Mail ihres vorgeblichen Chefs. Die Buchhalterin tat wie ihr geheißen und überwies den Betrag auf ein ungarisches Konto – ohne Rücksprache mit ihrem Chef zu halten.  

Zwar konnte die Versicherung den Betrag später mithilfe eines auf derartige Fälle spezialisierten Anwalts sichern. Doch häufig ist in solchen Fällen das Geld verloren und der Täter auf und davon. „Die Chance, das Geld zurückzuholen, besteht vielleicht in 30 Prozent der Fälle. In den übrigen Fällen bleiben die Unternehmen auf dem Schaden sitzen“, so Kirsch.  

Flexible Handhabung der Compliance-Vorschriften

Dabei wären derartige Fälle leicht zu vermeiden. „So waren im vorliegenden Fall sowohl der CEO als auch der CFO telefonisch zu erreichen“, berichtet Kirsch. „Allerdings hatte die Buchhalterin die privaten Telefonnummern der beiden Manager nicht.“ Zum anderen zeigt sich an diesem Fall, dass Unternehmen bestehende Compliance-Regeln im mobilen Arbeiten nicht vollständig befolgen, sondern „flexibel“ auslegen. Laut GDV-Umfrage ist das bei zwölf Prozent der 300 befragten mittelständischen Unternehmen der Fall.  

Noch ist die große Schadenwelle bei den Vertrauensschadenversicherern ausgeblieben. So hätten die Versicherer im vergangenen Jahr zwar mehr Schadenfälle, jedoch geringere Schadensummen verzeichnet. In diesem Jahr deuten die ersten Monate jedoch auf eine deutliche Zunahme bei der Schadenshöhe hin. Zudem, bemerkt Kirsch, würden viele Schäden erst zeitverzögert nach Monaten oder gar Jahren festgestellt. Gut möglich also, dass die große Corona-Schadenwelle erst noch kommt.

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