Brexit: Wie der Finanzplatz London langsam an Boden verliert

Gastkommentar Investmentfonds von Tobias Stöhr

London galt traditionell als Zentrum der Kapitalmärkte in Europa. Nun hinterlässt der Brexit allerdings seine Spuren. Wie schwerwiegend diese ausfallen, kommentiert Börsenexperte Tobias Stöhr.

Tobias Stöhr, Bild: Spectrum Markets

Tobias Stöhr, Börsenexperte bei Spectrum Markets, Bild: Spectrum Markets

Viele fragen sich, wie groß die Auswirkungen dieser Handelsverlagerungen in die EU für die Londoner City tatsächlich sind. Denn ein erheblicher Teil davon wird nun außerhalb Großbritanniens abgewickelt, verbleibt aber wirtschaftlich bei Unternehmen mit Hauptsitz in London, da die Abwicklung einfach über deren EU-Tochtergesellschaften erfolgt.

Diese Sichtweise greift jedoch zu kurz, wenn man die tieferen Probleme betrachtet, die die Handelsverlagerungen mit sich bringen. London war traditionell das Zentrum der europäischen Kapitalmärkte. Ein Großteil der Technologie, der zugrundeliegenden Handelsinfrastrukturen, des Handels selbst sowie ein großer Teil der relevanten Regulierung in Europa baut auf dem Wissen und der Erfahrung auf, die sich dort entwickelt haben. Die Frage, wo das Geschäft physisch abgeschlossen wird, hat also andere Auswirkungen als nur die Frage, wo die Steuer auf diese Transaktionen fällig wird.

Handelsströme werden nicht so bald zurückkehren

Experten sind sich einig, dass die Märkte in der jüngsten Vergangenheit extrem dynamisch geworden sind und dass die Liquidität, wie fließendes Wasser, immer zuerst einen Weg findet, die tiefsten Kanäle zu fluten. Experten sind sich auch einig, dass der Handelsstrom, nachdem er einmal London verlassen hat, nicht so bald nach London zurückkehren wird.

War es die längste Zeit im beiderseitigen Interesse der EU und Großbritanniens, Vereinbarungen über Finanzdienstleistungen zu treffen, verschiebt sich der Druck mehr und mehr in Richtung Großbritannien, da die Anreize für die EU, Zugeständnisse zu machen, proportional mit der Anpassung der Märkte an den Status quo schwinden. Und während der Verlust des Geschäfts mit in der EU notierten Aktien mit Kunden in Europa für London finanziell verkraftbar sein mag, würde der potenzielle Verlust des Clearinggeschäfts mit Euro-Derivaten einen viel härteren Einschnitt bedeuten.