Braucht es eine Elementarschaden-Pflichtversicherung?

Florian Burghardt Berater Versicherungen Top News

Die jüngste Flutkatastrophe hierzulande hat die Diskussion um die Einführung einer Pflichtversicherung gegen Elementarschäden wiederbelebt. Welche Gründe für und welche Gründe gegen obligatorische Policen spricht, zeigt unser Format pro/contra.

Argumentieren für respektive gegen die Einführung einer Pflichtversicherung von Elementarschäden: VWE-Präsident Manfred Jost und procontra-Redakteur Florian Burghardt. Bild: Lentner/FuG-Verlag; Bildbearbeitung: procontra

Argumentieren für respektive gegen die Einführung einer Pflichtversicherung von Elementarschäden: VWE-Präsident Manfred Jost und procontra-Redakteur Florian Burghardt. Bild: Lentner/FuG-Verlag; Bildbearbeitung: procontra

Für eine Elementarschaden-Pflichtversicherung argumentiert Manfred Jost, Präsident des Verband Wohneigentum e.V. Dem Verband gehören rund 340.000 Immobilieneigentümer als Mitglieder an:

Die Schicksale der Menschen in den überfluteten Gebieten haben uns alle erschüttert. Hilfs- und Spendenbereitschaft vieler Menschen sind groß, die Politik hat staatliche Soforthilfen zugesagt.

Das ist gut. Es wird aber nicht ausreichen in Zeiten, in denen Experten wie jüngst der Weltklimarat IPPC prognostizieren, dass witterungsbedingte Naturgefahren zunehmen. Unwetter, Starkregen, Brände, Erdrutsche – es kann jeden Menschen mit Wohneigentum überall in Deutschland treffen. In wenigen Momenten sind ganze Existenzen vernichtet und die wirtschaftlichen Schäden enorm. Bund und Länder werden allein zur Wiederherstellung der Infrastruktur Milliardenbeiträge mobilisieren müssen. 

Pflichtversicherung muss her

Eine Absicherung gegen die Folgen dieser Wetterextreme ist essentiell. Die Politik muss neben der Optimierung des Katastrophenschutzes jetzt auch die Weichen für ein verlässliches System für die Schadenbeseitigung und deren Kosten stellen. Es darf nicht sein, dass Familien nach einer Naturkatastrophe vor den Trümmern ihrer Existenz stehen –  und von Stimmungs- oder Kassenlage in Politik und Gesellschaft abhängen.

Wir plädieren darum für eine bundesweite solidarische Pflichtversicherung gegen Elementarschäden. Nur so können selbstnutzende Wohneigentümer zu einem bezahlbaren Versicherungsschutz kommen.

Klassisches Marktversagen

Nicht einmal jeder Zweite hierzulande hat eine Elementarschadenversicherung. Das auf Freiwilligkeit basierende System scheint also unzureichend zu sein. Außerdem benachteiligt es Eigentümer, die im Zonierungssystem der Versicherer für Überschwemmungsrisiko, Rückstau und Starkregen (Zürs Geo) schlecht abschneiden. Ihnen drohen hohe Prämien – wenn sie überhaupt einen Versicherer finden. Im wiederholten Schadensfall laufen sie Gefahr, aus der Versicherung ausgeschlossen zu werden. Ein klassisches Marktversagen, das den Gesetzgeber zum Handeln zwingt.

Auf der anderen Seite sind aber auch knapp 40 Prozent der Immobilien bereits durch eine Elementarschadenversicherung geschützt; wenn dann alle Geschädigten im Katastrophenfall staatliche Unterstützung erhalten, nimmt die Bereitschaft ab, künftig noch Prämien zu zahlen. 

Mit Opt-out beginnen, aber…

Eventuell hat eine Pflichtversicherung zunächst Akzeptanzprobleme. Aber immerhin hat der Chef des größten europäischen Rückversicherers Münchener Rück, Joachim Wenning, erklärt, dass es für die private Versicherungswirtschaft machbar wäre, wenn der Staat, wie in der KFZ-Versicherung, eine Elementarschaden-Pflichtversicherung einführen würde. Um dennoch das Prinzip der Freiwilligkeit zunächst beizubehalten, ist als erster Schritt eine Allgefahrenabsicherung als Teil der Wohngebäudeversicherung denkbar. Dabei wird Eigentümern automatisch der umfassende Schutz (einschließlich Naturgefahren) angeboten, sie können die Elementarschadenversicherung aber abwählen.

Wird diese Maßnahme nach einer vorab gesetzten Frist evaluiert und erbringt dann nicht die gewünschte Absicherungsquote, muss die Versicherungspflicht eingeführt werden. Wichtig ist dabei, einen Ausgleichsmechanismus für finanziell überforderte Eigentümer zu installieren.

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