Angst vor Corona: Die BU ist keine „Vorbeuge-Versicherung“

Martin Thaler Berater Recht & Haftung

Die Angst vor einer schweren Corona-Erkrankung ist insbesondere bei Risikopatienten weit verbreitet. Doch rechtfertigt allein diese Angst Leistungen aus einer Berufsunfähigkeitsversicherung? Eine Frage, mit der sich jüngst das Landgericht Münster auseinandersetzen musste.

Angst Bild: Adobe Stock/denisismagilov

Die Befürchtung, schwer an Corona zu erkranken, rechtfertigt keine Leistungen aus einer BU-Versicherung, erklärte das Landgericht Münster. Bild: Adobe Stock/denisismagilov

Nicht für jeden hat eine Infektion mit dem Corona-Virus dieselben gesundheitlichen Folgen. Während sich bei Jüngeren ohne Vorerkrankungen häufig nur milde Symptome zeigen, ist die Wahrscheinlichkeit auf einen schweren Krankheitsverlauf bei anderen Gruppen wesentlich höher. Laut Robert-Koch-Institut (RKI) steigt das Risiko einer schweren Erkrankung ab dem 50. bis 60. Lebensjahr an. Auch Vorerkrankungen wie z.B. Herzkreislauferkrankungen, Adipositas erhöhen das Risiko.  

Entsprechend steigt bei den Risiko-Patienten die Angst vor einer Ansteckung. Doch rechtfertigt diese auch Leistungen aus einer BU-Versicherung? Mit dieser Frage hatte sich unlängst das Landgericht Münster auseinanderzusetzen (Urteil vom 08. April 2021, Az: 115 O 150/20).  

Was war passiert?  

Ein Bankangestellter hatte 2010 eine Risiko-Lebensversicherung mit BU-Zusatzversicherung abgeschlossen. Im Februar vergangenen Jahres hatte sich der Mann ins Krankenhaus begeben, damit vor Ort ein Harnleiterstein diagnostiziert und therapiert werden könne.  

Bei der Untersuchung stellten die Ärzte zudem Rundherde in der Lunge fest. Hierbei handelt es sich um Verschattungen des Lungengewebes, die ein Indiz auf Lungenkrebs sein können. Dieser Verdacht bestätigte sich zwar nicht, allerdings wiesen die Ärzte den Mann auf ein potentiell erhöhtes Risiko für einen komplikativen Verlauf im Fall einer Corona-Infektion hin. Beschwerden hatte der Mann aufgrund der diagnostizierten Rundherde allerdings keine.  

Dennoch beantragte er Leistungen aus seiner Berufsunfähigkeitsversicherung. Der Mann argumentierte, dass er im Rahmen seiner Tätigkeit als Bankangestellter vorwiegend als Immobilien-Besichtiger unterwegs sei. Diese Besichtigungen erfolgen in der Regel mit den Kunden. Der Mann vertrat nun die Auffassung, dass er seine Tätigkeit als Immobilienbesichtiger mit ständig neuen Kontakten nun nicht mehr ausüben könne, da er aufgrund der bei ihm diagnostizierten Lungenerkrankung als Risikopatient eingestuft sei und mithin einer Lebensgefahr ausgesetzt sei.  

Auch durch die Einhaltung der bekannten Vorsichtsmaßnahmen wie Abstandsregelungen könne er das Infektionsrisiko nicht senken, da sich bei der gemeinsamen Besichtigung mit Interessenten in geschlossenen Räumen nach gewisser Zeit Aerosole ansammeln würden.  

Da die Versicherung keine Berufsunfähigkeit gegeben sah, landete der Fall vor Gericht.    

Das Urteil

Auch das Landgericht Münster sah keinen Leistungsfall gegeben und verwies auf die Allgemeinen Vertragsbedingungen.

Hier hieß es:  

Berufsunfähigkeit liegt vor, wenn die versicherte Person infolge Krankheit, Körperverletzung oder mehr als altersentsprechendem Kräfteverfalls, die ärztlich nachzuweisen sind, voraussichtlich mindestens sechs Monate ununterbrochen zu mindestens 50 Prozent außerstande sein wird, ihren zuletzt ausgeübten Beruf, so wie er ohne gesundheitliche Beeinträchtigung ausgestaltet war, auszuüben.“  

Diese Bedingungen sah das Gericht als nicht erfüllt an. Zwar waren bei dem Mann Rundherde in der Lunge festgestellt worden, diese hätten bei ihm allerdings keinerlei gesundheitliche Beschwerden verursacht.  

Eine Corona-Erkrankung war bei dem Mann zudem bis zum Klagezeitpunkt nicht aufgetreten. Dass der Kläger seine berufliche Tätigkeit allein aus Vorsorge vor einer möglichen Corona-Infektion einstelle, sei hingegen nicht vom Versicherungsschutz umfasst. Die Berufsunfähigkeitsversicherung sei nach ihrem Sinn und Zweck keine „Vorbeuge-Versicherung“ zur Erhaltung der beruflichen Leistungskraft.  

Zwar könne eine bedingungsgemäße Berufsunfähigkeit auch dann vorliegen, wenn besonders Umstände eine Fortsetzung der Berufsunfähigkeit unzumutbar erscheinen lassen. Voraussetzung sei dann jedoch, dass es einen spezifischen Zusammengang zur besonderen Arbeitssituation des Versicherten gebe. Dies wäre im Fall einer möglichen Corona-Infektion beispielsweise der Fall, wenn der Versicherte in einem Bereich tätig ist, in dem er in besonderem Umfang mit Corona-erkrankten in Kontakt kommt, beispielsweise auf einer speziellen Station im Krankenhaus.  

Beim Kläger erachtete das Gericht die Infektionsgefahr jedoch nicht als arbeitsplatzbezogen. Vielmehr sei sie hier dem allgemeinen Lebensrisiko zuzurechnen. Der Kläger könne zudem durch Einhaltung von Hygienemaßnahmen, Abstandsregeln, die ausreichende Belüftung der zu besichtigen Räumlichkeiten und das Tragen einer FFP-2-Maske das Infektionsrisiko weiter herabsetzen.  

Die Klage des Mannes wies das Gericht folglich zurück. 

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