„Wir werden in Zukunft weitere Run-Offs sehen“

Matthias Hundt LV-Check Versicherungen

„Kein Lebensversicherer geht pleite“, sagt Dr. Herbert Schneidemann, Vorstandsvorsitzender der Deutschen Aktuarvereinigung (DAV). Wie er das begründet, woran man künftige Run-Off-Kandidaten erkennen kann und warum Solvenzquoten allein kaum Aussagekraft haben.

Dr. Herbert Schneidemann, Vorstandsvorsitzender der Deutschen Aktuarvereinigung (DAV)_Bild: DAV

Dr. Herbert Schneidemann, Vorstandsvorsitzender der Deutschen Aktuarvereinigung (DAV)_Bild: DAV

procontra: Das Zinsniveau belastet die Lebensversicherer nach wie vor. In welchen Bereichen schmerzt es die Unternehmen besonders?

Dr. Herbert Schneidemann: Drei Bereiche sind hier zu nennen. Zum einen die Zinszusatzreserve, für die 2020 aufgrund des erneuten Zinsrückgangs höhere Rückstellungen gebildet werden mussten. Momentan beträgt die Zinszusatzreserve etwa 87 Milliarden Euro und verschiedene Szenarien gehen davon aus, dass sie in Zukunft noch bis auf 130 Milliarden Euro ansteigen wird.
Zum zweiten ist es bei den Solvenzquoten zu spüren, wo das erforderliche Kapital und die Anforderungen an das Eigenmittel weiter gestiegen sind. Schließlich macht sich das Zinsniveau natürlich auch in der Kapitalanlage bemerkbar, die deutlich komplexer geworden ist.

procontra: Die Zinszusatzreserve (ZZR) wurde in 2018 modifiziert. Wirkt die Korridormethode so entlastend wie gewünscht?

Schneidemann: Absolut. Die Modifizierung hat großen Finanzierungsdruck von den Anbietern genommen, in dem der zukünftige Aufbau geglättet wird und damit sachgerechter erfolgt. Der Zinsrückgang verstärkte zwar weiter den Druck, das belegen die Zuführungszahlen zur ZZR in 2020. Ohne die Korridormethode wäre die Belastung jedoch deutlich höher und würde mehr Anbieter vor Probleme stellen.

procontra: Inwiefern ist die Kapitalanlage komplexer geworden?

Schneidemann: Noch vor wenigen Jahren bestand die Kapitalanlage der Lebensversicherer größtenteils aus Staatsanleihen. Die Anbieter sind jedoch dazu gezwungen, ihr Anlageportfolio zu verbreitern, um heute noch Erträge zu erzielen. Über bloße Zinstitel funktioniert das nicht mehr. Im Anlagekorb spielen neue Assets wie Private Equity, Immobilien oder Infrastrukturprojekte eine größere Rolle, was auch eine breitere Expertise in diesen Bereichen erfordert.

procontra: Und Auswirkungen auf die Solvency-II-Quoten hat, die den Verbraucherschützern bei vielen Lebensversicherern zu niedrig sind?

Schneidemann: Wichtig ist, dass die Umstrukturierung der Kapitalanlagen auch ökonomisch sinnvoll erfolgt. Es wäre für die Lebensversicherer ein Leichtes, die Verbraucherschützer hinsichtlich der Solvency-II-Quoten zufriedenzustellen – wobei mir kein einziger Lebensversicherer bekannt ist, der unter Inanspruchnahme der Übergangsmaßnahmen eine SII-Quote von unter 100 Prozent aufweist.

Dennoch könnten die Anbieter ihre Quoten in die Höhe treiben, wenn sie in der Kapitalanlage auf Zinstitel und Staatsanleihen setzen, bei denen die Eigenkapitalanforderungen bei 0 Prozent liegen. Doch dann fielen Erträge zur Finanzierung der Zinszusatzreserve weg und es wären dieselben Kritiker, die die maue Ertragssituation für die Versicherten monieren würden. Genau dafür sind die Übergangsmaßnahmen geschaffen worden, um die Umstrukturierung der Kapitalanlagen und des Produktportfolios sinnvoll und sukzessive vornehmen zu können, ohne dabei die eigene Finanzkraft zu gefährden.

Seite 1: Kapitalanlagen müssen sinnvoll umstrukturiert werden
Seite 2: Warum kein Anbieter pleitegeht und es weitere Run-Offs geben wird