Wie Privatanleger ihr Portfolio gegen Verluste schützen können

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Peter E. Huber ist einer der Granden unter den hiesigen Kapitalverwaltern mit mehr als 50 Jahren Börsenerfahrung und Geschäftsführer der Hubers Portfolio GmbH. Was er in der Krise gelernt hat, wie man mit Panik umgeht und welche Strategien er meidet, erklärt er im Gespräch mit procontra.

Huber Bild: Privat

Kapitalverwalter mit mehr als 50 Jahren Erfahrung: Peter E. Huber erklärt seine Anlagestrategien und den Umgang mit Krisen. Bild: Privat

procontra: Herr Huber, Sie haben als Vermögensverwalter und Fondsmanager ein breites Spektrum an extremen Marktereignissen miterlebt. Welches war für Sie das schwerwiegendste Ereignis?

Peter E. Huber: Das war die Ölkrise 1973/74 während meiner Studentenzeit. Ich war erst einige Jahre am Markt, 1968 habe ich meine ersten Aktien gekauft. Das Umfeld nach dem Krieg war insgesamt von Aufbau und steigenden Börsenkursen geprägt. Und dann kam die Ölkrise, als die OPEC den Ölpreis immer weiter hochgesetzt hat. In der Folge fielen die Aktienmärkte. Der Deutsche Aktienindex fiel rückgerechnet von 600 Punkten Mitte 1972 auf 350 Punkte im September 1974. Und in dieser Zeit gab es keine nennenswerten Erholungsphasen. Das war für mich eine neue Erfahrung und sehr zermürbend, da die Phase so lange anhielt. Der Tiefpunkt 1974 war dadurch gekennzeichnet, dass es ein Sonntag-Autofahrverbot gab. Sie konnten auf den Autobahnen Fußball spielen.

procontra: Die freien Straßen sind wahrscheinlich vielen noch in Erinnerung.

Huber: Eine bekannte deutsche Zeitung titelte damals: „Das Ende des Industriezeitalters“. Es war für mich die erste Erfahrung mit einem langen Bärenmarkt, der sehr drastisch ausfiel, ohne zwischenzeitliche Erholung. Das hat mich schon geprägt. Und nach dem absoluten Tiefpunkt kam die stärkste Aufwärtsbewegung im ganzen Jahrzehnt! Da habe ich gelernt, dass es sinnvoll ist, antizyklisch zu agieren – das heißt, zu kaufen, wenn die Panik am größten ist. Das sind meistens die Markttiefpunkte.

procontra: Wann sie sind, kann man schwerlich vorher abschätzen, oder?

Huber: Was man nicht abschätzen kann, sind die Markthochpunkte! Sie wissen nicht, wohin die Masse gieriger Anleger die Märkte oder Einzelaktien treiben kann. Sie können auch Krisen nicht vorhersehen, sonst könnte man sie ja vermeiden. Ich bin bis auf die Phase 2000 bis 2003, als die Märkte völlig überbewertet waren, in jede Krise hineingetappt. Sowohl Anfang 2020 als auch 2008/2009, bei dem Crash 1987 oder eben der Ölkrise. Es kündigt sich eigentlich mit Kleinigkeiten an, die man aber nicht unbedingt erkennen kann. Wenn es dann knallt, ist es zu spät.

procontra: Wie sind Sie mit der Ölkrise dann umgegangen?

Huber: Ich hatte zu dem Zeitpunkt noch keine lange Börsenerfahrung und nicht viel Geld. Damals gab es die „Nifty-Fifty“-Aktien, ähnlich wie heute die „FANG“-Aktien (Anm. d. R. Facebook, Amazon, Netflix, Google). Es waren 50 erstklassige Wachstumswerte, die immer weiter gestiegen waren, egal wie die Börsen liefen. Alle waren dort investiert, da jeder glaubte, dass diesen Firmen die Zukunft gehört. Eine davon war Control Data. Nachdem diese von 170 auf 18 US-Dollar gefallen war, begann ich zu kaufen. Sie fiel dann auf sieben Dollar ... Ich habe immer weiter zugekauft, bis fast mein ganzes Geld darin steckte und ich nicht mehr schlafen konnte! Ich habe sie später zwar mit Gewinn verkauft, aber eine weitere wichtige Erfahrung gemacht: Dass man besser ein gut diversifiziertes internationales Portfolio hat, wenn man in Aktien investiert.

procontra: Nochmal kurz zurück zu den Tiefständen: Woran machen Sie sie fest?

Huber: Es gibt klare Anzeichen, wann man in der Nähe der Tiefpunkte ist. Beispielsweise wenn die Volatilität extrem hoch ist, das ist ein Angstbarometer. Oder wenn die Aufschläge bei Hochzinsanleihen besonders hoch sind oder die Sentimentzahlen extrem ausfallen. Es gibt Dutzende von Indikatoren, die Ihnen anzeigen, wenn Anleger in Panik sind. Sie erwischen dann vielleicht nicht unbedingt den exakten Tiefstand, aber Sie können dann eben schrittweise in die Märkte gehen. Ich gehöre zu den Leuten, die starke Abwärtsbewegungen sehr gut für antizyklische Investments nutzen können und keine Probleme damit haben, in Panikphasen zu kaufen. Denn das Risiko ist dann viel kleiner als in der Euphorie, wie auch schon Warren Buffett betont hat.

procontra: Welche Mittel wenden Sie außer Ihrem Wissen und Ihrer Erfahrung an, um besonnen zu bleiben?

Huber: Grundsätzlich sollte man bei Extremereignissen – die nicht vorhersehbar sind, wie ich nochmals betonen möchte! –, erst einmal nichts machen. Auf keinen Fall verkaufen! Wie zum Beispiel auch beim elften September 2001. Die Aktienkurse sind damals rapide gefallen. Da habe ich meinen Hund geschnappt und bin erst einmal Gassi gegangen. Verkaufen wäre in solchen Phasen der größte Fehler, den man machen kann. Auch wenn dies sehr menschlich ist, wenn jemand so noch den Rest des Vermögens retten möchte.

procontra: Das ist gerade der Knackpunkt! Wie haben Sie die psychologische Stärke gewonnen, extreme Ereignisse rein rational zu betrachten?

Huber: Ich hatte immer den Spagat, dass ich umso gieriger wurde und nicht ängstlicher, je weiter die Kurse gefallen sind – im Gegensatz zu meinen Anlegern, die ich immer beruhigen musste. Ich habe kein Problem mit dieser Vorgehensweise, weil ich weiß, dass antizyklisches Handeln funktioniert. Im Zeitraum von 1929 bis 1947 zum Beispiel gab es drei oder vier Gelegenheiten, in denen es deutliche Erholungsphasen gab von 30 bis 50 Prozent. Wenn Sie schrittweise kaufen in Abwärtsbewegungen und nach einer Zwischenerholung einen Teil wieder verkaufen, kommen Sie wunderbar auch durch Abwärtsbewegungen von 90 Prozent wie im Jahr 1929. In den vergangenen 200 Jahren gab es keine Phase, in der es über mehrere Jahre hinweg massive Abwärtsbewegungen gab, ohne deutliche Zwischenerholungen. Das können Sie nutzen.

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