Studie: Finanzielle Entlastung durch Bürgerversicherung ist nur kurzfristig

Martin Thaler Versicherungen Top News

Viele Parteien ziehen mit dem Versprechen, eine Bürgerversicherung einführen zu wollen, in den kommenden Wahlkampf. Dadurch soll das Gesundheitssystem solidarischer und finanzstärker werden. Ob dieses Ziel erreichbar ist, hat nun eine neue Studie untersucht.

Krankenversicherung Bild: Pixabay/eroyka

Die Bürgerversicherung bringt nur wenig finanzielle Entlastung, stellt eine neue Studie fest. Bild: Pixabay/eroyka

Auch in diese Bundestagswahl gehen zahlreiche Parteien wieder mit dem Wahlkampfschlager Bürgerversicherung: Sowohl Linke wie auch SPD und Grüne fordern in unterschiedlicher Ausprägung in ihren Wahlprogrammen die Abkehr vom dualen Gesundheitssystem. Die Idee dahinter: Alle Patienten bekommen gleich schnell den gewünschten Termin beim Facharzt, eine Privilegierung bestimmter Patientengruppen findet nicht mehr statt. Zudem sollen die enormen Kostensteigerungen im Gesundheitsbereich, die die Gesetzliche Krankenversicherung zuletzt arg in Finanznot gebracht haben, durch eine solidarische Finanzierung aller Versicherten abgefedert werden. Von der Einbeziehung der jetzigen PKV-Versicherten versprechen sich die Bürgerversicherungs-Befürworter eine enorme Entlastung für den einzelnen Versicherten.  

Zudem gelte es, den Solidaritäts- und Gerechtigkeitsgedanken zu stärken. „Die Bürgerversicherung steht für Solidarität und Gerechtigkeit, Vielfalt und Qualität“, heißt es beispielsweise bei den Grünen.  

GKV-Ausgaben werden nicht begrenzt

Doch hätte die Einführung der Bürgerversicherung tatsächlich den gewünschten Effekt? Dieser Frage ging nun das von Seiten der Arbeitgeber finanzierte Institut der Deutschen Wirtschaft (IW Köln) nach. Das Ergebnis: Würde eine Bürgerversicherung eingeführt, könnten die heute gesetzlichen Versicherten von um 0,8 bis einen Prozent niedrigeren Beiträgen profitieren – allerdings nur kurzfristig. Bereits nach sechs Jahren hätte der Beitragssatz wieder das Ausgangsniveau erreicht, errechneten die Studienautoren.  

Grund dafür sei, dass die Bürgerversicherung keinen substanziellen Beitrag dazu leiste, den starken Ausgabeanstieg der GKV der vergangenen Jahre zu begrenzen. „Denn Treiber wie die Bevölkerungsalterung, der medizinisch-technische Fortschritt sowie institutionell bedingte Fehlanreize wirken unverändert fort“, heißt es in der Studie, die procontra vorliegt. Statt verhaltenssteuernde Anreize in der gesetzlichen Krankenversicherung zu implementieren, die eine effiziente Versorgung begünstigen, würde das bestehende GKV-System lediglich auf weitere Bevölkerungsteile ausgeweitet, monieren die Autoren.  

Auch im Hinblick auf eine gestärkte Solidarität fällt nach Aussagen der Studienautoren die Wirkung der Bürgerversicherung eher überschaubar aus. Bislang leisten vier von zehn Versicherten in der GKV einen Solidarbeitrag – das heißt, sie zahlen mehr ein, als es dem gegenwärtigen Erkrankungsrisiko entspricht. Dieser Anteil der Solidarbeitragszahler würde sich durch die Einführung einer Bürgerversicherung kaum erhöhen, sind die Studienautoren überzeugt.  

Jüngere Generation wird immer stärker belastet

Stattdessen werden die jüngeren Generationen aufgrund der demografischen Entwicklung und der steigenden Lebenserwartungen immer stärker belastet, um die gesetzliche Krankenversicherung weiter zu finanzieren. So müssten die jüngeren Altersgruppen mit immer höheren Beitragssätzen immer höhere Solidarlasten schultern. „Damit gerät das Solidaritätsprinzip selbst unter Rechtfertigungsdruck“, so die Autoren. Die Bürgerversicherung ändert hieran nichts.  

Um die steigende Belastung der jüngeren Generationen zu verhindern, schlagen die Studienautoren eine Beschränkung der umlagefinanzierten Leistungsansprüche vor. Das heißt: Die Leistungsansprüche werden gedeckt, alle Beträge darüber muss der Versicherte aus eigener Tasche erbringen. Gehandhabt werden könnte das durch einen steigenden Anteil kapitalgedeckter Vorsorge, sprich eine Versicherungslösung. Diese habe den Vorteil, so die Autoren, dass die Mitglieder einer Alterskohorte selbst für ihre zunehmenden Krankheitserwartungen aufkommen müssten – eine Umwälzung auf spätere Generationen sei nicht möglich.