Raffelhüschen: „Massive Entlastungseffekte durch Karenzzeiten in der Pflege“

Martin Thaler Versicherungen Berater Top News

Die Pflege ist die große soziale Frage dieser Zeit – dabei geht es vor allem darum, wer für die steigenden Kosten aufkommen soll. Auf der Online-Messe profino machte sich der Freiburger Professor Dr. Bernd Raffelhüschen nun für einen neuen Ansatz stark und fand deutliche Worte für die aktuelle Pflegereform.

Dr. Bernd Raffelhüschen. Bild : Privat

Kritisierte am Pflegetag auf der Online-Messe profino die jüngste Pflegereform: Der Freiburger Volkswirtschaftsprofessor Dr. Bernd Raffelhüschen. Bild : Privat

„Wer soll das bezahlen?
Wer hat das bestellt?
Wer hat so viel Pinkepinke?
Wer hat so viel Geld?“  

Über 70 Jahre ist es her, dass Karnevals-Künstler Jupp Schmitz mit diesen Zeilen die Auswirkungen der deutschen Währungsreform 1948 besang – doch noch immer gilt der Schunkelhit vielen Menschen angesichts steigender Benzinpreise oder teurer Regierungsvorhaben als hochaktuell.  

Auch auf das Thema Pflegeversicherung ließe sich der Ohrwurm gut anwenden: Denn wie die Pflege in Zukunft finanziert, vor allem aber bezahlbar bleiben soll, ist strittig. Zwar hatte Bundesgesundheitsminister Jens Spahn noch kurz vor Ende der aktuellen Legislaturperiode eine Pflegereform auf den Weg gebracht, die Kritik am „Reförmchen“ bzw. an der „Mogelpackung“, so der Bremer Pflegeforscher Heinz Rothgang, verhallte aber nicht. Der PKV-Verband kritisierte unter anderem die nicht nachhaltige Finanzierung und die Einführung eines dauerhaften Steuerzuschusses.  

Kritik am „Sockel-Spitze-Tausch“

Mit Kritik sparte wie gewohnt auch Dr. Bernd Raffelhüschen, Volkswirtschaftsprofessor an der Universität Freiburg, nicht. Auf der Pflegeversicherungstagung der Online-Messe profino (gehört wie procontra zum Alsterspree Verlag) hatte er deutliche Worte für die Spahn‘sche Reform.  

Kritik fand vor allem der sogenannte „Sockel-Spitze-Tausch“: So sieht das reformierte Gesundheitsversorgungsweiterentwicklungsgesetz Zuschüsse für stationär Pflegebedürftige vor, die mit zunehmender Pflegedauer steigen: So soll der Eigenanteil, der zuletzt wieder neue Rekordhöhen erreicht hatte, im ersten Jahr um fünf Prozent sinken, im zweiten um 25 Prozent, im dritten um 45 Prozent und ab dem vierten Jahr um 70 Prozent. Die Pflegeversicherung übernimmt folglich einen immer größeren Teil der Kosten. Raffelhüschen bezeichnete das Vorhaben als „großen Schritt in Richtung Vollkasko-Versicherung mit leichtem Eigenbehalt“. Und weiter: „Das Pflegerisiko ist ab jetzt immer ein Risiko der Zahlungsgemeinschaft und kein Risiko mehr, das in irgendeiner Weise individuell adressiert wird.“  

Keine besondere Erfolgsbilanz

2,6 Milliarden Euro soll alleine die Entlastung der Pflegebedürftigen zusätzlich kosten – dabei steht die Finanzierung der Pflegeversicherung bereits heute auf zunehmend tönernen Füßen. „Die gegenwärtigen Leistungen der Pflegeversicherung sind bei gegebenem Beitragssatz nicht tragfähig finanzierbar“, erklärt Raffelhüschen. Grund hierfür sei, dass die Generation der Babyboomer den Generationenvertrag gebrochen habe. „Unsere Generation hat, was das Kinderkriegen anbelangt, keine besondere Erfolgsbilanz vorzuweisen“, so Raffelhüschen.  

Da zugleich die Menschen immer älter würden, die Pflegefallzahlen also zunehmen, stünde die Soziale Pflegeversicherung zunehmend vor einem Finanzierungsproblem, das durch die zusätzlichen Leistungserweiterungen noch vergrößert wird.  

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