Online-Handel: Die Illusion von Sicherheit kann teuer werden

Martin Thaler Berater Versicherungen

Der Online-Handel boomt – doch bestehende Risiken werden von vielen Online-Shop-Betreibern unterschätzt. Insbesondere bei der Berufshaftpflicht sticht das Missverhältnis zwischen Risikoeinschätzung und -wahrscheinlichkeit hervor.

Online-Händler Bild: Adobe Stock/ipopba

Bei vielen Online-Händlern gibt es eine große Differenz zwischen Risikowahrnehmung und der tatsächlichen Schadenwahrscheinlichkeit. Bild: Adobe Stock/ipopba

Der Online-Handel boomt: Nicht zuletzt aufgrund des monatelangen Lockdowns kaufen immer mehr Menschen neue Schuhe, Fernseher, Medikamente oder Küchengeräte über das Internet. Laut Zahlen des Branchenverbands BEVH stieg der Brutto-Umsatz von Waren im E-Commerce im vergangenen Jahr um 14,6 Prozent auf 83,3 Milliarden Euro.  

Auch viele Einzelhändler haben aufgrund von Geschäftsschließungen ihren Weg ins Internet gefunden. Bei den häufig in aller Schnelle hochgezogenen Internet-Shops kommt es oft zu Fehlern und Ungenauigkeiten. „Dies schlägt sich jedoch nicht nur in einer mangelhaften IT-Sicherheit nieder, die von Cyberkriminellen ausgenutzt werden kann. Viele Händler machen sich durch Fehler wie ein falsches Impressum, die Verwendung markenrechtlich geschützter Begriffe oder das Fehlen von Pflichtangaben auch angreifbar für Abmahnungen“, erklärte der auf den textilen Einzelhandel spezialisierte Makler Björn Haag im procontra-Interview.  

Risiken werden unterschätzt

Dass viele Onlineshop-Betreiber zudem Risiken unterschätzen, unterstreicht nun auch die aktuelle „E-Commerce-Umfrage 2021“, die der Spezialversicherer Hiscox nun vorgelegt hat. Die große Differenz zwischen Risikowahrnehmung und realen Schadenzahlen unterstreicht das Beispiel der Berufshaftpflicht. So bewerteten 71 Prozent der im Juni dieses Jahres 200 Befragten ein übliches Schadenszenario wie die Abmahnung wegen Urheberrechtsverletzungen maximal als ein geringes Risiko. Bei kleinen Unternehmen mit weniger als zehn Beschäftigten teilten diese Einschätzung gar 78 Prozent der Befragten.  

Dass Urheberrechtsverletzungen schnell zu einem kostspieligen Ärgernis für die Betroffenen werden können, zeigt ein Blick in die Schadenstatistik von Hiscox: Demnach entsteht ein Viertel (24 Prozent) des gesamten Schadenaufwands bei Onlineshop-Versicherungen durch wettbewerbswidriges Verhalten und Urheberrechtsverletzungen.  

Ähnlich sieht es bei der Betriebshaftpflicht aus, die unter anderem Produkthaftungs- und Schadenersatzforderungen abdeckt. Knapp die Hälfte (47 Prozent) der befragten Online-Shop-Betreiber schätzt besagte Risiken als hoch ein. Laut Schadenstatistik von Hiscox entfallen jedoch 20 Prozent aller Schadensfälle und 27 Prozent des gesamten Schadenvolumens auf dieses Segment.

Vermittler sollen sensibilisieren

„Das Delta zwischen Risikowahrnehmung, tatsächlichen Schadenfällen und dem Wunsch nach Absicherung lässt darauf schließen, dass gewerbliche Risiken für einen Großteil der Onlineshops in Deutschland noch sehr abstrakt und vermeintlich weit weg sind“, kommentierte Peter Pillath, Underwriting Manager Commercial Property bei Hiscox, das Umfrageergebnis. Besonders kleinere Unternehmen würden sich besonders schwer tun mit der Risikoeinschätzung. „Versicherer und Vermittler sind hier besonders gefragt, für Risiken und Konsequenzen von Deckungslücken zu sensibilisieren und bei der Abwehr unbegründeter Ansprüche zu unterstützen“, meint Pillath.  

Auch beim Thema Cyber-Schäden scheint überwiegend Gelassenheit zu herrschen. Lediglich 32 Prozent der befragten Online-Shop-Betreiber schätzte das durch Hackerangriffe entstehende Risiko als hoch ein – obwohl durch einen solchen Angriff der Betrieb in den Stillstand gezwungen werden kann. Bei den kleinen Unternehmen mit weniger als zehn Mitarbeitern scheint das Sicherheitsgefühl noch stärker ausgeprägt – nur 19 Prozent sahen Betriebsunterbrechungen infolge eines Hacker-Angriffs als großes Risiko, immerhin 22 Prozent bewerteten das Risiko, dass Hacker Kundendaten missbrauchen, als hoch.  

Entsprechend lax werden IT-Sicherheitsmaßnahmen implementiert: Fast die Hälfte verfügt über keine automatischen Sicherheits-Updates (44 Prozent) bzw. eine Firewall (45 Prozent). 55 Prozent der Händler sichern zudem ihre Daten nicht ab.  

Steigende Schadentendenz

„Das geringe Risikobewusstsein für Cyber-Gefahren bei Onlineshop-Betreibern sehen wir mit Sorge. Zwar machen Cyber-Schäden in unseren Statistiken am Gesamtschaden bislang nur 13% aus, doch die Tendenz steigt sichtbar und wird mit Blick auf die Digitalisierung des Handels weiter zunehmen“, ordnet Peter Pillath die Umfrageergebnisse ein.  

Wie gravierend Hacker-Angriffe ausfallen können, zeigen zwei aktuelle Fälle aus dieser Woche. So musste die Haftpflichtkasse an diesem Wochenende ihre Systeme nach einer Cyber-Attacke weitgehend herunterfahren. Details über den Vorfall sind derzeit noch wenige bekannt, die Webseite des Versicherers jedoch ist immer noch offline.  

Der Landkreis Anhalt-Bitterfeld rief nach einem Angriff mit einem Erpressungstrojaner den Katastrophenfall aus, da man viele Systeme vom Netz nehmen musste. Anliegen der Bürger, wie die Beantragung von Sozialhilfe, konnten deshalb nicht bearbeitet werden.