Eigenanteile in der Pflege so hoch wie nie

Anne Mareile Walter Versicherungen

Die Eigenanteile für die Pflege im Heim sind im bundesweiten Schnitt auf mehr als 2.000 Euro gestiegen und liegen damit noch über den Beiträgen des Vorjahres. Dass Spahns Pflegereform Betroffene tatsächlich entlastet, bezweifeln viele Experten.

Anteil Bild: Adobe Stock/bluedesign

Die Eigenanteile für Pflegebedürftige sind ein weiteres Jahr in Folge gestiegen. Bild: Adobe Stock/bluedesign

Pflegebedürftige, die im Heim betreut werden, müssen immer tiefer in die Tasche greifen: Wie aus Daten des Verbands der Ersatzkassen (VDEK) vom 1. Juli hervorgeht, liegen die Eigenanteile für die Pflege nun im Bundesdurchschnitt bei 2.125 Euro pro Monat und sind damit erneut gestiegen. 57 Euro mehr als zu Jahresbeginn müssen Betroffene jetzt aus der eigenen Haushaltskasse beisteuern und 110 Euro mehr als vor einem Jahr. 2018 hatte der bundesweite Durchschnitt noch bei 1.772 Euro gelegen.

In Nordrhein-Westfalen sind die Beiträge am höchsten

Am meisten müssen Heimbewohner in Nordrhein-Westfalen für die Pflege und Unterbringung hinblättern: Hier liegen die selbst zu zahlenden Anteile im Schnitt bei 2.496 Euro. Teuer ist es für Pflegebedürftige auch in Baden-Württemberg (2.463 Euro), dicht gefolgt vom Saarland mit 2.455 Euro.

Mit 1.539 Euro werden Pflegebedürftige in Sachsen-Anhalt am wenigsten zur Kasse gebeten, auch in Mecklenburg-Vorpommern (1.685 Euro) und Thüringen (1.724 Euro) fällt die Beitragshöhe vergleichsweise gering aus.

Der in den Beiträgen enthaltene Eigenanteil für die reine Pflege stieg im bundesweiten Schnitt auf 873 Euro, Anfang des Jahres hatte er noch bei 831 Euro gelegen. Mit 1.167 Euro ist er in Baden-Württemberg am höchsten, am niedrigsten liegt er in Thüringen mit 615 Euro. Neben den Anteilen für die reine Pflege sind in den Beiträgen auch die Eigenanteile für Unterkunft, Verpflegung und Investitionen in den Einrichtungen enthalten.

Zweifel am Effekt der Pflegereform

Aus Sicht von VDEK-Vorstandschefin Ulrike Elsner zeige der ungebremste Aufwärtstrend bei den Eigenanteilen, dass sich Länder und Bundesregierung noch umfassender mit dem Thema Pflege befassen müssen. „Wenn sich diese Entwicklung so fortsetzt, werden immer mehr Menschen auf Leistungen der Sozialhilfe angewiesen sein, weil sie die Kosten nicht mehr selbst aufbringen können“, sagte sie. Um Pflegebedürftige spürbar zu entlasten, sei ein dauerhaft höherer Steuerzuschuss für die Pflegeversicherung nötig. Zudem müssten Investitionskosten der Heime von den Ländern getragen werden.

Mit der im Juni beschlossenen Pflegereform will der Bund künftig für eine finanzielle Entlastung der Pflegebedürftigen sorgen, indem deren Eigenanteile begrenzt werden. Nach dem neuen Gesetz erhalten vollstationär Pflegebedürftige, die mehr als ein Jahr in einer Einrichtung leben, nun einen Zuschlag in Höhe von 25 Prozent ihres zu zahlenden Eigenanteils. Wer mehr als zwei Jahre vollstationäre Leistungen bezieht, bekommt 45 Prozent des zu zahlenden Anteils überwiesen. Bei mehr als 36 Monaten soll der Zuschlag bei 70 Prozent liegen. Ab dem ersten Monat bis zum Ende des ersten Jahres liegt der Zuschlag bei fünf Prozent.    

Experten attestieren dem neuen Gesetz massive Lücken. So hatte die „Initiative für eine nachhaltige und generationengerechte Pflegereform“, der auch der Verband der Privaten Krankenkassen (PKV) angehört, kritisiert, dass für die Bezuschussung der Eigenanteile weder eine „ausreichende Gegenfinanzierung“ noch eine „nachhaltige Finanzierungsstrategie“ vorliege. Dies würde kurzfristig zu steigenden Pflegeversicherungsbeiträgen führen. Der Vorstand des Verbraucherzentrale Bundesverbands (vzbv), Klaus Müller, betrachtete die Reform als „Ohrfeige für Betroffene“. Die angekündigten finanziellen Entlastungen der Betroffenen würden tatsächlich „sehr bescheiden“ ausfallen. Weder den ambulant gepflegten Menschen noch den Pflegeheimbewohnern sei mit dieser Reform nachhaltig geholfen. Für Heimbewohner seien die Entlastungen so gering, dass schon in zwei Jahren das heutige Durchschnittsniveau der Eigenanteile von mehr als 2.100 Euro wieder erreicht sein werde.