T-Aktie beeinflusst Anlageverhalten bis heute

Martin Thaler Investmentfonds Top News

Die Telekom-Aktie befeuerte einst die Aktien-Lust der Deutschen – mittlerweile wirkt sie besonders bei ehemaligen Anlegern als Bremsklotz. Wie genau sich die einstige Volksaktie auf die Aktienkultur der Deutschen ausgewirkt hat und welche Lösungen es gibt, hat nun das DIW Berlin untersucht.

T-Aktie Bild: picture alliance

Wer wäre nicht gerne Aktionär, fragten zum Börsenstart der Telekom im Jahr 1996 Telekom-Finanzvorstand Jörg Kröske (von links), Dresdener-Bank-Vorstand Jürgen Sarrenzin und Telekom-Chef Ron Sommer. Bild: picture alliance

Ob als resoluter Brummifahrer Franz Meersdonk, als rühriger Rechtsanwalt Robert Liebling oder singender Kommissar Paul Stöver: Manfred Krug galt und gilt auch heute noch für viele als einer der beliebtesten deutschen Schauspieler. Kein Wunder also, dass Krug auch als Werbefigur stark gefragt war. Aquavit mit dem Malteserkreuz, Waschpulver von Persil (zusammen mit Ehefrau Ottilie) oder Rechtsschutz von Advocard – Krug bewarb sie alle.  

Doch kein Werbeengagement war wohl so bedeutsam, wie das für die Deutsche Telekom. „Wenn die Telekom jetzt an die Börse geht – geh ich mit“, ließ Krug seine Zuschauer wissen und sorgte unter den sonst so risikoscheuen Deutschen für ein wahres Aktienfieber. Insgesamt 1,9 Millionen Deutsche investierten in die sogenannte „Volksaktie“, viele von ihnen zum ersten Mal. Und offenbar vielfach auch zum letzten Mal.  

Spürbare Auswirkungen auf Anlageverhalten

Denn der Kurssturz der T-Aktie von 104,90 Euro im März 2000 auf 8,16 Euro im Juli 2002 scheint auch heute noch Einfluss auf die Aktienkultur vieler Deutscher zu haben. Laut einer aktuellen Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin) und der Universität Bonn investieren Haushalte, die den T-Aktien-Kursrutsch miterlebten, noch heute zu 60 Prozent seltener in Wertpapiere als jüngere Haushalte.  

„Der Kurssturz der T-Aktie hat die Aktienmüdigkeit der Deutschen bis heute verstärkt. Dies ist fatal für den langfristigen Vermögensaufbau, vor allem bei der Altersvorsorge“, fasst Studienautorin Chi Hyun Kim von der Universität Bonn die Studie zusammen.  

Das ist noch nicht alles: „Haushalte, die damals in T-Aktien investiert haben, investieren 20 Jahre später nicht nur zwölf Prozent weniger in Aktien als Haushalte, die zwar das Telekom-Ereignis miterlebt haben, aber nicht aktiv investiert hatten. Sie steigen auch mit einer um 18 Prozentpunkte geringeren Wahrscheinlichkeit in den Aktienmarkt ein“, heißt es weiter in der Studie.  

"So sicher wie eine vererbbare Zusatzrente"

Insgesamt sank die Aktienquote bis 2016 nach dem Crash des Neuen Marktes von 40 Prozent zurück auf 21 Prozent – den gleichen Wert wie schon in den 1990er-Werten. Dies ist nicht allein auf die Talfahrt der T-Aktie zurückzuführen, allerdings wies diese laut den Studienautoren eine einzigartige Bedeutung für die deutschen Haushalte auf. So galt die Deutsche Telekom als ehemaliges deutsches Staatsunternehmen vielen als besonders vertrauenswürdig, auch die hohe Medienpräsenz mit Werbe-Testimonial Krug förderte das Vertrauen. Zugleich wurde das Wertpapier vom damaligen Konzernchef Ron Sommer, der 2002 seinen Hut nehmen musste, als sichere Geldanlage angepriesen („Die T-Aktie wird so sicher wie eine vererbbare Zusatzrente sein“).

Auch deswegen dürfte der Absturz laut Auffassung der Studienautoren starke emotionale Reaktionen bei den Deutschen ausgelöst haben.  

Die Folgen sind schwerwiegend: Denn durch das in Mitleidenschaft gezogene Vertrauen in Aktien konnten die Anleger von damals kaum oder gar nicht von den seit damals steigenden Aktienkursen profitieren, sondern setzten beim Thema Altersvorsorge bzw. Vermögensaufbau auf ihre Sparkonten. Zumal besteht die Gefahr, dass auch jüngere Generationen, die in den vergangenen Jahren zunehmend die Scheu vor Aktieninvestments ablegten, durch Enttäuschungen infolge von Kursstürzen nachhaltig abgeschreckt werden könnten.  

Was ist zu tun?

Um solche Negativerfahrungen zu vermeiden, plädieren die Studienautoren dafür, dass Aufsichtsbehörden die Marktentwicklung und Handelsvolatilität sorgfältig überprüfen, um auf missbräuchliche oder manipulative Handelsaktivitäten reagieren zu können. Fälle wie Wirecard, bei dem ebenfalls tausende Kleinanleger zu Schaden kamen, gelte es zu vermeiden.  

Zudem plädieren die Autoren für eine Stärkung der Finanzbildung und deren Verankerung im Schulunterricht. „Ein besseres Verständnis über den Aktienmarkt und risiko-minimierende Investitionsmethoden wie die Diversifizierung des Portfolios können KleinanlegerInnen helfen, den Marktverlauf rationaler zu betrachten und somit irrationale Investitionsentscheidungen zu reduzieren“, zeigt sich das DIW Berlin überzeugt.